Bibliotheken sind Horte des Wissens, der Zeit und der Stille. Keine Lichtverschmutzung, keine Lärmverschmutzung, im Idealfall keine Ablenkung. Stattdessen haben hier Neugier, Muße und Musenkuss Hausrecht. In Zeiten, in denen selbst in Buchhandlungen ungeniert telefoniert wird und die MVG sich gezwungen sieht, mit Durchsagen gegen laute Handy-Nutzung ohne Kopfhörer durch die Fahrgäste vorzugehen, ist das ein Geschenk für den Geist.
Insofern findet die vielleicht authentischste Veranstaltung, die bei der „Nacht der Bibliotheken“ dem Genius Loci eines solchen von Bücherregalen gesäumten Horts am nächsten kommt, am Freitag, 4. April, in der Stadtbibliothek Unterschleißheim statt – auch wenn der Begriff etwas zeitgeistig aufgepeppt ist: „Silent Reading, ein Trend aus New York, schwappt nach Deutschland und wir finden das super“, wirbt das Unterschleißheimer Bibliothek-Team dafür. Es geht beim „Silent Reading“ darum, gemeinsam in Ruhe zu lesen, allerdings jede und jeder für sich.
Volle Konzentration auf die Lektüre, indes in aller Ruhe. „Störende Geräusche sollen draußen bleiben, das lauteste Geräusch soll das Knistern der Buchseiten beim Umblättern sein“, so hofft man. Daher stehen an diesem Abend Lernplätze, Infotheke, Kopierer und Internetplätze nicht zur Verfügung. Das „Silent Reading“ beginnt um 19 Uhr und dauert bis 22 Uhr.
Ansonsten wird es am Freitag in zahlreichen anderen Bibliotheken im Landkreis München, die bei der heuer erstmals deutschlandweit organisierten „Nacht der Bibliotheken“ mitmachen, nicht ganz so leise zugehen, aber mutmaßlich ähnlich inspirierend, intellektuell befruchtend oder unterhaltsam. Unter dem Motto „Wissen. Teilen. Entdecken.“ öffnen kleine und große Bibliotheken, Spezialbibliotheken, öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken ihre Pforten und laden zur Entdeckung vielfältiger Angebote dort ein.
Die Institutionen im Landkreis warten dabei mit unterschiedlich ausgefeilten Programmen auf: von Führungen über Escape-Games, Flohmarkt, Vorträgen, Figurentheater und Poetry-Show bis zu Quiz-Veranstaltungen oder Vorlese-Stunden (weitere Informationen gibt es über die Homepage www.nachtderbibliotheken.de). Hier eine (unvollständige) Auswahl:
In Ismaning ist das Programm, das die Gemeindebibliothek organisiert hat, besonders vielfältig, der Literatur und der gesellschaftlich verbindenden Kraft geistiger Betätigung wird gleichsam in allerlei Facetten gefrönt: Da gibt es die „Ladies Crime Night – nur ein Schuss kann sie stoppen“, eine Krimi-Lesung mit elf Autorinnen, den „Mörderischen Schwestern“, im Großen Saal des Kultur- und Bildungszentrum Seidl-Mühle (Eintritt frei, Anmeldung wird erbeten), zudem die Poetry-Show „Dichter ran ans Wort“ in der Black Box, bei der Wortklaubereien, lyrische Wahrheiten, Wortspiel-Songs und Performance-Gedichte im Fokus stehen.
Die Bibliothek Ismaning hat bis Mitternacht geöffnet, es gibt während des langen Abends Wein und Jazz-Musik, im Lesecafé werden Vorlese-Stunden veranstaltet sowie Gesellschaftsspiele und ein „Bilderbuchkino“ gezeigt, ein Bücher- und DVD-Flohmarkt wird ebenfalls realisiert. „So eine Veranstaltung lockt auch Leute an, die sonst keine Bibliotheksbesucher sind“, sagt Leiter Christian Mörtel. Man sorge an diesem Abend für eine besonders gute „Aufenthaltsqualität“ und als Besucher könne man die Räume dieses Mal auch anders wahrnehmen durch die Spieleangebote.

Über mangelnde Resonanz braucht sich Mörtel generell ohnehin nicht zu beklagen, im Gegenteil: Die Bibliothek ist beliebt und hoch frequentiert. Er sieht ihre primäre Aufgabe natürlich in der „Informations- und Literaturversorgung“, indessen auch in der Leseförderung. „Wir verstehen uns aber auch als Anbieter für Kulturveranstaltungen.“ Als Räume der Begegnung seien Büchereien ebenso wichtig, gerade in Zeiten, in denen die Demokratie zu erodieren droht. Als sogenannte „dritte Orte“, die zwar öffentlich seien, aber an denen kein Konsumzwang herrsche. Stattdessen eine gute, offene, aber eben rücksichtsvolle Atmosphäre: Viele Studenten und Schüler nutzten am Nachmittag Bibliothek und Lesecafé. Informationen zu Anmeldungen und Eintritt – für die Poetry-Show – gibt es über https://bibliothek-ismaning.de/veranstaltungen/
Die Bundeswehr-Uni ermöglicht eine Führung durch die „Schatzkammer“
Die Bibliothek der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg präsentiert ihr Programm zur „Nacht der Bibliotheken“ bereits von Donnerstag, 3. April, an. Ein Höhepunkt dürfte der Vortrag von Stephan Rupp sein, dem KI-Beauftragten der Bibliothek, zum Thema „Künstliche Intelligenz – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (Freitag, 4. April, 9.30 Uhr). „Man erfährt, wie ein spannendes, aber wenig sichtbares Forschungsfeld die ,KI-Revolution‘ auslösen konnte und was die Menschheit in der Zukunft erwarten könnte“, so Michael Brauns, der Pressesprecher der Bundeswehr-Uni. Ferner wird an beiden Tagen eine Führung durch die „Schatzkammer“ und das Magazin der Bibliothek angeboten. Gäste, die nicht der Universität angehören, werden um eine vorherige Anmeldung gebeten, um Zutritt auf das Gelände zu erhalten. Infos, auch zum Programm, gibt es über https://www.unibw.de/ub/nacht-der-bibliotheken).
Auch die Gemeindebücherei Gräfelfing öffnet ihre Türen mit einem Programm, insbesondere für Erwachsene und Jugendliche am Abend: Kunst, Theater, Workshop und Gaming erwarten die Besucher. Um 18.30 Uhr wird die Ausstellung „Aller Anfang ist ein leeres Blatt Papier“ mit Julia Herrmann und Maria Sutor eröffnet. Beim „Das 10-Minuten-Buch“-Workshop von 20 bis 21.30 Uhr laden die Künstlerinnen ein, selbst kreativ zu werden.

Zudem wird großes Theater auf kleinster Bühne geboten. Unter dem Motto „Seiten-Spiele“ zeigen Hedwig Rost und Jörg Baesecke, die sich als Objekt-Theaterduo die „Kleinste Bühne der Welt“ nennen, zweimal am Abend kurze Stücke quasi als Büchertheater. Die beiden in Pullach lebenden Künstler, die 2018 mit dem SZ-Tassilo-Preis prämiert wurden, sind dafür bekannt, das Publikum mithilfe von Alltagsgegenständen und einfachen Materialien wie Papierobjekten, Scheren oder Seidenbändern in eine Welt voller Geschichten zu entführen, das Kopfkino anzukurbeln und auf einfach-raffinierte Weise die Handlung erfahrbar zu machen. Beginn ist jeweils um 20 Uhr und 21 Uhr. Dazu gibt es noch weitere Angebote wie ein „Mario Kart-Turnier“, Beginn 19.30 Uhr. Um Anmeldung wird gebeten. Mehr Informationen unter: https://www.buecherei-graefelfing.de/rund-um-die-buecherei/startseite-aktuelles-veranstaltungen-fuer-erwachsene/
Die Grünwalder Bibliothek wird heuer 100 Jahre alt
Die in regelmäßigen Vergleichs-Rankings immer wieder ausgezeichnete Bibliothek Grünwald hat am Freitag, 4. April, nicht nur ebenfalls ein attraktives Programm anzubieten mit Gaming, Turnieren, E-Book-Beratung, kulinarischen Angeboten an der Bistro-Ecke und von 19.30 Uhr an mit einem mutmaßlich spannenden Bib-Pub-Quiz (https://www.bibliothek-gruenwald.de/). Für sie ist heuer auch ein besonderes Jahr: Sie feiert 100-Jähriges. Am 30. Oktober 1925 wurde die Volksbücherei im damaligen Feuerwehrhaus eröffnet.
Leiterin Gabriele Oswald feiert zudem just in dieser Woche ein Berufsjubiläum, sie wirkt seit 30 Jahren in der Bibliothek am rechten Isarhochufer. Dass am Freitag zahlreiche Besucher auftauchen werden, ist gewiss, denn die Bibliothek übt im kommunalen Mikrokosmos der Gemeinde ohnehin große Strahlkraft aus. „Wir sind eine Begegnungsstätte am Ort“, sagt Oswald. Das liegt nicht nur daran, dass das Haus gut ausgestattet ist (55 000 Medien), sondern wohl auch, dass „die Leute sich bei uns sehr gut beraten fühlen“ und die Atmosphäre schätzen. „Es ist auch eine Wohlfühlgeschichte“, sagt die Büchereileiterin.
Der Hauptbestandteil der Medien sind Bücher (rund 70 Prozent), indes hat natürlich schon lange die Digitalisierung Einzug gehalten – während Oswald sich vor 30 Jahren noch besonders freute, dass die damalige Bücherei in Grünwald im Gegensatz zu ihrer vorherigen Arbeitsstätte ein eigenes Faxgerät hatte, wie sie schmunzelnd erzählt. Auch sie sieht selbstverständlich in der Literatur- und Informationsvermittlung sowie in der Vermittlung von Lese- und Medienkompetenz wichtige Aufgaben, und freut sich, dass Bibliotheken sich auch im Wandel des Zeitgeistes behaupten. „Spätestens während der Pandemie wurden wir zwar nicht totgesagt, aber schwach geredet“, erinnert sie sich. Jetzt gehe es schon länger wieder aufwärts, auch in Grünwald nutzen Schüler, Studenten und ältere Erwachsene die Räume gern zum Lernen, Lesen und Weiterbilden – und eine echte Steigerung der Ausleihen gibt es nach der Pandemie wieder besonders bei den Büchern. „Viele schätzen noch das Haptische.“
Am Freitag glaubt Oswald, werden einige Besucher quasi so eine Art „Bibliotheks-Tourismus“ machen und ähnlich wie bei der „Langen Nacht der Museen“ an verschiedenen Orten vorbeischauen – etwa im benachbarten Unterhaching, wo die Gemeindebücherei Karaoke, Gaming und Medienausleihe bis Mitternacht anbietet oder in Oberhaching, wo die „Bibliothek der Dinge“ startet.

Etwas fetziger dürfte es in der Stadtbücherei Haar zugehen, die sich mit Unterstützung von DJ Rainer Mund von 19 Uhr bis Mitternacht in einen Dancefloor. Auch Cocktails werden dort angeboten.
Was gibt’s noch? In Kirchheim findet ein magischer Harry Potter-Abend statt, in Grasbrunn gibt es regelmäßig Führungen, in Garching „Mondscheinstöbern“ und „Schatzsuche für Kinder“ sowie in Aschheim ein Escape-Game „In den Fängen der KI“. Ähnliches in Oberschleißheim: Dort wird ein Escape Game für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene angeboten –„für die Klimaprofis von morgen“. Es kann in Gruppen von vier bis acht Personen gespielt werden. Die Spieldauer beträgt 45 Minuten. Mögliche Startzeiten sind 17.30, 18.30, 19.30, 20.30 und 21.30 Uhr. Eine Anmeldung ist zwingend notwendig und in der Gemeindebücherei möglich (https://gb-oberschleissheim.lmscloud.net/). Die Kosten betragen 20 Euro pro Gruppe.
Außerdem findet während der Sonderöffnungszeit von 18 bis 22 Uhr eine offene Lesenacht statt. Jeder kann es sich dabei in der Bücherei mit selbst mitgebrachten Decken und Kissen gemütlich machen und in Ruhe schmökern. Offene Lesenacht oder Silent Reading – es dürfte in vielen Bibliotheken des Landkreises ein erlesener Abend werden.

