SZ-Serie: Wasser bewegtDie Toilette der Zukunft kommt ohne Wasser aus

Lesezeit: 5 Min.

Mehr als 14 000 Liter Wasser lässt jeder im Durchschnitt beim Toilettengang im Jahr durch die Schüssel rauschen.
Mehr als 14 000 Liter Wasser lässt jeder im Durchschnitt beim Toilettengang im Jahr durch die Schüssel rauschen.
Robert Haas
  • Die Grünwalder Firma Abereus entwickelt wasserlose Trenntoiletten, die jährlich über 14 000 Liter Trinkwasser pro Person einsparen können.
  • Der Deutsche Alpenverein setzt bereits auf Berghütten wie der Neuen Prager Hütte solche Toiletten ein, da dort das Wasser ausgeht.
  • Öffentliche Toiletten ohne Wasser- und Kanalanschluss könnten Kommunen deutlich günstiger kommen als herkömmliche Anlagen mit 600.000 Euro Anschlusskosten.
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Eine Grünwalder Firma entwickelt wasserlose Toiletten für Berghütten und Kommunen. Die Anlagen sparen Trinkwasser und gelten als wartungsfreundlich. Angesichts zunehmender Trockenheit wächst das Interesse an solchen Lösungen.

Von Bernhard Lohr, Grünwald

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Die zunehmende Trockenheit zeigt jeden Sommer aufs Neue, wie kostbar Trinkwasser ist. Umso drängender wird die Frage, ob wirklich täglich Tausende Liter sauberen Wassers in den Toiletten verschwinden müssen. Im Durchschnitt verbraucht jeder Bundesbürger rund 35 Liter pro Tag allein für die Spülung. Das ist etwa zehnmal so viel Wasser wie zum Trinken und Kochen benötigt wird. Für manche ist das ein Widerspruch. Sie sind überzeugt: Das muss nicht sein und setzen auf wasserlose Toiletten.

Seit den jüngsten Aufrufen zum Wassersparen sind einige Gewissheiten ins Wanken geraten. Wasserknappheit in Oberbayern? Zwischen grünen Wiesen, sprudelnden Bächen und der Isar schien das lange kaum vorstellbar. Doch der Klimawandel macht sich zunehmend bemerkbar. Laut dem Klimainformationssystem des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) fielen 2025 in der Klimaregion Alpen 23 Prozent weniger Niederschläge als im Durchschnitt der Jahre 1951 bis 2000. Es war das trockenste Jahr seit Beginn der Auswertungen 1951. Und im Frühjahr 2026 kam erneut wenig Feuchtes vom Himmel.

Der Anbau für die Trockentrenntoilette an der Neuen Prager Hütte.
Der Anbau für die Trockentrenntoilette an der Neuen Prager Hütte.
Deutscher Alpenverein

Die Folgen sind in diesem Sommer messbar. Denn die Alpenregion ist die Quellregion für das Voralpenland. Die Flüsse führen wenig Wasser, während zahlreiche Grundwasserstände auf historische Tiefstwerte sinken.

Was viele Menschen im Münchner Raum derzeit überrascht, ist für Moritz Pfeiffer vom Deutschen Alpenverein (DAV) eine logische Folge des Klimawandels. Der Umweltingenieur spricht von einer „existenziellen Geschichte“ für den Alpenraum. Wie konkret die Probleme inzwischen sind, zeigt die Neue Prager Hütte am Großvenediger auf knapp 2800 Metern Höhe. Dort ging im August 2022 das Wasser aus, sodass der Betrieb vorzeitig eingestellt werden musste. Dasselbe geschah in den Folgejahren 2023 und 2024. Pfeiffer sagt, früher hätten die Schneefelder über den Sommer gehalten und die Quelle gespeist. Aber zuletzt seien die letzten Schneereste schon Mitte Juli weggeschmolzen. „Es wird jedes Jahr früher. Es fällt weniger Schnee und der ist schneller geschmolzen.“ Eine Antwort auf diese Entwicklung ist konsequentes Wassersparen. Deshalb setzt der DAV auf der Hütte inzwischen eine wasserlose Trenntoilette ein.

Die Trockentrenntoilette verfügt über einen eigenen kleinen Abfluss für den Urin und lässt keine Gerüche aufkommen.
Die Trockentrenntoilette verfügt über einen eigenen kleinen Abfluss für den Urin und lässt keine Gerüche aufkommen.
Deutscher Alpenverein

Pfeiffer sagt, die Trenntoilette funktioniere „hervorragend“. Der DAV teste auch andere Systeme und beabsichtige jedes Jahr drei Hütten auf Trockentoiletten umzustellen. Das passt zur Nachhaltigkeitsstrategie des Alpenvereins, der auf vielen Hütten bereits Solarenergie, Regenwassernutzung oder andere ressourcenschonende Lösungen einsetzt. Jetzt kommt für die Winternutzung der Schutzhütte am Schafreuter noch eine Trockentrenntoilette hinzu. Die Anlagen stammen von der Grünwalder Firma Abereus. Deren Geschäftsführer Florian Wackermann ist überzeugt, dass wasserlose Toiletten nicht nur in den Bergen eine Zukunft haben. Es gehe nicht um ein Revival des Plumpsklos, sagt er. Vielmehr stelle sich die Frage: „Wie kriegen wir die Toilette des 21. Jahrhunderts hin?“

Was auf Berghütten zunehmend zum Standard wird, ist keineswegs neu. Wasserlose Urinale gibt es seit mehr als 100 Jahren. Erfunden wurden sie bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Wilhelm Beetz. Heute sind sie tausendfach im Einsatz, etwa auch im Münchner Mathäser-Kino. Die Technik gilt als ausgereift: Membranen oder spezielle Sperrflüssigkeiten trennen die Ausscheidungen vom Raumklima und verhindern Geruchsbildung. Der Rest wird in einem Tank gesammelt. Auf der Neuen Prager Hütte wurde zudem ein an die Bedürfnisse von Frauen angepasstes Urinal, ein sogenanntes „Missoir“, installiert. Deutlich anspruchsvoller ist die Entsorgung von Fäkalien ohne Wasser. Doch auch dafür gibt es mittlerweile hygienische und praxistaugliche Lösungen.

Auch die Tölzer Hütte nutzt die Trenntoilette von Abereus aus Grünwald.
Auch die Tölzer Hütte nutzt die Trenntoilette von Abereus aus Grünwald.
Manfred Neubauer

Florian Wackermann hat sich dem Thema verschrieben. Pissoirs und Missoirs vertreibt er zusätzlich über fremde Hersteller. Das Kerngeschäft der Abereus GmbH, die er als einer von drei Geschäftsführern leitet, sind aber Toilettenstühle, die Urin und feste Stoffe in der Schüssel trennen. Diese sehen nicht viel anders aus als eine herkömmliche Toilette. Ein permanent nach unten geführter Luftstrom verhindere üble Gerüche, sagt Wackermann.

„Wenn man reingeht in den Toilettenraum“, sagt er, „hat man das Gefühl, man ist der Erste, der diese Toilette benutzt.“ Alles sei sauber und hygienisch. Und das ohne einen Tropfen Wasser. Erst in Verbindung mit Wasser entstünden laut Wackermann viele Probleme, etwa Gerüche. Das Material werde nass und schwer. Bei Abereus-Toiletten würden Urin und Fäkalien getrennt und in Behältern gesammelt. 9000 Toilettengänge seien so möglich, ohne größere Wartung.

Florian Wackermann setzt sich mit seiner „Goldgrube“ für die Sanitärwende ein.
Florian Wackermann setzt sich mit seiner „Goldgrube“ für die Sanitärwende ein.
Bernhard Lohr

Irgendwann sind die Behälter natürlich voll. Bei der „Goldgruben-Toilette“  von Abereus handelt es sich um betonierte Gruben mit 3,5 Kubikmeter Fassungsvermögen. Auf der Tölzer Hütte arbeitet man mit Plastikfässern, die dann mit einer Lastenseilbahn hinunter ins Tal befördert werden. Wackermann erzählt von einer Toilette, die 17 Jahre ohne Wartung funktioniert habe, wasser- und kostensparend in einem.

Die von Abereus vermarktete Technik geht auf Karsten Holzapfel aus Jena zurück. Dieser hatte sich bereits seit mehr als 20 Jahren mit naturnahen Verfahren der Abwasserreinigung beschäftigt. Er gründete die Holzapfel und Konsorten KG und baute Trockentrenntoiletten für Entwicklungsprojekte in Afrika.

Florian Wackermann arbeitete erst als promovierter Volkswirt für einen Reifenhersteller. Gemeinsam mit dem Maschinenbauer Jan Ilzig habe er nach einem Geschäftsfeld gesucht, in dem sie sich unternehmerisch verwirklichen könnten, erzählt er. So seien sie auf das Thema Toiletten gekommen. Bei einem Vortrag seien sie Holzapfel begegnet. „Wir haben angefangen, weil wir den Erfinder kennengelernt haben“, blickt Wackermann zurück. Im Jahr 2023 hätten sie zu dritt die Firma gegründet. Inzwischen wurden nach seinen Angaben mehr als 80 Trockentrenntoiletten des Typs „Goldgrube“ mit fest installiertem Sammelbunker aufgebaut. Hinzu kommen mehr als 300 Anlagen mit Fasssystemen, wie sie vor allem auf Berghütten zum Einsatz kommen.

Wassersparen. Doch mit Appellen alleine ist es in den Bergen nicht mehr getan.
Wassersparen. Doch mit Appellen alleine ist es in den Bergen nicht mehr getan.
Sabine Dobel/dpa

Abseits von Toiletten auf Hütten zielt die Abereus GmbH auf öffentliche Toiletten. Diese könnten ohne Wasser- und Kanalanschluss errichtet werden und wären damit deutlich günstiger. Allein die Herstellung der Anschlüsse kostet die Stadt München nach Angaben Wackermanns bei einer öffentlichen Toilette rund 600 000 Euro. Im aktuellen Ausbauprogramm sollen für 17,5 Millionen Euro insgesamt 29 Anlagen entstehen. Für dieselbe Summe ließen sich nach seiner Rechnung rund 290 Trockentrenntoiletten errichten, die zudem nur einen Bruchteil an Wartungs- und Reinigungskosten benötigten. Nicht nur die Wasserknappheit könnte der Technik daher einen Schub verleihen. Auch der Spardruck in den öffentlichen Haushalten nährt die Hoffnung auf zusätzliche Nachfrage.

Wackermanns Firma verhandelt mit den Gemeinden Unterhaching und Haar

Florian Wackermann glaubt an seine noch kleine Firma. Er gehört zu einem Netzwerk von Fachleuten und Unternehmen, die neben der Energie- und Verkehrswende auch eine „Sanitärwende“ voranbringen wollen. Wackermann sagt, mehr als 14 000 Liter Wasser verbrauche ein Mensch im Jahr beim Toilettengang. „Das war noch eine gute Idee, als wir eine Milliarde Menschen auf der Erde waren.“ Das Ziel müsse nun eine Kreislaufwirtschaft sein, inklusive der weiteren Verarbeitung des getrennt gehaltenen Urins und der Feststoffe, woraus Stickstoff und Phosphor ohne großen Einsatz von Energie gewonnen werden könnten. Das verbliebene Material lasse sich über Pyrolyse oder in Biogasanlagen verwerten.

In München wurden zuletzt neue öffentliche Toilettenanlagen im Arnulfpark und am Georg-Freundorfer-Platz eröffnet. Abereus-Toiletten, die den DIN-Standard für öffentliche Toiletten erfüllen, gibt es Wackermann zufolge im süddeutschen Raum bisher kaum. Zuletzt wurden Anlagen in Rostock und in Mützenich an der belgischen Grenze installiert. Im Süden versuche das Unternehmen noch, Fuß zu fassen, sagt Wackermann. Er berichtet von Gesprächen mit der Gemeinde Unterhaching, eine solche Toilette im Landschaftspark zu schaffen, mit dem Bezirk Oberbayern spreche man über ein Projekt in Haar.

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