Europa im Jahr 1805: Der französische Kaiser Napoleon Bonaparte ist auf Expansionskurs und zieht mit seinen Truppen über den Kontinent, gegen ihn bilden unter anderem Österreich, Russland und Großbritannien eine Allianz. Auch Bayern wird in diese politischen Wirrungen verstrickt – und mit dem Kurfürstentum auch die Menschen, egal, ob Adliger oder Bettler.
In München treiben sich an jedem Eck dunkle Gestalten herum. Am unteren Ende der Gesellschaft muss man eigene Wege finden, um zu überleben, sei es durch Diebstahl, Prostitution oder Betteln. Die Münchner Unterwelt hat ihre eigenen Gesetze und ihren eigenen Hofstaat, der Versammlungen abhält. Diese Parallelgesellschaft trägt ähnlich wie die offiziellen Kurfürsten und Kaiser auch ihre ganz eigenen Machtspiele aus, freilich nicht ganz unbeeinflusst von der großen Politik.
Als die Leiche eines Tirolers auftaucht, gilt der Mord erst als Verbrechen, das mit dem Tod bestraft wird. Wenn Bayern sich wenig später jedoch mit den Franzosen verbündet, sind wiederum die Österreicher der Feind – der Mord an einem von ihnen gilt also als Heldentat, die mit einem Orden belohnt wird. Doch auch das soll sich schnell wieder ändern.
Es sind turbulente Zeiten, die die Münchner Volkssängerbühne (MVB) von Samstag an in ihrem neuen Stück im Kleinen Theater Haar thematisiert. In der „Drei-Zehnerl-Oper“, lose inspiriert von Bertolt Brechts Dreigroschenoper, geht es um Intrigen, Gier und die Frage, wie man sich die Vorherrschaft in der Welt der Geächteten sichern kann.
Im vergangenen Jahr wagte das traditionsreiche Laienensemble, das heuer sein 65-jähriges Bestehen feiert, einen kleinen Umbruch: Im Stück „Schwabing 69“ ließ man die wilden Sechzigerjahre wieder aufleben, zuvor hatte man eher Klassiker auf Bairisch interpretiert. Mit der Drei-Zehnerl-Oper kehrt die Volkssängerbühne gewissermaßen zurück zu den Wurzeln. Für zwei Mitglieder gilt das wörtlich: Schriftführerin Gabi Bertl und Vorsitzender Christian Edlinger haben bei einer früheren Aufführung im Jahr 2001, damals noch in der alten Spielstätte im Münchner Hofbräukeller, mit demselben Stück ihr Debüt gegeben.
Im Vergleich zur damaligen Inszenierung hat das Team um Regisseurin Franziska Lohr einige Änderungen vorgenommen, die sich unter anderem aus dem Zeitgeist ergeben: Gewisse Begriffe seien mittlerweile ein „No-Go“, sagt Lohr und meint damit unter anderem das N-Wort. Im Originalstück seien starke Frauenrollen zudem noch „rar gesät“ gewesen. Es habe im Bettlerstaat einen König, eine Königin und die Prinzessin gegeben, „aber die hatte gar nicht so viel zu sagen“, so Lohr. Intrigen spielten sich hauptsächlich zwischen den Männern ab. Die Regisseurin wollte das ändern: „Wir haben den König abgeschafft.“ Stattdessen hält in der Neuauflage dessen zweite Gemahlin Hof, selbst ein einstiges Flitscherl und deutlich jünger als ihre Stiefkinder.
Die neue Königin ist ehrgeizig und opportunistisch, sie umgibt sich mit Menschen, die ihr nutzen – auch dann, wenn es sich um den Chef des rivalisierenden Clans handelt, der selbstredend ebenfalls seine eigenen Ambitionen hegt. Den Nachkommen aus der ersten Ehe des alten Königs gefällt diese Allianz nicht, aber auch sie wissen sich zu helfen.
Aus dem Puff wird kurzerhand „Le Püff“
Letztendlich ist allerdings jeder ein Opfer der Politik. Die Wendungen der ständig wechselnden Allianzen und die Konsequenzen sind für die einfache Bevölkerung schwer zu durchblicken. Und doch machen alle das Beste daraus: „Die Flitscherl, die vorher geschaut haben, was die Österreicher mögen, müssen später auf Französisch umschulen“, sagt Regisseurin Lohr. Aus dem Puff wird kurzerhand „Le Püff“.
So viele Turbulenzen müssen gut vorbereitet sein. Insgesamt rund 35 Menschen sind an dem Stück nach Angaben des MVB-Vorsitzenden Christian Edlinger beteiligt. „Wenn wir das letzte Stück spielen, müssen wir uns schon Gedanken machen, was das nächste wird.“

Die Mühen zeigen sich unter anderem in den fantastischen Kostümen, eigens für das Stück im Steampunk-Stil angefertigt. Schneiderin Anna di Buono habe mit dem Begriff zunächst nichts anfangen können, erzählt Regisseurin Lohr. „Aber beim Googeln hat sie gleich leuchtende Augen gekriegt.“ Bei der Verzierung half das Ensemble ebenfalls mit. Das Ergebnis sind detailreiche, fantasievolle Gewänder, die perfekt zur verruchten Unterweltgesellschaft passen.
Die Proben gestalteten sich ähnlich intensiv, wie Lohr sagt. Für die Charakterentwicklung dienten Tiere als Inspiration, deren Verhalten die Schauspieler nachahmen sollten: Der träge Gefängniswärter etwa orientierte sich an einem Koala, die dominante Chefin der Flitscherl dagegen an einer Hornissenkönigin.
Die Spielfreude ist dem Ensemble anzumerken und trägt zur Unterhaltsamkeit des Stücks bei. Auf leichte und lustige Weise zeigt die Drei-Zehnerl-Oper eine andere Perspektive auf den Weg Bayerns zum Königreich. Der historische Hintergrund kann aber auch zum Nachdenken anregen, wenn man sich darauf einlässt. Denn die Themen des Stücks seien immer aktuell, sagt MVB-Schriftführerin Gabi Bertl. Korruption, Machtspiele und Wirrungen in der Politik gibt es schließlich heute noch genauso wie vor über 200 Jahren.
Die Münchner Volkssängerbühne zeigt die Premiere der Drei-Zehnerl-Oper am Samstag, 25. Januar, von 20 Uhr an im Kleinen Theater Haar. Von 31. Januar bis 15. Februar ist das Stück jeweils freitags und samstags von 20 Uhr an zu sehen. Zusätzlich gibt es eine Matinee am Sonntag, 9. Februar, die um 14 Uhr beginnt. Karten sind unter der Telefonnummer 089/890 56 98 11 oder online unter www.kleinestheaterhaar.reservix.de/events?q=mvb erhältlich. Am Samstag, 22. Februar, gibt die MVB ein Gastspiel im Unterhachinger Kubiz. Karten für diese Vorstellung, die um 19 Uhr beginnt, kann man unter Telefon 089/66 55 53 16 bestellen.

