Marion Seitz ist enttäuscht. „Das fühlt sich an wie ein großer Rückschritt“, sagt die 45-jährige Kommunalpolitikerin der Grünen. Seitz ist Dritte Bürgermeisterin der Gemeinde Aschheim östlich von München. In der Gemeinde entsteht derzeit ein neuer Schulcampus: Die Realschule wird erweitert, außerdem wird zum kommenden Schuljahr 2026/27 ein neues Gymnasium eröffnen. Um dessen Benennung hat sich eine Debatte entzündet, die grundsätzliche Fragen aufwirft.
Das neue Aschheimer Gymnasium, um das lange gerungen worden war, soll einen passenden Namen erhalten, darüber war sich der Gemeinderat einig. Als Namensgeberin sollte eine Frau gewählt werden. Bereits 2021 hatten die Kommunalpolitiker mehrere Vorschläge diskutiert, von der Mathematikerin Emmy Noether über die Münchner Frauenrechtlerin Anita Augspurg bis hin zur Historikerin Gertrud Diepolder, die auch über Aschheim geschrieben hat. Da sich im Gemeinderat keine echte Favoritin herausbildete, verschob der damalige Bürgermeister die Entscheidung.
Jetzt, vier Jahre später, sprach der neue Bürgermeister Florian Meier (CSU) das Thema wieder an – und brachte einen eigenen Vorschlag zur Abstimmung mit: Das Gymnasium solle nach dem bayerischen Herzog Tassilo benannt werden, der im Frühmittelalter die erste bayerische Landessynode in Aschheim einberufen hat. Gegenvorschläge waren nicht aufgeführt. Mit einer knappen Mehrheit von zehn zu acht Stimmen votierte der Aschheimer Gemeinderat dafür, Herzog Tassilo als Vorschlag der Gemeinde einzureichen – zur großen Enttäuschung von Seitz und den meisten ihrer Kolleginnen im Gemeinderat.
„Wir wollten für ein modernes Gymnasium eine moderne Frau, die mit Lehre und Wissenschaft in Verbindung gebracht wird, die Tolles geleistet hat und die wir dadurch ehren wollten“, sagt Seitz. „Frauen sind bei Namensgebungen immer noch stark unterrepräsentiert. Jetzt hätten wir einmal die Chance, eine Frau so hervorzuheben und wir vertun sie.“

Dass Schulen nach Frauen benannt werden, ist in der Region tatsächlich eine Ausnahme. Von den derzeit 16 Gymnasien im Landkreis München beispielsweise belassen es neun beim Ortsnamen, sechs tragen den Namen eines Mannes. Genau eines trägt den Namen einer Frau: das Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching. Nach einer ausgiebigen Diskussion hat sich die Schulfamilie 2005/06 auf die Physikerin, Mit-Entdeckerin der Kernspaltung, die wegen ihrer jüdischen Herkunft vom NS-Regime zur Emigration aus Deutschland gebracht wurde, geeinigt.
Meitner steht als herausragende Naturwissenschaftlerin und spannende Persönlichkeit den Schülerinnen und Schülern in Unterhaching in vielen Bereichen Patin, indem die Schule ihre Schützlinge etwa zum Forschen in verschiedenen MINT-Bereichen anregt. Durch ihr Wirken und mit ihrem persönlichen Schicksal sei Lise Meitner eine ausgezeichnete Namenspatronin für das Gymnasium, schreibt die ehemalige Schulleiterin Brigitte Grams-Loibl auf der Website der Schule. Sie sei als Frau im Wissenschaftsbetrieb ihrer Zeit ein Leben lang unterschätzt worden. Auch der Nobelpreis blieb ihr versagt. 1991 aber war Meitner die erste – und bis heute einzige – Frau, deren Büste im Ehrensaal des Deutschen Museums in München aufgestellt wurde.
Von 16 Gymnasien im Landkreis trägt nur eines den Namen einer Frau
Frauen als Namenspatroninnen in den Fokus zu rücken, ist noch lange nicht die Regel, doch das Bewusstsein dafür scheint zumindest an vielen Orten zuzunehmen. Die ehemalige Grundschule an der Kirchenstraße in Germering hat nach einer Adressänderung wegen der Umverlegung des Schuleingangs jüngst einen neuen Namen gewählt und heißt seit diesem Schuljahr offiziell „Ellis-Kaut-Grundschule“ nach der Kinderbuchautorin und Erfinderin des Pumuckl. Daneben sind in der Region rund um München vor allem Realschulen nach Namensgeberinnen benannt. Die Schauspielerin Therese Giehse stand Patin für die Realschule Unterschleißheim, die Ordensschwestern Theresia Gerhardinger und Imma Mack sind an den Realschulen in Weichs und Eching verewigt. Die Realschule Markt Schwaben hat sich nach der in Glonn geborenen Schriftstellerin Lena Christ benannt. In Erding steht zudem das Anne-Frank-Gymnasium.

Ob sich für das Aschheimer Gymnasium der Name „Herzog Tassilo“ durchsetzen wird, steht noch nicht fest. Das bayerische Gesetz für Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) schreibt vor, dass die ganze Schulfamilie, also der Schulaufwandsträger, die Lehrerkonferenz, der Elternbeirat und die Schülermitverantwortung einem Namensvorschlag zustimmen muss. Aschheims Bürgermeister Florian Meier betont, bei seinem Vorschlag habe der historische Bezug zu Aschheim im Vordergrund gestanden. „Das ist bewusst keine Entscheidung gegen eine Frau als Patin, sondern für den Namen Tassilo, der sich meiner Meinung nach aufdrängt wie kein zweiter“, sagt Meier. „Wenn ein Ort solch eine lange Geschichte hat wie Aschheim, sollte man das auch nach außen zeigen.“ Auf diese Historie weisen in Aschheim, das zu den ältesten Siedlungsgebieten Südbayerns zählt, bereits die Kelten-Grundschule und die Sankt-Emmeram-Realschule hin.
Angesichts der Unzufriedenheit zeigt sich Meier offen für eine weitere Diskussion: „Da ist noch nichts in Stein gemeißelt.“ Marion Seitz setzt bei der endgültigen Entscheidung auf diejenigen, die die Schule schließlich mit Leben füllen werden. „Unsere große Hoffnung ist, dass sich die Schulfamilie dem Vorschlag nicht anschließt, sondern ihren eigenen Namen wählt.“

