Neubiberger Kokain-AffäreEin Ort tut so, als wäre nichts

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Die Bürgerversammlung in Neubiberg sparte die Drogenaffäre des Bürgermeisters Thomas Pardeller aus, der ist derzeit krankgeschrieben.
Die Bürgerversammlung in Neubiberg sparte die Drogenaffäre des Bürgermeisters Thomas Pardeller aus, der ist derzeit krankgeschrieben. (Foto: Claus Schunk)

Bei der Bürgerversammlung ist der Drogenvorfall des Ersten Bürgermeisters Thomas Pardeller kein Thema. Warum das so ist und für welche Dinge sich die Neubiberger mehr interessieren.

Von Iris Hilberth, Neubiberg

Es ist nicht mal eine Woche her, dass die Gemeinde Neubiberg wegen des Kokain-Vorfalls ihres Ersten Bürgermeisters bundesweit in die Schlagzeilen geriet. Dass ausgerechnet so kurz nach dem Drogen-Geständnis von Thomas Pardeller (CSU) und seiner vorerst vierwöchigen Krankmeldung eine Bürgerversammlung anberaumt ist, hat mit all dem nichts zu tun. Die war turnusmäßig längst terminiert. Und doch bringt die Veranstaltung seinen derzeitigen Stellvertreter im Rathaus, den Zweiten Bürgermeister Kilian Körner (Grüne), in eine schwierige Rolle. Wie geht eine Gemeinde mit einer solchen Situation öffentlich um?

Die Aula der Grundschule, direkt gegenüber dem Neubiberger Rathaus, ist gut gefüllt an diesem Donnerstagabend. In der ersten Reihe sitzt der Landrat, daneben die Vertreter von Feuerwehr und Polizei, der Bundeswehr-Universität und des Zweckverbands München-Südost. Alles wie immer. Einzig, dass am Rednerpult der Zweite Bürgermeister steht, zeigt, dass eben doch nicht alles so ist wie immer. Obwohl alle in der Gemeinde diesen Anschein aufrechtzuerhalten versuchen, dass alles so weiterläuft und nichts anders ist als sonst. Nur, dass eben der Chef mal fehlt.

Je länger der Abend voranschreitet, desto deutlicher wird: Über die Koks-Affäre ihres Bürgermeisters, über mögliche Konsequenzen, über einen Schaden für die Gemeinde und das Amt des Bürgermeisters, eben über etwaige Folgen der „Riesendummheit“, wie Pardeller seine Verfehlung selbst in einer persönlichen Erklärung bezeichnet hat, will hier niemand reden. Kein Scherbengericht in Neubiberg.

Lediglich in seiner Begrüßung sagt Körner: „Es ist eher ungewohnt, dass ich hier stehe. Ich richte Ihnen herzliche Grüße von Thomas Pardeller aus. Wir haben bewegende Tage hinter uns.“ Wie bereits kurz nach Bekanntwerden der Vorfälle vermeidet es der Zweite Bürgermeister tunlichst, sich dazu öffentlich zu äußern. Den Bürgern versichert er, dass er als Vertreter zur Verfügung stehe und die Verwaltung professionell laufe. „Es haben mich viele im Rathaus besucht, ich bekomme viel Zuspruch und eine großartige Unterstützung.“

Kilian Körner, der Zweite Bürgermeister von Neubiberg, führt derzeit die Geschäft im Rathaus.
Kilian Körner, der Zweite Bürgermeister von Neubiberg, führt derzeit die Geschäft im Rathaus. (Foto: Claus Schunk)

Auch Neubiberg steht natürlich viereinhalb Monate vor der Kommunalwahl bereits im Wahlkampf. Doch außer der SPD, die am Mittwoch harsche Kritik vor allem an dem Umgang der CSU mit dem Thema geübt hat, halten alle still. Und so geht man auch bei dieser Bürgerversammlung sogleich über in die lange festgelegte Tagesordnung. Redet über die Gemeindefinanzen und den Hochwasserschutz, über Bauprojekte und Bahnübergänge. Etwa 30 Folien mit vielen Tabellen, Zahlen und Diagrammen hat die Verwaltung dem Bürgermeister vorbereitet, und man kann beeindruckt davon sein, was die Gemeinde alles vorangebracht hat. Die Botschaft lautet: Man hat gut zusammengearbeitet im Rathaus, im Gemeinderat und unter den drei Bürgermeistern, zu denen noch Reiner Höcherl (Die Unabhängigen für Neubiberg und Unterbiberg) zählt. Am Ende gratulieren CSU-Gemeinderäte dem Grünen zur gelungenen Veranstaltung. Händeschütteln und kurze Umarmungen symbolisieren: Man hält zusammen.

Der Zweite Bürgermeister sieht seine Aufgabe jetzt darin, den Laden zusammenzuhalten und äußert sich daher auch weiterhin nicht zu Pardeller und den Vorfällen vor einer Münchner Diskothek zwei Wochen zuvor. Dass auch niemand aus dem Publikum an diesem Abend nachfragt, wundere ihn nicht, sagt Körner im Anschluss. Landrat Christoph Göbel (CSU) übrigens auch nicht, der nur meint: „Wir sind in Neubiberg.“ Ob man sich dort lieber aus so etwas raushält, dass den Leuten die persönlichen Anliegen wichtiger sind oder alle versuchen, der Gemeinde nach außen nicht noch weitere unangenehme Schlagzeilen zu bescheren, kann man nur mutmaßen. In den Wortmeldungen der Bürgerinnen und Bürger an diesem Abend wird lediglich klar: Hier ist man eher an Radwegen, Waldbrandgefahr und Geothermie interessiert.

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