Süddeutsche Zeitung

München: Musikproduzent Gunnar Graewert:Hits aus dem Keller

Lesezeit: 4 min

Er hat Claudia Koreck entdeckt und schreibt Lieder für Annett Louisan: Der Musikproduzent Gunnar Graewert zieht junge, talentierte Sängerinnen geradezu magisch an. Auch deshalb gehört er zu den erfolgreichsten in der Stadt.

Bernhard Blöchl

Wer zu Gunnar Graewert in den Keller kommt, will hoch hinaus. Die steile Treppe im Hinterhof führt direkt in die Downtown-Studios, die zu den ältesten und renommiertesten Aufnahmeräumen gehören, die München zu bieten hat. Udo Lindenberg hat hier genäselt, der FC Bayern gegrölt, Hildegard Knef jubiliert.

Gunnar Graewert ist einer der Männer, die die Geschichte der legendären Studios fortschreiben sollen: Seit fast zehn Jahren bittet der Produzent talentierte Musiker zu sich in den Keller, um Popmusik groß herauszubringen. Gewöhnlich sitzt Graewert im kleinsten Studio des Kellerkomplexes. Hier schlägt das Herz seiner Produktionsfirma "Young & Loud". Der Trubel der Maxvorstadt bleibt draußen, hier drin ist es gemütlich, von der Decke baumelt eine Hawaii-Kette, zwei Ukulelen zieren die Wand.

Auf dem Tisch liegt ein Keyboard, im Eck steht ein Wurlitzer, es gibt Mikrofone und Computerkram. Erstaunlich wenig Technik für ein Aufnahmestudio. "Das nimmt den Künstlern die Nervosität", sagt Graewert und lächelt spitzbübisch. Die meisten seiner Projekte hat er hier aufgenommen. Nur mit Mario Adorf habe er ins Studio nebenan wechseln müssen, erzählt er, weil der in dem engen Raum so geschwitzt habe.

Dem 36-Jährigen selbst wird warm ums Herz, wenn er während der Arbeit aus dem Fenster schaut. Der Einblick in den Kellerschacht, der nur wenig Tageslicht abbekommt, wäre so inspirierend wie ein Betonsilo - stünde da nicht dieses bunte Bild. Ein Elefant ist darauf zu sehen, ein Wasserfall, ein Wal und eine Giraffe. Naiv gemalt und niedlich. "Das hat Claudi gemalt", sagt Graewert. Claudi und er sind seit etwa drei Jahren ein Liebespaar.

Auch sie hat einst in seinem Keller gesungen - ihr vollständiger Name: Claudia Koreck. Gemeinsam mit der Mundart-Songschreiberin aus Traunstein ist dem Münchner sein bislang erfolgreichster Höhenflug geglückt. Auch beruflich. Davon zeugt die Auszeichnung an der Wand im Vorraum: "Bayerisches Doppelplatin" steht darauf geschrieben, für 70.000 verkaufte Exemplare von "Fliang", dem Debüt der bayerischen Popsängerin.

Ein Meilenstein, der Gunnar Graewert zu einem der erfolgreichsten jungen Musikproduzenten der Stadt macht. Er schreibt Songs für Hit-Sängerinnen wie Koreck, Lieder für Filme wie "Elementarteilchen", er produziert Singles von Kollegen wie den Bananafishbones, und auch sein Talent zum Texten ist in der deutschsprachigen Pop-Szene gefragt.

Er ist ein vielseitiger Musiker mit Gespür für den Mainstream. Einer, den die Öffentlichkeit kaum kennt. Ein Macher, der sich gerne im Hintergrund aufhält. Oder eben im Untergrund. Heute ist Ania Jools zu ihm in den Keller gekommen, eine seiner jüngsten Entdeckungen. Auch sie will hoch hinaus. Die 23 Jahre alte Sängerin aus Perlach, deren Debütplatte "Bilder von mir" vor einem Jahr bei der großen Plattenfirma Sony erschien, aber weitgehend unbeachtet blieb, arbeitet mit Gunnar Graewert gerade am zweiten Album, das im Frühjahr auf den Markt kommen soll.

Graewert schreibt Musik und Texte, aber auch Claudia Koreck und der Hamburger Erfolgstexter Frank Ramond sind beteiligt. Ein prominentes Team. Umso mehr legt sich die hübsche Blonde ins Zeug. Nachdem sie - warum auch immer - ihre Stiefel ausgezogen hat, schmiegt sie sich in Strumpfhose und Kleidchen an das Mikrofon, schließt die Augen und singt.

Der Song, dem die beiden heute die Gesangsspur verpassen, heißt "Anders", ein sehr reduziert arrangiertes, ruhiges Stück, und Jools beeindruckt mit tiefer Soulstimme: "Ich wär' so gern anders, ich wär' so gern wie sie. Zeitlos wie Anna, mit dem Glanz von Marie."Graewert sitzt am Computer und schneidet mit, er pegelt Lautstärken aus, hört genau hin und macht sich Notizen.

Immer wieder lässt er die Sängerin Textpassagen wiederholen, zum Beispiel, wenn sie ein "r" zu hart betont, Brust- und Kopfstimme verwechselt, oder etwas mehr gegen die Musik ansingen soll. Gunnar Graewert ist ein Perfektionist. "Ich mach' so lang weiter, bis ich krieg, was ich will", sagt er und schmunzelt frech. Und er weiß genau, was er will. Entscheidet in wenigen Sekunden. Er muss das können. Zielstrebiges Arbeiten sei das A und O in seinem Job. Ania Jools sagte einmal über Graewert: "Er ist mein Songschreiber, mein Produzent, mein Alles." Sie vertraut ihm. Auch, weil er ein guter Zuhörer sei. "Er trifft meine Gefühle immer und weiß oft, was ich denke."

Früher wollte der Mann mit den nach oben gestylten Haaren selbst ins Rampenlicht. Dass er sich dann aber doch für eine Karriere in der zweiten Reihe entschied, daran ist auch Paul McCartney schuld. Nach dem Abitur am Michaeli-Gymnasium hatte der junge Gunnar das Glück, am Institute for Performing Arts in Liverpool aufgenommen zu werden, um dort vier Jahre lang Musik zu studieren.

Der Münchner singt, spielt Klavier, Percussion und Saxophon und bezeichnet sich als "Musiker seit dem sechsten Lebensjahr". Das war von Vorteil. In England festigte sich sein Wunsch, mit anderen Künstlern zu arbeiten. Motivierend war die Begegnung mit dem berühmten Ex-Beatle, der die Schule 1996 gründete. Weil Graewert zum ersten Jahrgang gehörte, nahm sich McCartney noch die Zeit, Songs der Studenten zu hören und zu bewerten. "Ich werde diese Begegnung nie vergessen. Er hat viel von sich erzählt und mir am Ende ein höfliches 'Find ich gut' mit auf den Weg gegeben."

Der Einstieg in die Branche war steinig, führte aber zum Erfolg. Mit der internationalen Referenz und großem Selbstbewusstsein kehrte er nach München zurück und knüpfte Kontakte. Auch darin ist Gunnar Graewert gut. Nach ersten Jobs setzte er alles auf eine Karte, nahm einen Kredit auf, investierte in Equipment und bezog seinen Platz in den Downtown-Studios, die Artur Silber in den achtziger Jahren gegründet hatte.

Und bald schon kamen die Interpreten, meist sind es Interpretinnen, und stiegen zu ihm in den Keller: Jasmin Wagner alias Blümchen, Edita Gruberova, später dann seine Claudi. Seitdem lebt Graewert seinen Traumjob. "Mir macht es Spaß, mit Künstlern zu arbeiten und etwas zu bewegen", sagt er. "Ich sehe es als Privileg an, mit dem Geld zu verdienen, was mir am meisten Spaß macht."

Im Keller herrscht Aufbruchsstimmung. Große Projekte stehen an: Neben Ania Jools' Platte auch das neue Album von Claudia Koreck. Außerdem schreibt Gunnar Graewert Songs für das nächste Werk von Annett Louisan, der preisgekrönten Hamburger Pop-Chanteuse. Es hat den Anschein, als ziehe Graewert talentierte junge Sängerinnen magisch an. Das mag an dem Einfühlungsvermögen des Produzenten liegen, den Referenzen oder an dem Gespür für poppige Melodien.

Er selbst begründet das so: "Ich habe die Devise, nur mit Leuten zusammenzuarbeiten, mit denen ich auch ein Bier trinken gehen möchte." Das Familiäre liegt ihm am Herzen. Auch privat. Seit September ist Graewert Vater eines Sohnes - Claudia Koreck und er haben ihr erstes Kind bekommen.

Die meisten der Songs und Aufnahmen zum neuen Album sind während der Schwangerschaft entstanden. "Man hört das, da ist die Stimme tiefer", sagt Gunnar Graewert. Timmi soll nun im Haus der Eltern in Ramersdorf aufwachsen. "Die Nächte sind okay", berichtet der Vater, "er schläft viel." Im Unterschied zu ihm. Dafür gibt es für den Umtriebigen zu viel zu tun. Denn auch er möchte hoch hinaus. Noch höher.

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Quelle:
SZ vom 03.11.2010
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