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Neubiberg:Flaschenpostmoderne

Die Künstlergruppe "Labyrinth" startet im März eine experimentelle Aktion. Die Mitglieder präsentieren in einem Neubiberger Supermarkt in Glasbehälter gerollte Kunstwerke

Von Franziska Gerlach, Neubiberg

So langsam, sagt Andrea Keinert, könne sie keine Tomatensoße mehr sehen. Seit Wochen isst sie nun schon Tomatensuppe, den Rest friert sie ein. Ein Dreiviertelliter passt in die Glasflaschen, in denen sich zuvor der rote Gemüsesaft befand, und diese Flaschen benötigen Keinert und ihre Kollegen von der "Künstlergruppe Labyrinth" für ihre Kunstaktion, die am 1. März im Edeka-Markt am Bahnhofsplatz in Neubiberg startet. "Flaschenpost - gerollte Kunst in kleinen Flaschen" heißt das Projekt, für das zehn Künstler 60 Glasflaschen mit ihren Werken befüllten, die sie eigens für die Aktion gefertigt haben. Kunst rein, Etikett drauf. 60 Mal.

Es liegt im Wesen der Flaschenpost, diesem einst von Schiffbrüchigen abgesetzten Hilferuf, dass sie dem Empfänger eine Botschaft überbringt, meist sogar eine ziemlich wichtige. In Zeiten pandemiebedingt abgesagter Ausstellungen lautet diese Botschaft wohl: Wir, die Künstler, sind auch noch da! Vergesst uns nicht! Oder vielleicht tatsächlich: Rettet uns!

Andrea Keinert, die die Idee mit der Kunst in der Flasche hatte, wählt weit weniger dramatische Worte: "In eine Glasflasche geht was rein und man sieht durch", sagt Keinert. Ideal also. Aber natürlich blicke auch die Künstlergruppe Labyrinth, gegründet 1989, auf ein Jahr ohne Ausstellungen zurück. Ein Jahr, in dem die Künstler nicht zeigen konnten, wie vielfältig sie in ihren Stilarten sind. Am 1. März wäre die Jahresausstellung der Gruppe im Ottobrunner Rathaus eröffnet worden - auch daraus wird nichts. Ursprünglich, so die Neubibergerin, wollten sie einen Getränkeautomaten aufstellen, aus dem dann Flaschen mit Kunst purzelten. Doch als sie Robin Hertscheck, den Inhaber von Edeka Hertscheck in Neubiberg, danach fragte, wie die Sache mit den Automaten funktioniere, habe der spontan angeboten, stattdessen in der Supermarkt-Filiale ein Regal bereitzustellen. Zwischen zehn und 25 Euro werden die Flaschen kosten, die stets andere Bilder im DIN-A4-Format enthalten, mal ein wenig größer, mal ein wenig kleiner. Aber immer ein Unikat.

Flaschenpost, andrea keinert

Um die ausstellungslose Zeit zu beenden, ist Andrea Keinert die originelle Idee mit der Kunst in Flaschenpostform gekommen.

(Foto: oh)

Da wären etwa die großflächigen Blätter, die Eva Sarosi in warmen Tönen erschaffen hat ("Herbst"), aber auch Abstraktes von Christine Eberhard, Birgitt Storch, Uschi Strick und Gisela Jennes sowie Gegenständliches von Helga Mayer und die mit kräftigen Farben gestalteten Arbeiten von Erich Schmid. "Die Lady streikt", liest Keinert den Namen einer kolorierten Federzeichnung von Gaby Kellner vor, und man kann sich in diesem Moment gut vorstellen, wie sie zuhause Flasche für Flasche zur Hand nimmt, damit niemand unerwähnt bleibt.

Mit 63 Jahren ist Keinert das jüngste Mitglied der Gruppe, die seit Jahren in die Toskana reist, um auf einem Weingut zu arbeiten. Aber abgesehen von Vladimir Vorlicek, einem über 90 Jahre alten Mitglied, das in Tschechien lebt, konnte sie alle für die ungewöhnliche Flaschenpost gewinnen. "Da war ich schon überrascht", sagt Keinert. Es sei zwar eine Herausforderung gewesen, das Projekt per Zoom-Konferenz zu organisieren. Andererseits stellte die Arbeit an der Aktion eine schöne Abwechslung dar. Gerade für Menschen, die ihres Alters wegen ein höheres Risiko tragen und sich kaum mehr vor die Türe trauen.

München, Landratsamt, Künstlerqruppe Labyrinth, Vernissage, Foto: Angelika Bardehle

Ihre für sie charakteristischen Tonfiguren passen leider nicht in die Glasbehälter.

(Foto: Angelika Bardehle)

Andrea Keinert macht kein Bohei um ihre experimentelle Idee, sie redet nicht von hippen Kooperationen oder betont, wie wunderbar niederschwellig ein solches Angebot sei, weil Kunst im Supermarkt nun einmal jeden erreiche. Die Neubibergerin erzählt lieber noch, dass die nach geometrischen Prinzipien gestalteten Arbeiten von Ulli Beringer sich mit ihrem quadratischen Format nicht für die Glasbehälter eignen.

Die Überlegung sei nun, ob es in dem Markt nicht noch eine Stelle geben soll, an der die Künstler abwechselnd ein Werk in Originalgröße zeigen könnten. Und es ist auch schade, dass auch die Tonfiguren, die Keinert seit vielen Jahren modelliert, zu korpulent sind. Sie steuert zu der Kunstaktion daher etwa eine Monotypie bei, deren Konturen sie an der Nähmaschine mit farbigen Garn verstärkt hat. "Gartenlust" heißt das Bild. Wie schön, dass es in die Flasche passt.

© SZ vom 18.02.2021
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