Süddeutsche Zeitung

Nachhaltigkeit:Eine Skala für ethisches Wirtschaften

Andrea Behm stellt in Neubiberg das Konzept der Gemeinwohlökonomie vor

Dass der globale Wirtschaftszusammenhang auch auf der lokalen Ebene einen Einfluss hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Gleichzeitig ist es aber auch möglich, an Stellschrauben am Ort zu drehen und so einen Teil zum besseren und nachhaltigeren Wirtschaften beizutragen. Aus diesem Grund kamen die Grünen Neubiberg im neuen Unverpackt-Laden am Bahnhof zusammen, um darüber zu sprechen, wie denn genau dieser Teil aussehen könnte.

Als Referentin war Andrea Behm, Sprecherin des Vereins Gemeinwohl-Ökonomie Bayern, geladen. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich mithilfe einer "ethischen Marktwirtschaft" für das "gute Leben für alle" einzusetzen, wie es in einem Eckpunktepapier heißt. Dafür baue man unter dem Schirm der Nachhaltigkeit auf Werte wie Solidarität und Kooperation, statt den Handel unter den Bedingungen des Wettbewerbs und der Konkurrenz weiterzuführen. Es gehe darum, den wirtschaftlichen Erfolg nicht an monetären Indikatoren, sondern an den Zielen Gemeinwohl und Lebensqualität der Menschheit zu bemessen, erläuterte Behm. "Das Ziel ist es, mithilfe der unternehmerischen Verantwortung ein enkeltaugliches Wirtschaften in unsere bestehende Marktwirtschaft einzubetten."

Das von Unternehmern und Universitäten entwickelte Konzept sieht vor, dass sich Akteure ökologischen und ethischen Bewertungskriterien unterziehen und dann eine sogenannte Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Die Skala enthält 1000 Punkte und betrachtet Lieferkette, Mitarbeiter, Kunden und das gesellschaftliche Umfeld. Die Bewertungsmaßstäbe sind die Einhaltung der Menschenwürde, Nachhaltigkeit, Transparenz und Gerechtigkeit. Damit ließen sich die Schwachstellen, aber auch die Fortschritte im vorbildlichen Wirtschaften der Unternehmen in Zahlen beleg- und vergleichbar machen. In einem weiteren Schritt möchte sich der Verein dafür einsetzen, dass die Berichte an Rechtsfolgen geknüpft werden. Da diskutiere man zum Beispiel, ob Unternehmen mit einer hohen Punktzahl Steuervorteile oder günstige Kredite genießen sollten.

Nicht nur Unternehmen, sondern auch ganze Gemeinden könnten sich bilanzieren lassen. "Die erstellte Gemeinwohl-Bilanz kann als Basis für weitere Entwicklungen im Ort genutzt werden", regte Ulrike Dowie von den Grünen an. Bereits 50 aktive Gemeinden und Städte seien Teil der Gemeinwohlökonomie und führten beispielsweise einzelne Projekte nach Gemeinwohl-Kriterien durch. Ein ähnliches Prinzip kann sich Dowie für Neubiberg vorstellen. In Zukunft könne man sich bei Entscheidungen die Frage stellen, wer etwas von den Ausgaben der Gemeinde habe und wie die beauftragten Unternehmen aufgestellt seien. Man könne sowohl kommunale Betriebe bilanzieren, als auch die Bilanz der Unternehmen als Teil der Zuschlagskriterien bei Ausschreibungen unter die Lupe nehmen. "Ich bin optimistisch, dass wir in Neubiberg mit kleinen Schritten anfangen können, in dem wir zum Beispiel fortan bei Vergaben explizit Unternehmen bevorzugen, die gemeinwohl-bilanziert sind. Dazu gehören auch die Kooperation und der Austausch mit unseren Nachbargemeinden. So ein Projekt darf nicht an Kommunengrenzen enden", sagte die Gemeinderatskandidatin.

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Quelle:
SZ vom 16.01.2020
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