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Nachhaltigkeit:Haar wird Circular City

Die Gemeinde verschreibt sich auf Betreiben von Bürgermeister Bukowski der Kreislaufwirtschaft

Von Bernhard Lohr, Haar

Beim Bau der neuen Stadtwerke-Zentrale in Neustadt in Schleswig-Holstein lag von Anfang an die Latte hoch. Es sollte ein Null-Emissions-Passivhaus werden und ein Gebäude, das beim Bau, beim Unterhalt und auch irgendwann beim Abriss möglichst wenig CO₂ freisetzt. So kam viel Holz zum Einsatz. Auch Secondhand-Materialien wie Fliesen aus einem Abbruchhaus fanden bei dem Gebäude Verwendung, das der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) als Vorbild dafür gilt, wie im Sinne der Kreislaufwirtschaft gebaut wird. Die Gemeinde Haar will sich dieses Prinzip auch zur Richtschnur machen und "Circular City" werden. Die kommunalen Leitlinien sollen dafür angepasst werden.

Die Europäische Union hat schon 2015 einen Aktionsplan aufgelegt, der einen umfassenden Umbau der Wirtschaft vorsieht, damit Ressourcen geschont werden. Ein Dreiklang aus Reparieren, Wiederverwenden und Recyceln soll helfen, geschlossene Stoffkreisläufe zu bekommen. An den Universitäten ist unter jungen Architekten und Bauingenieuren derzeit viel davon die Rede. Sie haben die Art, wie derzeit noch gebaut wird, als Klimakiller ausgemacht und fordern den Einsatz neuer Baustoffe wie etwa Holz und neue Bauformen. Haars Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) hat Kontakt zu Leuten aufgenommen, die sich dem Prinzip des sogenannten Cradle to Cradle verschrieben haben, das auf eine Kreislaufwirtschaft im Bauwesen hinausläuft. Bukowski hat sich als Ziel gesetzt, diese in Haar zu etablieren, und würde gerne ein Modell-Gebäude am Ort errichten.

Deniz Ispaylar von der Cradle-to-Cradle-Gruppe hatte im Gemeinderat bereits vor einiger Zeit seine Ideen vorgestellt. Und nun hat der Gemeinderat einstimmig den Beschluss gefasst, die seit 2002 in Haar existierenden kommunalen Leitlinien einer Frischzellenkur zu unterziehen. Gemeinderäte und Vertreter der Verwaltung sollen in den nächsten Wochen in Online-Workshops die alten Leitlinien durchgehen. Ispaylar und seine Mitstreiterin Andrea Heil sollen das Ganze moderieren. Im Mai soll der Gemeinderat die neuen Leitlinien verabschieden.

"Bauen mit positivem Fußabdruck" propagiert Andrea Heil auf ihrem Linked-in-Profil. Der Satz mit dem "positiven Fußabdruck" könnte von Bürgermeister Bukowski stammen, der früher im Marketing arbeitete und griffige Formulierungen schätzt. Sobald sich die Gelegenheit bietet, wirbt er dafür, Wirtschaft und Umweltschutz als sich gegenseitig bedingende Einheit zu sehen. Und ganz im Sinne des Cradle-to-Cradle-Prinzips propagiert er die Überzeugung, dass eine Gemeinde versuchen müsse, bei ihren Vorhaben nicht möglichst wenig Schaden anzurichten, sondern Gutes zu bewirken.

Haar sei prädestiniert, "Circular City" oder "Circular Society" zu werden, sagt Bukowski. Anders als München, das sich auch "Circular City" nenne, habe die Gemeinde Haar die richtige Größe, um so etwas auch glaubhaft umzusetzen. Man habe schon viel auf dem Weg zur Nachhaltigkeit erreicht. Wer noch mehr erreichen wolle, der komme am Konzept der Kreislaufwirtschaft oder Zirkularität nicht vorbei.

Die Grundlagen sind bereits gelegt. So schloss der Gemeinderat im Juni 2020 einen 2015 eingeleiteten Prozess ab und ergänzte die bestehenden Leitlinien um den Bereich "Nachhaltiges Planen und Bauen". Erkenntnisse und Forderungen aus dem "Integrierten Mobilitätskonzept" sollen bei der Fortschreibung der Leitlinien aufgegriffen werden. Bukowski möchte auf dem aufbauen, was Haar seit vielen Jahren im Umweltschutz und im sozialen Bereich erreicht hat. Beispielhaft auch im Sinne der Kreislaufwirtschaft findet Bukowski das Engagement des Vereins "Hand in Hand". Laut Bukowski hat sich in der Gemeinde kürzlich eine Gruppe "Haarer Autoteiler" zusammengefunden, die das Rathaus unterstütze. Carsharing schone Ressourcen im Sinne der Kreislaufwirtschaft.

In einer Online-Konferenz Mitte Januar haben die Circular-Consultants Ispaylar und Heil den Gemeinderäten noch einmal erläutert, worauf es dabei auch über den Bausektor hinaus ankommt. Sie sprachen von Abfallvermeidung, vom Einsatz erneuerbarer Energien und von Vielfalt als Grundpfeiler der Kreislaufwirtschaft. Bukowski erwartet, dass Haar mit seinen aktualisierten Leitlinien sein Profil als fortschrittliche Kommune schärfen und auch ökonomisch profitieren werde. Das werde helfen bei der Ansiedlung innovativer Unternehmen, sagt er. Die Kosten für den Prozess zur Überarbeitung der Leitlinien werden auf 10 000 Euro beziffert.

© SZ vom 10.02.2021
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