Nach Parteiwechsel "Der rechte Weg ist ein Irrweg"

Der Anwalt Hannes Hartung gilt als Koryphäe auf dem Gebiet des Kunstrechts. Politisch führte ihn sein Weg aus einem SPD-Elternhaus über die CDU in Baden-Württemberg und die CSU zur FDP.

(Foto: Florian Peljak)

Der Rechtsanwalt Hannes Hartung saß im Kreisvorstand der CSU, bevor er zur FDP wechselte. Er bedauert, dass sich weltoffene Politiker wie Landrat Christoph Göbel in seiner alten Partei nicht durchsetzen

Interview von Anna Reuß, Baierbrunn

Hannes Hartung gehörte zwei Jahre dem Kreisvorstand der CSU an, bevor er 2017 aus der Partei austrat und zur FDP wechselte. Heute ist er Ortsvorsitzender der Liberalen in Baierbrunn. Der 44 Jahre alte Anwalt gilt auf dem Gebiet des Kunstrechts als Koryphäe. Im wohl bekanntesten Fall um NS-Raubkunst vertrat er kurzzeitig Cornelius Gurlitt und leitete kürzlich ein Verfahren gegen die Stadt München wegen des Verbots von Stolpersteinen ein. Geboren wurde er in Ulm, studiert und promoviert hat er in Tübingen und Zürich. Noch als Student trat er 1995 in die CDU ein, nach seinem Umzug nach München wechselte er zur Schwesterpartei CSU.

SZ: Herr Hartung, Sie sind gewissermaßen konvertiert. Warum?

Hannes Hartung: Mittlerweile ist die CSU zerrissen. Sie hat eigentlich zwei Flügel: den bürgerlichen, dem ich auch angehörte, und einen streng konservativen. Der bürgerliche wurde in meiner Wahrnehmung immer kleiner. Für mich ging das los, als Äußerungen getroffen wurden, für die ich mich derart geschämt habe, dass ich hier nicht mehr bleiben wollte.

Welche waren das?

Äußerungen von Andreas Scheuer über den fußballspielenden, ministrierenden Senegalesen zum Beispiel haben mich tief im Gewissen berührt. Ich halte das für wenig hilfreich. Menschlichkeit kennt keine Obergrenze. Das habe ich intern auch immer diskutiert, und da bin ich auf taube Ohren gestoßen.

Also gingen Sie zur FDP?

Ich war schon immer liberal und in Bayern gibt es leider keine CDU. Ich war ein totaler Fan von Heiner Geißler. Die Union hat sich verändert. Als ich nach München kam, habe ich mir die CSU erst einmal von außen angeschaut. Mein Eindruck war damals, dass die CSU ganz anders tickt.

Was fehlte Ihnen in der CSU?

Es wird nicht wirklich diskutiert, im Kreisvorstand München-Land auch nicht. Da ist es eher wie im ZK: Florian Hahn kommt und berichtet aus Berlin, und anschließend wird applaudiert. Aber wer bessere Ideen will, muss diskutieren. Solange die Basis nicht aufmuckt und brav zu allem klatscht, ändert sich nichts.

Und in der FDP ist das anders?

Die Liberalen sind kleiner und debattieren mehr. Die CSU hat eine andere Innenkultur und ist straff und hierarchisch. Wer da nicht in einem bestimmten Amt ist oder über zu wenig Bairisch-Kenntnisse verfügt, hat nichts zu sagen. Bei der CSU sind - gerade bei ihren Kandidatenaufstellungen - Stallgeruch und Herkommen sicher wichtiger als akademische oder handwerkliche Kompetenzen. Aber: Die CSU hat viele nette Leute, auch im Kreisvorstand. Ich schätze Christoph Göbel sehr. Doch diese Leute halten sich nach außen trotzdem an die Parteilinie.

Was müsste sich denn ändern?

Der rechte Weg ist ein Irrweg. Und er entspricht nicht meinem christlichen Weltbild. Die CSU macht Wahlkampf für die AfD.

Gab es weitere Gründe, weshalb Sie ausgetreten sind?

Die Herdprämie zum Beispiel. Dass so etwas auch noch als große familienpolitische Innovation gefeiert wird, finde ich peinlich. Sie zeugt für mich für ein Weltbild aus dem 19. Jahrhundert. Das Instrument zielt darauf ab, dass die Frau zuhause bleibt und der Mann das Geld verdient. Ich verstehe auch nicht, warum die Frauen in der CSU das mittragen.

Was finden Sie daran schwierig?

Es kann doch nicht sein, dass diejenigen, die es sich leisten können, weil der Papa das Geld verdient, auch noch 200 Euro einstreichen. Was ist mit denen, die nicht genug verdienen?

Warum gingen Sie nicht gleich zur SPD?

Das ist eine Charakterfrage. Ich komme zwar aus einem SPD-geprägten Elternhaus, aber ich habe mich davon emanzipiert. Ich fühle mich nicht als Sozialdemokrat, weil ich nicht ganz so weit gehe in der Umverteilung. Ich stehe für die Leistungsgerechtigkeit und fordere, dass wir Leistungsträger unterstützen und nicht verprellen.

Warum wurde es dann die FDP?

Bürgerrechte und die Stärken jedes Einzelnen werden von den Liberalen am vehementesten vertreten. Ich habe die Liberalen früher als sozial kalt wahrgenommen. Das stimmt aber gar nicht.

Hätten Sie ein Jamaika-Bündnis begrüßt?

Jamaika ist gescheitert an vielen Dissensen. Ich hätte es super gefunden und bin enttäuscht. Jetzt befürchte ich weiter Stillstand mit einer Koalition des Machterhalts mit Hilfe einer erodierten SPD.

Was war der Auslöser, weshalb Sie Ihr Austrittsgesuch geschrieben haben?

Das war das Gefährdergesetz in Bayern. Als Anwalt war ich richtig schockiert, wie wenig darüber diskutiert wurde.

Im direkten Vergleich zwischen CSU und FDP München-Land - wo sind die Unterschiede?

Ich kann sagen, in der unteren Ebene kommen die verschiedenen Stimmen mehr zu Wort. In der CSU gibt es Mandatsträger, welche die Inhalte vorgeben. Und als Basismitglied darf man vielleicht mal was dazu sagen und eher fragen. Als ich auf Landesebene im Arbeitskreis Hochschule und Kultur für die CSU gearbeitet habe, wurde so gut wie nichts von der Landtagsfraktion umgesetzt. Aber ich glaube, die wollen das nicht anders, denn das wäre unbequem.

Ist die Politik auf Landkreisebene kohärent mit der der Landespartei?

Nicht wirklich: Christoph Göbel ist ein offener Mensch, der hier eine Art Mikrokosmos geschaffen hat, wo er Flüchtlinge willkommen heißt. Ich verstehe es nicht, wieso Leute wie er sich nicht mehr in der CSU durchsetzen. Im Kleinen ist das großartig, aber für das, was man in ganz Bayern und im Bund vertritt, sind Menschen wie sie in der CSU unterrepräsentiert.

Welche Kräfte sind denn aus Ihrer Sicht in der CSU zu stark?

In der CSU gibt es Leute, die sich für Law-and-Order-Sheriffs halten. Dieser Teil der CSU betreibt Angstmacherei. Zu sagen, eine Stadt wie München sei unsicher, ist unerträglich und peinlich. Ich finde es schlimm, dass es die Partei nicht schafft, solche Leute einzubremsen.

Wie hat man seinerzeit im CSU-Kreisvorstand darauf reagiert, dass Sie austreten wollten?

Es haben nur wenige mit Bedauern reagiert. Ich nehme dort viele Menschen wahr, die so ticken wie ich, aber die sagen: Das ist die Partei, die am Ruder ist, und da bleibe ich jetzt.

Umfragen sehen die FDP in Bayern momentan bei etwa sechs Prozent. Mit welchen Themen können Sie Stimmen gewinnen?

Für uns Liberale hoffe ich, dass wir den Wiedereinzug schaffen. Als Listenkandidat in Milbertshofen für den Landtag kämpfe ich für ein modernes Bayern der Chancengleichheit und gegen Leitkultur und Herdprämie. Und ich glaube nicht, dass sich dieses Lebensbild in der CSU so schnell ändern wird.