Gerade zählt Simone Brunner noch auf, was für Wild es im Forstenrieder Park gibt. „Schalenwild, Dammwild, Rotwild, Schwarzwild, Rehwild.“ Die Worte kommen im Stakkato aus ihrem Mund. Als wäre sie in der Prüfung an der Waldbauernschule in Kelheim. In dem Moment kreuzen zwei kleine Wildschweine den Weg. „Da kommt gleich noch eins hinterher“, sagt sie, „ein Frischling.“ Die 25-Jährige ist Jägerin und hat als Bayerns Beste mit 1,0 ihre Prüfung zur Forstwirtin abgeschlossen. Was läge da näher, als mit ihr auf einem morgendlichen Spaziergang darüber zu reden, wie es dem Wald und den Tieren geht. Und wie sie als junge Frau auf den Klimawandel und die Zukunft der Wälder blickt.
Die kleine Spazierrunde führt nur 100 Meter von der Garmischer Autobahn und angrenzend an ein gehobenes Wohngebiet an der Forstenrieder Allee in München in den Park. Ein Wildgatter im Boden zeigt gleich, wer dort alles zu Hause ist und verhindert, dass die Wildschweine ausbüxen und die Gärten in Forstenried durchwühlen. Der Park ist eingezäunt. Außer Wildschweinen sind etliche Jogger unterwegs, Radfahrer und Spaziergänger. Es sei auch ein „Erholungswald“, sagt Brunner.
Und er ist der Arbeitsplatz für Förster und Forstwirte der Bayerischen Staatsforsten im Forstbetrieb München. Mehr als 2000 Hektar betreuen sie rund um München. Simone Brunner ist sonst viel bei Egmating, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Grünwald und Deisenhofen im Einsatz. Die Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt, sind überall abzulesen. Der Umbau hin zu klimaresistenten Mischwäldern laufe auf Hochtouren, sagt Brunner. „Das ist unsere Hauptaufgabe.“
Es ist eine gewaltige Aufgabe. Aber nicht überall zeigt sich das auf gleiche Weise. Der Forstenrieder Park wirkt an diesem Morgen wie ein Wald aus dem Bilderbuch, in dem jeder auf seine Kosten kommt. Inklusive der Wildschweine, die sich auf dem Weg durch das helle, lichte Grün noch mehrmals zeigen werden. Fehlt nur noch, dass Asterix und Obelix um die Ecke kommen. Oder der Grüffelo aus dem Kinderbuch. Die Bilder von kahlen Flächen finden sich hier nicht, in denen etwa ein Sturm oder Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet haben. Das sei hier nicht der Frankenwald, sagt Brunner, und auch nicht der Harz. Der Süden Bayerns stehe relativ gut da.

Doch auch im Süden Bayerns, im Münchner Umland leiden die Wälder unter den sich häufenden längeren Trockenphasen. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt, dass 2003, 2011, 2015, 2018, 2020 und 2022 in relativ kurzer Abfolge die Böden teilweise bis in tiefere Regionen stark ausgetrocknet waren.
Regenreiche Jahre 2023 und vor allem 2024 besserten die Lage, was sich gleich in der Waldzustandserhebung der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft niederschlug. Im Juli und im August sind die Fachleute immer unterwegs und inspizieren für die seit 1983 erstellten Berichte die Wälder. 2024 fiel angesichts günstiger Wetterbedingungen das Ergebnis relativ positiv aus. Der durchschnittliche Nadel- und Blattverlust habe sich nicht weiter verschlechtert, heißt es im Bericht, gerade auch im Süden.
Die trockenen Jahre wirken nach
Dennoch wirken die vergangenen trockenen Jahre nach Einschätzung der Forstfachleute nach und schwächen weiter die Vitalität der Bäume. Und ihnen ist klar, dass der Hitzestress für die Wälder in Zukunft nicht abnehmen wird. Auf dem Weg durch den Forstenrieder Park fällt der hohe Anteil an Laubbäumen auf. Ein breiter Streifen mit jungen, vielleicht fünf bis sieben Meter hohen Bäumen wurde vor einigen Jahren frisch gepflanzt. Immer wieder sind junge Bäume durch Gitterdraht vor Verbiss geschützt. Vereinzelt führen Rückegassen in den Wald. Die Hand von Forstwirtinnen und Forstwirten wie Simone Brunner ist überall zu erkennen.
Sie erzählt, dass etwa 40 Hektar Wald im Forstbetrieb München Jahr für Jahr neu aufgeforstet würden. Bis zu 120 000 junge Bäume würden gesetzt, um Fichten zum Beispiel durch Tannen, Eichen, Esskastanien und Elsbeeren zu ersetzen. „Was wir meinen, es könnte klimatoleranter sein“, sagt Brunner. „Das Wichtigste ist, dass nicht nur eine Baumart auf einer Fläche steht, sondern mindestens vier.“ Damit werde ein Totalausfall auf einer Fläche verhindert. Ein solcher Umbau der Wälder laufe überall in Bayern. „Da steht jeder dahinter.“

Plötzlich hält die Forstwirtin inne. Sie zeigt auf einen Baum mit einem aufgemalten roten Punkt. „Das ist ein Zukunftsbaum, ein Z-Baum“, sagt sie. Es ist eine am quergeränderten Stamm erkennbare Wildkirsche, die ein Kollege oder eine Kollegin markiert hat. Das bedeute, sagt Brunner, dass umliegende, den Baum im Wuchs behindernde Bäume – sogenannte „Bedränger“ – entfernt werden sollen.
Es gehört zu den Lieblingsaufgaben der 25-Jährigen mit Expertenblick durch den Wald zu streifen, um auszumachen, wo steuernd eingegriffen werden sollte, um den Wald vielfältiger zu machen und zu stärken. Wenn Bäume entfernt würden, sagt sie, dann geschehe das aus gutem Grund. Brunner kennt die kritischen Anfragen bei Fällungen. Sie erkläre das jedem gerne, sagt sie, und das werde dann auch verstanden. „Wenn wir einen gesunden Wald haben wollen“, sagt sie, „dann braucht es gezielte Eingriffe von Fachleuten, davon bin ich überzeugt.“
Die Zahl der Auszubildenden im Forstbereich steigt
Und für diese wichtige Arbeit braucht man in Bayern mehr und mehr Fachkräfte. Die Zahl der Auszubildenden im Forstbereich steigt seit Jahren. Brunner ist eine von sieben Forstwirtinnen und 120 Forstwirten, die dieses Jahr den Abschluss an der einzigen Schule für diesen Beruf in Bayern gemacht haben. Im Jahr 2015 traten noch 68 junge Leute die Ausbildung an, dieses Jahr werden es am 1. September 150 sein.
Der größte Ausbilder sind die Staatsforste. 79 Absolventen kamen heuer wie Simone Brunner von dort; 48 von privaten Betrieben, Kommunen, den Bundesforsten, Nationalparkverwaltungen, Forstbetriebsgemeinschaften und Forstunternehmen. Aus Sicht von Peter Hummel, Leiter der Waldbauernschule, ist die Nachfrage an Fachkräften kein Problem.„Regelmäßig gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsstellen, weil sich dieser grüne Ausbildungsberuf bei der jungen Generation großer Beliebtheit erfreut.“

Für Brunner ist es der Traumberuf. Sie stammt aus einem Land- und Forstbetrieb in Schwabhausen im Landkreis Dachau. Ihr Bruder hat als Landwirtschaftsmeister den Hof übernommen und sie machte nach dem Abitur erst eine Lehre zur Kauffrau und legte mit einer Prüfung zur Hauswirtschaftsmeisterin nach, bevor sie ihrer Berufung folgte. Ein Studium der Forstwirtschaft stand im Raum. Aber sie habe es rausgezogen zur praktischen Arbeit in der Natur, sagt sie.
In der Abschlussprüfung an der Waldbauernschule musste sie mit einer Motorsäge einen kräftigen Baum fällen und mit Keilen händisch nacharbeiten, weil der Baum einen „Rückhänger“ hatte und nicht so fallen wollte, wie er sollte. Es ging alles gut. Im Theorieteil waren unter anderem 50 Baumarten zu bestimmen, auch das klappte bei Brunner ohne Aussetzer. Das Ergebnis war die Bestnote und der Abschied ins Berufsleben im Wald. „Jetzt bleib’ ich dabei“, sagt Brunner, „ich bin angekommen, würde ich sagen.“

Forstwirte sind draußen, wo die Jogger und Spaziergänger Erholung suchen. Aber der Beruf ist auch hart und gefährlich. Die Vorstellung, dass es bei schlechtem Wetter möglich sein sollte, einen Bürotag einzulegen, wischt die 25-Jährige beiseite. Nein, es gebe lediglich Unterstände, an denen sie bei unwirtlichem Wetter zum Beispiel Sitzbänke für den Wald oder Drückjagdböcke zimmere. Letzteres sind kleine Hochstände, die Jäger bei einer Drückjagd nutzen.
Simone Brunner hat den Jagdschein schon vor ihrer Ausbildung gemacht. „Wenn man schon draußen ist, sollte man sich mit den Lebewesen, die da draußen leben, auskennen“, sagt sie. Als später beim Spaziergang ein ausgewachsenes Wildschwein sich nur wenige Meter entfernt den Rücken an einem Baumstamm kratzt, warnt sie davor, zu nahe ranzugehen. Auch als fünf Frischlinge auf einen Schlag auftauchen, bleibt sie erkennbar zurückhaltend. Sollte eine Muttersau aus dem Dickicht kommen, könnte es brenzlich werden.
Die großen Gefahren im Wald liegen in der Waldarbeit
Die großen Gefahren im Wald kommen bei der Waldarbeit selbst, wenn Bäume nach einem Sturm umstürzen, quer liegen und große Kräfte sich entladen können, wenn ein Stamm sich löst oder nur ein schwerer Ast herabstürzt. Solche Gefahren werden durch den Klimawandel mehr und für die Bäume selbst wird ein kleiner Schädling gefährlicher, der sich in langen Trockenphasen bei geschwächten Bäumen unter der Rinde breit macht und die Wasserzufuhr hoch zu den Blättern vollends abschneidet.
Eine der häufigen Tätigkeiten von Simone Brunner sind deshalb Inspektionsgänge durch den Wald, um vom Borkenkäfer befallene Bäume zu finden. „Punktuell“, sagt sie, habe sie zuletzt solche entdeckt. Aber sie weiß, es ist eine Momentaufnahme im Wald im August 2025. So vieles hängt vom Regen ab, und vom Einsatz der Försterinnen und Förster. Verloren sei aber nichts, sagt Brunner. „Natürlich hab’ ich Hoffnung für die Zukunft.“

