Nahverkehr in München:S-Bahn-Chef stellt Ausbau der S 7 infrage

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Nahverkehr in München: Seit Jahrzehnten kämpfen der Landkreis München und die Gemeinden für einen zweigleisigen Ausbau der S 7 etwa in Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

Seit Jahrzehnten kämpfen der Landkreis München und die Gemeinden für einen zweigleisigen Ausbau der S 7 etwa in Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

(Foto: Claus Schunk)

Weil ein zweites Gleis so schnell nicht zu verwirklichen ist, setzt Heiko Büttner auf einen Ausbau der Digitalisierung und autonomes Fahren, um die Kapazität der Strecke nach Aying zu erhöhen. Kreispolitiker widersprechen.

Von Martin Mühlfenzl

Was Florian Schardt, Fraktionssprecher der SPD im Kreistag, als "Sumpf der Trägheit" bezeichnet, bekommen Pendler im Landkreis München tagtäglich zu spüren: verspätete S-Bahnen, Züge, die ausfallen, überfüllte Waggons. Ein heute schon vollkommen überlasteter Personennahverkehr.

Und wenn es nach der S-Bahn München geht, soll in etwas weniger als 20 Jahren die Zahl der Pendler noch einmal um nahezu 60 Prozent anwachsen - von etwa 238 Millionen Reisenden im Jahr 2018 auf mehr als 375 Millionen Nutzer im Jahr 2040. Diese Zahlen präsentierte Heiko Büttner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Münchner S-Bahn, am Montag dem Mobilitätsausschuss des Kreistags, dem er unter dem Tagesordnungspunkt "Störungen und Defizite im S-Bahnverkehr" Rede und Antwort stand. Es war schon im Vorhinein klar, dass es für den S-Bahn-Vertreter kein allzu gemütlicher Besuch werden dürfte.

Der Unmut unter Pendlern und Kommunalpolitikern angesichts der Fehleranfälligkeit der Münchner S-Bahn ist groß - es herrscht aber auch Frust darüber, dass der Ausbau der Infrastruktur im Landkreis München seit Jahrzehnten kaum vorankommt, während der Fokus der Deutschen Bahn auf der Errichtung der zweiten Stammstrecke in der Münchner Innenstadt und deren Entlastung liegt.

Diese Ernüchterung befeuerte S-Bahn-Vertreter Büttner noch einmal, indem er den Ausbau eingleisiger Trassen auf den Außenästen auf zwei Gleise - etwa auf dem östlichen Ast der S 7 über Ottobrunn und Höhenkirchen-Siegertsbrunn - eine Absage erteilte. Diese Maßnahmen würden viel zu lange dauern und seien auch aufgrund zu erwartender Bürgerproteste kaum zu realisieren, sagte Büttner. Vielmehr müssten die Kapazitäten und auch die Qualität der S-Bahn durch den Ausbau der Digitalisierung und autonomes Fahren vorangetrieben werden. Nur so könne die Situation im ÖPNV in den kommenden zehn Jahren verbessert werden.

Im Maßnahmenplan steht der Ausbau eigentlich drin

Angesichts der Absage Büttners an den zweigeisigen Ausbau, der im Landkreis München für noch eingleisige Trassen seit Jahrzehnten vehement eingefordert wird, erinnerte Günter Heyland (Freie Wähler) an ein Treffen mit der damaligen bayerischen Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) aus Unterhaching im Jahr 2018, bei dem ein Maßnahmenplan zum Ausbau festgelegt worden war. Davon finde sich in den Ausführungen Büttners nun nichts mehr wieder, kritisierte Heyland. "Rein quantitativ", sagte er, sei es nicht vorstellbar, wie mit den derzeit anvisierten Maßnahmen die prognostizierte Fahrgastprognose für 2040 überhaupt erreichbar sein könnte.

SPD-Kreisrat Schardt sagte, die S-Bahnen seien heute schon "proppenvoll". Es müsse weiter "beharrlich" am zweigleisigen Ausbau festgehalten werden, so Schardt; ansonsten sei es vollkommen unrealistisch, einen Zuwachs von 60 Prozent an Pendlern überhaupt abfangen zu können.

Die S-Bahn München setzt den Ausführungen Büttners zufolge auf andere Projekte, um die Effektivität des Systems zu steigern. So sollen vor allem die beiden neuen Stellwerke in Pasing und Steinhausen die Wartung der Flotte beschleunigen, eine neue S-Bahn-Leitstelle soll Störungen im Betrieb reduzieren, ein neues Ausbildungswerk den eklatanten Fachkräftemangel beheben, der immer wieder zu Zugausfällen und Verzögerungen bei der Wartung von Zügen führt.

Diese Ausführungen - vor allem aus Sicht des Landkreises München - reichen aber nicht allen Kreisräten. Manfred Riederle (FDP) konstatierte, ihm fehle die selbstkritische Haltung eines Systems, das aus Steuergeldern finanziert werde. Tagtäglich würden die Bedürfnisse der Fahrgäste im Landkreis vernachlässigt. "Mir ist das offen gestanden zu wenig", so Riederle.

Landrat Christoph Göbel (CSU) forderte massive Investitionen in die Infrastruktur. Bis diese kommen, müsse vor allem auf den Außenästen auch schon vor der voraussichtlich für 2028 geplanten Eröffnung der zweiten Stammstrecke der Takt verdichtet werden. Büttner erwiderte, dass es das Ziel der Münchner S-Bahn sei, auf allen Trassen mindestens einen 20-Minuten-Takt zu realisieren, auch ohne einen weiteren Ausbau der Gleise. Was allerdings nicht realisiert werden könne, sind laut Büttner zusätzliche Haltekapazitäten für aus dem Landkreis kommende Züge etwa am Ostbahnhof.

Der S-Bahn-Vertreter räumte ein, dass in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig in die S-Bahn investiert worden sei. Alles, was versäumt worden ist, jetzt in fünf Jahren aufzuholen, sei schlichtweg nicht möglich. Komplett wollte er sich aber doch nicht vom zweigleisigen Ausbau der Trassen verabschieden. "Klar, wir fahren auf jedem Gleis, das uns zur Verfügung gestellt wird", sagte Büttner. Verantwortlich für den Ausbau ist aber die DB Netz AG.

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