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Natascha Kohnen:SPD-Chefin auf Bewährung

Landesparteitag der SPD Bayern

Fürs Erste ein wenig Luft verschafft: Bayerns SPD-Chefin Natascha Kohnen beim Landesparteitag.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Nach ihrer Wiederwahl als SPD-Landesvorsitzende rudern die parteiinternen Kritiker im eigenen Unterbezirk zurück und geben Natascha Kohnen eine "zweite Chance". Diese fordert ihre Parteifreunde auf, sich auf die Kommunalwahl zu konzentrieren.

Von Stefan Galler

Nur gut für die Sozialdemokraten, dass bis zur nächsten Landtagswahl in Bayern noch mehr als viereinhalb Jahre hin sind. Die jüngste Forsa-Umfrage gibt jedenfalls wenig Hoffnung auf einen kurzfristigen Aufwärtstrend: Bei gerade mal sechs Prozent steht die SPD, das sind noch einmal 3,7 Prozentpunkte weniger als bei der Wahl im Oktober 2018. Dass die Genossen angesichts dessen an ihrer Spitze erst einmal auf Kontinuität setzen und ihre Landesvorsitzende Natascha Kohnen auf dem Parteitag am Wochenende mit 79,3 Prozent im Amt bestätigt haben, stößt selbst in ihrem eigenen Kreisverband nicht bei allen auf Zustimmung.

So betrachtet etwa der Kohnen-Kritiker und Garchinger Bürgermeister Dietmar Gruchmann das Votum allenfalls als Vertrauensvorschuss auf Bewährung. Jeder habe eine "zweite Chance" verdient, sagt Gruchmann am Montag. Von der stellvertretenden Landrätin Annette Ganssmüller-Maluche, vor dem Parteitag eine lautstarke Gegnerin Kohnens, kommen dagegen versöhnliche Töne: "Es geht hier nicht um persönliche Animositäten, sondern darum, wie wir die SPD aus dem Tief herausbekommen."

Kohnen selbst sieht in ihrer Wiederwahl eine Bestätigung ihres Kurses: "Für mich ist dieses klare Ergebnis total wichtig, weil es mich arbeitsfähig macht. Darüber freue ich mich", sagt sie der SZ. Die Zeit für ihre Partei sei zweifellos schwierig. "Es wird ein sehr langer Weg aus dieser Krise", so die Neubibergerin. Entscheidend sei nun, dass alle Sozialdemokraten an einem Strang zögen.

Das war zuletzt nicht nur in der Bayern-SPD, sondern auch im Unterbezirk München-Land keineswegs immer der Fall. Nach dem Debakel bei der Landtagswahl hatten etwa die Vorsitzende Bela Bach sowie Annette Ganssmüller-Maluche, die selbst erfolglos im Stimmkreis München-Land Nord kandidiert hatte, das Feuer auf Kohnen eröffnet.

Bach war maßgeblich an der Ausarbeitung eines Positionspapiers beteiligt, in welchem 29 SPD-Mitglieder einen personellen Neuanfang an der Spitze der Bayern-SPD forderten, unter ihnen Ganssmüller-Maluche, Gruchmann und Alt-Landrätin Johanna Rumschöttel. Der Garchinger Rathauschef steht nach wie vor dazu, das Papier unterzeichnet zu haben: "Das, was nach der Wahl gesagt wurde, hat mich verärgert", sagt Gruchmann. "Ich habe persönlich zu Natascha gesagt, dass ich nicht erwarte, dass Köpfe rollen, sondern dass nach der Wahl eine vernünftige Analyse und Neuausrichtung passiert."

Steht nach wie vor zu seiner Kritik an der Parteichefin: Garchings SPD-Bürgermeister Dietmar Gruchmann.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Er habe selbst bei der Kommunalwahl vor elf Jahren Fehler gemacht, sagt Garchings heutiger Bürgermeister. "Aber ich habe daraus gelernt und beim zweiten Mal hat es dann geklappt." Gruchmann kritisiert vor allem Kohnens Kampagne im Landtagswahlkampf: "Ich glaube, dass die Inhalte auch durch die Plakate und Slogans nicht beim Wähler angekommen sind."

In ein ähnliches Horn stieß Annette Ganssmüller-Maluche unmittelbar nach der Wahl: Wer Plakate mit "Anstand" klebe, müsse nach so einer Niederlage zurücktreten, schrieb sie in sozialen Medien. Kohnen hänge an ihrer Macht, die Vorsitzende sei eine "nackte Kaiserin", der die "Lemminge" nachlaufen. "So schaffen wir es noch unter fünf Prozent", wetterte die Kreisrätin und Landratsstellvertreterin aus Ismaning. Der SZ sagte sie damals zu ihrem Gefühlsausbruch, sie finde es vernünftig, den Neuanfang mit "einem neuen Gesicht" zu machen. "Wenn sie eine Freundin wäre, hätte ich ihr geraten: Das ist Unsinn, hör auf."

Gut drei Monate nach den Attacken rückt Ganssmüller-Maluche von ihren Aussagen ab: "Den Post habe ich abgesetzt, als ich emotional sehr angespannt war", so die Ismaningerin am Montag auf Nachfrage. Sie sei jederzeit bereit gewesen, mit Natascha Kohnen konstruktiv zusammenzuarbeiten, daran habe sich auch nichts geändert. Ihr Kommentar auf Facebook habe jedenfalls nichts damit zu tun gehabt, dass sie eine schlechte Verliererin sei. "Ganz im Gegenteil, dass ich gut verlieren kann, habe ich bei der Wahl der Unterbezirksvorsitzenden bewiesen und auch bei der Landratswahl." Erstere hatte sie gegen Bela Bach verloren, letztere gegen Christoph Göbel von der CSU.

Sie nehme sich selbst nicht so wichtig und habe es nicht nötig, nachzutreten: "Ich trete nach vorne", sagt Ganssmüller-Maluche. Kohnens Ergebnis auf dem Landesparteitag sei jedenfalls "beeindruckend gut" ausgefallen. "Wenn das zu einem ebenso beeindruckenden Hoch der SPD führt, bin ich hochzufrieden." Jetzt kommt es laut Ganssmüller-Maluche darauf an, gemeinsam in den Kommunalwahlkampf 2020 zu gehen.

Darin pflichtet ihr Natascha Kohnen vorbehaltlos bei: "Jetzt gilt es, sich im Unterbezirk voll auf den Kommunalwahlkampf vorzubereiten. Von meiner Seite hat es nie einen Zweifel an der guten Zusammenarbeit mit den Kolleginnen im Unterbezirk gegeben." Zu der innerparteilichen Kritik will sich die Landeschefin nach ihrer Wiederwahl nicht äußern.

Eine kleine Spitze gegen Bela Bach, die SPD-Chefin im Landkreis München, kann sich Kohnen aber nicht verkneifen: "Der Unterbezirksvorstand muss sich jetzt im Hinblick auf die Wahl auf die politischen Themen im Landkreis fokussieren." Damit spielt sie auf unterschwellige Vorwürfe im SPD-Unterbezirk an, die Vorsitzende halte sich auf diesem Gebiet öffentlich zu sehr zurück. Bela Bach reagiert am Montag nicht auf eine SZ-Anfrage.

Kohnen will die Verbindung zu ihrem Stimmkreis jedenfalls keineswegs kappen: "Meine Bereitschaft, wieder für den Kreistag zu kandidieren, ist definitiv da. Ich komme aus der Kommunalpolitik und sehe darin weiterhin die Bindung zu meiner Heimat."

© SZ vom 29.01.2019/wkr
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