Als sich die Besucher aus der bayerischen Staatsregierung über das große Modell der Architekten beugen, ist der Begriff Dschungelcamp bereits gefallen. Und das ist keineswegs despektierlich gemeint. Im Gegenteil. So grün wie dieser dürfte kaum ein anderer Forschungscampus sein. In Martinsried, an der westlichen Stadtgrenze zu München, entsteht in den kommenden Jahren ein hochmoderner Komplex der Max-Planck-Institute für Biochemie und für biologische Intelligenz. Jetzt steht der Siegerentwurf des Planungswettbewerbs fest. Und der hat einen weiteren entscheidenden Vorteil für die Zukunftsfähigkeit des Standorts.
Eine halbe Milliarde Euro investiert der Freistaat in das Bauprojekt, das zwischen den heutigen Gebäuden des Max-Planck-Instituts und dem Standort der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in Großhadern und Martinsried entsteht. Seit mehr als 50 Jahren ist die Forschung für Biochemie bereits hier angesiedelt, inzwischen sind die Institutsgebäude in die Jahre gekommen, den Anforderungen an moderne Spitzenforschung genügen sie nicht mehr. Es steht schon länger fest, dass ein Neubau erforderlich ist.
Dass die Politik sich zu einer solch hohen Sonderfinanzierung entschlossen hat, begründete Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei der Bekanntgabe des Siegerentwurfs damit, dass er „Forschung als Schlüssel für Wohlstand, Innovation und gesellschaftlichen Fortschritt“ sieht. Und natürlich auch damit, dass Bayern dabei eine führende Rolle einnehmen will. Auch in den Bereichen der Biochemie und der biologischen Intelligenz will man Champion bleiben und nicht in die Bezirksliga abrutschen, wie wohl sein Vor-Vorgänger Edmund Stoiber das Streben nach Platz eins formuliert hätte, und wie es auch in Söders DNA fest verankert ist. Der sagt: „Hier entsteht einer der bedeutendsten Life-Science-Standorte Europas von einer der weltweit führenden Forschungseinrichtungen.“
So werden nach den Plänen des Stuttgarter Büros „h4a Gessert + Randecker Architekten“ inmitten eines kleinen Waldstücks sowie dort, wo sich derzeit ein großer Parkplatz befindet, fünf transparente, quadratische Gebäude in einem grünen Park entstehen, die durch eine umlaufende Brücke verbunden sind. Die Architekten nennen sie den „Loop“. Er soll alle Gebäude miteinander vernetzen und eine bessere teamübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen. Die Neuentwicklung des Standorts gilt bei der Max-Planck-Gesellschaft als die größte aktuelle Baumaßnahme und epochaler Schritt. Im ersten Bauabschnitt wird bis 2033 eine Geschossfläche von etwa 43 000 Quadratmetern entstehen, nach dem zweiten sind für den Campus insgesamt 190 000 Quadratmeter geplant.

Seit der Errichtung der Bestandsgebäude Anfang der Siebzigerjahre hat sich Martinsried einen Namen in der Forschung gemacht. „Hier war schon immer eine Nobelpreisschmiede“, sagt der bayerische Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU). Jetzt gehe es darum, die Tradition als Standort der Weltklasse fortzusetzen. Nach 50 Jahren stehe die Forschung jedoch vor ganz anderen und neuen Herausforderungen, betont Patrik Cramer, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Und wer sich das bewusst mache, bleibe trotz Konkurrenz aus China an der Spitze. „Wir brauchen auch Gebäude, die sich mit uns entwickeln. Auch das zieht Talente an“, so Cramer mit Blick auf den Entwurf des neuen Campus. Die Sonderfinanzierung bezeichnet er als großartiges Standortbekenntnis.
„Herr Aiwanger sieht es schon als neues Jagdrevier“, witzelt Wissenschaftsminister Blume
Hubert Aiwanger, der bayerische Wirtschaftsminister von den Freien Wählern, sieht auch für sein Ressort Vorteile: „Gemeinsam schaffen wir so nicht zuletzt exzellente Rahmenbedingungen für hochwertige Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit.“ Auch er kann dem „Dschungelcamp“ mit viel Grün und vielen Bäumen, die kühlen, Schatten spenden und verwurzeln, nur Positives abgewinnen. „Herr Aiwanger sieht es schon als neues Jagdrevier“, witzelt Kabinettskollege Blume.
Vor allem soll dieser neue Campus aber dazu beitragen, dass durch geschickte architektonische Gestaltung die Kommunikation der Mitarbeiter und Forschenden gefördert wird. „Wir brauchen Räume, in denen sich Wissenschaft austauschen kann, in denen zufällige Gespräche entstehen“, erläutert Angelika Malinowski, Leiterin der Bauabteilung der MPG, die Anforderung an den Neubau und lobt daher den Siegerentwurf: „Mich begeistert, dass das ausgewählte Projekt weit mehr ist als ein funktionaler Forschungsbau. Es schafft einen offenen, inspirierenden Campus, der Begegnung, Austausch und wissenschaftliche Exzellenz gleichermaßen fördert.“ Wissenschaftsminister Blume findet gar: „Die Cafeteria ist der wichtigste Raum.“

Kommunikation soll auch mit der Gemeinde Planegg funktionieren, auf deren Gemeindegebiet die Institute stehen und der neue Campus gebaut wird. Transparenz ist daher ein Wort, das in diesem Zusammenhang häufig fällt. Bürgermeister Felix Kempf (SPD) sagt: „Es ist ein großes Bauvorhaben und prägt unser Ortsbild“.
Alle Entwürfe des Planungswettbewerbs sind bis Oktober 2026 in einer Ausstellung an den Instituten in Martinsried zu sehen.

