bedeckt München

Nationalsozialismus:Hitler sells

Bei einer Militaria-Auktion in Grasbrunn wechseln unter anderem Orden eines NS-Kriegsverbrechers für 780 000 Euro den Besitzer, Profiteure sind die Nachfahren. Über das große Geschäft mit der braunen Vergangenheit, das angeblich allein von geschichtlichem Interesse gespeist wird

Von Christina Hertel, Grasbrunn

Im Mai 1947 erhält Generalfeldmarschall Albert Kesselring sein Todesurteil. Er hatte 335 Italiener, unbeteiligte Zivilisten, durch Genickschüsse töten lassen. Doch schon 1952, nach nur fünf Jahren Haft, kommt Kesselring frei. Danach wird er Chef der rechtsextre- men Vereinigung "Der Stahlhelm" und schreibt zwei Bücher, in keinem distanziert er sich von Adolf Hitler oder dem Nationalsozialismus. Offensichtlich hat dieser Kesselrings Einsatz in Italien geschätzt. Als einer von 27 Soldaten bekam er die Auszeichnung "Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten".

Im Oktober 2020 liegt die Brosche in einer braunen Schachtel auf Bernhard Pachers Schreibtisch in Grasbrunn. Pacher ist Chef des Auktionshauses Hermann Historica, die an diesem Vormittag Orden und Militaria versteigert. Das meiste kommt aus der Zeit des Nationalsozialismus: Redemanuskripte von Hitler, Totenkopf-Ringe der Waffen-SS, Uniformen und Abzeichen. Für das Eichenlaub des Generalfeldmarschalls will Pacher mindestens 150 000 Euro haben, 520 000 Euro wird er am Ende dafür bekommen. Das sogenannte B-Stück, das aus Glassteinchen statt Brillanten besteht und das Kesselring im Alltag trug, geht für 150 000 Euro weg. Der Orden sei auch deshalb so viel Wert, weil er aus dem Familienbesitz stamme, sagt Pacher. Oder anders ausgedrückt: Die Erben können sich nun ein Häuschen leisten, weil sich einer ihrer Vorfahren unter Hitler so verdient gemacht hat. Ist das moralisch vertretbar? Und wer zahlt so viel Geld für eine Brosche, die sich einst ein Nazi-Kriegsverbrecher ans Revers heftete?

Bernhard Pacher will keine Namen nennen und er verbietet auch, dass Journalisten das Publikum bei seiner Auktion ansprechen. Es könne sich geschäftsschädigend auswirken, wenn seine Kunden das Gefühl bekommen könnten, er sei nicht diskret. "Springerstiefel und Glatzen wird man bei mir jedenfalls nicht sehen", betont er. Dafür sieht man im Saal Männer, die so auch an einem Samstagnachmittag in ihrem Dorf am Fußballplatz stehen könnten: Jeans, Turnschuhe, Kapuzenpulli. Manche Köpfe sind kahl, aber wohl eher, weil die Haare ausgegangen sind. Ein Mann hat eine schwarz-rot-goldene Alltagsmaske auf. Bei einem anderen liegt der Auktionskatalog auf dem Schoß, es kleben so viele neonfarbene Post-its zwischen den Seiten, dass man sie aus der Ferne nicht mehr zählen kann. Er wird an diesem Tag Tausende Euro ausgeben - unter anderem 800 Euro für eine weiße, maßgefertigte Uniform. "Minimale Altersspuren, schöner Zustand", heißt es im Katalog dazu.

Normalerweise seien Auktionen soziale Events, sagt Pacher, jetzt sitzen in seinem Saal wegen der Corona-Regeln immer nur vier, fünf Menschen auf einmal. Etwa 500 bieten im Internet und am Telefon mit. Nazis, meint Pacher, würden sich mit der billigen Fälschung für 50 Euro auf dem Schwarzmarkt zufriedengeben. Sie hätten, so klingt das, nicht den nötigen Intellekt zu erkennen, was wertvoll sei, und auch nicht das nötige Kleingeld dafür. Dass ein bestimmtes Gehalt einen nicht vor rechtem Gedankengut bewahren kann, dass früher auch Adelige und Großindustrielle Hitler unterstützten und dass heute der typische AfD-Wähler nicht schlechter verdient als der Durchschnitt, müsste Pacher eigentlich wissen.

Bernhard Pacher ist Geschäftsführer des Auktionshauses Hermann Historica in Grasbrunn. Zu dem Job kam er vor drei Jahren, weil er als Waffensammler regelmäßig an Auktionen teilnahm.

(Foto: Claus Schunk)

Er wollte einst Geschichte studieren, ließ es dann aber sein, weil er sich nicht für das alte Ägypten begeistern konnte, sondern nur für das 20. Jahrhundert. Deshalb wurde Pacher nicht Historiker, sondern Unternehmensberater. Vor drei Jahren fing er als Geschäftsführer bei Hermann Historica an, weil er selbst regelmäßig an Auktionen teilnahm. Pacher sammelt selbst historische Waffen, 500 Stück besitzt er, die älteste stammt aus dem 15. Jahrhundert, die teuerste ist 45 000 Euro wert, kleine Teufelsfratzen seien hineingeschnitzt. "Das war der SUV des mittelalterlichen Gentleman. Die Männer besaßen sie eigentlich nur zum Angeben", sagt Pacher, dessen Akzent schnell verrät, dass er aus Österreich stammt.

Vor 40 Jahren sei er in Salzburg als Sportschütze zweiter Landesmeister geworden, erzählt er. Je mehr er gearbeitet habe, desto weniger Zeit habe er gehabt. Doch dafür konnte er sich mehr Waffen leisten. Aber warum will man Kriegsgerät überhaupt haben? "Ja, warum?", fragt Pacher zurück. "Da könnten Sie zu einem Briefmarkensammler auch sagen: Das ist doch bloß ein Stück gezacktes Papier." Es gehe um die Leidenschaft - die die Bieter an diesem Tag ausgerechnet für die dunkelste Zeit in der deutschen Geschichte hegen.

Seine Kunden kenne er zum Teil schon seit vielen Jahren, sagt Pacher. Sie müssten alle unterzeichnen, dass sie sich an den Paragrafen 86 des Strafgesetzbuchs halten. Darin ist das Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen geregelt. Erlaubt ist der Besitz etwa, wenn er der Kunst, der Wissenschaft oder der Forschung dient. Vor jeder seiner Auktionen erlebe er trotzdem einen Shitstorm, sagt Pacher. Auch diesmal schrieb Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, einen Brief. "NS-Paraphernalien wie gewöhnliche Antiquitäten zu verkaufen, erweckt den Anschein einer Normalität, die es nicht gibt und auch nie geben darf", liest Pacher vor. Das Schreiben liegt ausgedruckt auf seinem Schreibtisch, neben einem Stück Schokoladenkuchen. "Von Normalität kann doch keine Rede sein. Man muss die Geschichte analysieren."

Doch versteht man die Grausamkeiten des NS-Regimes tatsächlich besser, wenn man eine Original-SS-Uniform im Schrank hängen hat? Pacher jedenfalls ist überzeugt, dass der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit ein falscher sei. Museen sollten aus seiner Sicht mehr zeigen als bloß Dokumente. Doch die meisten seiner Kunden sind ohnehin Privatleute. In seinem Computer stehen laut Pacher 40 000 Namen, 1000 davon seien Museen.

Dann muss Pacher los ans Telefon, um für Bieter aus Frankreich zu übersetzen, danach steht er selbst hinter dem Auktionspult. Würde er Briefmarken versteigern und keine Eisernen Kreuze - es würde wohl nicht anders ablaufen. "Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten!" - dann sind die Objekte versteigert. Hinterher sagt Pacher, dass er zufrieden sei. Mehr als 70 Prozent konnte er verkaufen.

Mehrere Redemanuskripte Hitlers gehen für 190.000 Euro weg.

(Foto: Claus Schunk)

Mehrere Redemanuskripte Hitlers gehen für 190 000 Euro weg, für Porzellanfiguren, die KZ-Häftlinge in Allach fertigen mussten, bezahlen Menschen mehr als 6000 Euro. Nach Abzug von Steuern kann sein Auktionshaus etwa 21 Prozent des Wertes, für den das Objekt ersteigert wurde, behalten. Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise, sagt Pacher. Doch auch er kenne Grenzen: KZ-Uniformen und Judensterne würde er nicht verkaufen, betont Pacher. "Das sind unmittelbare Objekte der Unterdrückung. Das ginge zu weit." Dass sich mit dem Leid der Opfer möglicherweise weniger Geld verdienen ließe, sagt der Auktionator nicht. "Hitler sells", sagt er allerdings schon.

© SZ vom 28.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite