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Kirchenmusik:Bedrückende Stille

Die Rorate-Messen sind typisch für den Advent und werden frühmorgens vor Sonnenaufgang, örtlich auch am Abend bei Kerzenschein gefeiert: Vor zwei Jahren probte Margret Joswig mit dem Jugendchor von St. Magdalena für die Rorate-Messe. Dieses Jahr fällt coronabedingt vieles aus.

(Foto: Claus Schunk)

Die Kirchen genießen im Teil-Lockdown gewisse Privilegien. Doch wie in der Kulturbranche sind Konzerte und Auftritte kaum möglich. Für Pfarrer und Kantoren sind das trostlose Aussichten für die Advents- und Weihnachtszeit.

Von Angela Boschert

Die Worte "Abgesagt" und "Verschoben auf 2021" prägen die Terminpläne nahezu aller Künstler, Musikensembles und Veranstalter. Das gilt auch für den Bereich der Kirchen, obwohl diese derzeit der einzige Ort sind, wo sich Musik live erleben lässt, bei Gottesdiensten mit Beiträgen von Chören, einzelnen Sängern und Instrumentalisten. Doch auch dort macht der Teil-Lockdown massive Einschnitte notwendig und führt zu neuen Formaten. Das wird besonders spürbar an den großen Festtagen wie Buß- und Bettag auf evangelischer Seite und den Advents- und Weihnachtsfeierlichkeiten.

Wer gut singt, der betet doppelt, soll der Kirchenvater Augustinus gesagt haben

Ist es nicht so, dass doppelt betet, wer gut singt? "Qui bene cantat, bis orat", soll der Philosoph, Theologe und Kirchenvater Augustinus gesagt haben, den viele kirchliche Publikationen so zitieren. Die einzige Textstelle, die erwiesen von Augustinus stammt und diesem Satz nahekommt, ist allerdings ausführlicher und wäre mit "Wer nämlich den Lobpreis singt, lobt und preist [...]voller Heiterkeit" korrekt zu übersetzen. Jedenfalls ist es kirchen- und musikhistorisch richtig, dass zum Glauben schon in biblischer Zeit auch Musik gehörte. In Psalm 150 wird Gott mit Posaunen, Psalter und Harfen, mit Pauken und Reigen, mit Saiten und Pfeifen und mit hellen Zimbeln gelobt. Diese Psalmen wurden gesungen.

"Musik ist ein Teil des Gemeindelebens, das Gemeinschaft-Stiftende überhaupt", sagt Pfarrer Martin Zöbeley von der evangelischen Jakobuskirche in Pullach aus innerster Überzeugung. Singen sei "gehobenes Sprechen", verweist er auf die Psalmen, die im Zentrum des Alten Testaments stehen und letztlich eines der wichtigsten Bücher der Bibel seien. "Nicht singen können, heißt, die Feierlichkeit des Gottesdienstes austrocknen lassen." Das sei ein trostloser Gedanke. Es gebe Sicherheitskonzepte, die das Singen gefahrlos erlauben.

Sein Kantor, Aldo Brecke, hat die Proben für die 13 Sänger seines neu gegründeten Chores dennoch abgesagt und damit auch das Adventskonzert. Brecke findet es nicht nachvollziehbar, dass der Chor nicht in der Kirche proben darf, in der viel mehr Gläubige beim Gottesdienst Kirchenlieder - allerdings mit Maske - singen. Beim Einkaufen im Supermarkt oder im öffentlichen Nahverkehr fühle er sich viel unsicherer als in der Kirche. Ob er ein freies Singen von Advents- und Weihnachtsliedern für die Gemeinde überhaupt anbieten kann, fragt er sich angesichts der Corona-Maßnahmen. Insgesamt müsse man bedenken, dass das Verschieben von Konzerten auf nächstes Jahr Künstler und Solisten verdränge, die einen Vertrag für Auftritte im Jahr 2021 haben. Brecke fürchtet auch um das Image von Kunstschaffenden, weil für diese Benefizkonzerte veranstaltet werden. Das sei gut und solidarisch, aber sie seien doch Ausführende einer Kunst, die Besucher bewusst erleben wollten.

Ein solches Erlebnis hatte Dekanatskantor Christoph Demmler für seinen Chor und die Gottesdienstbesucher in der Ottobrunner Michaelskirche geplant. Die Kantorei hätte in den Abendandachten an den Sonntagen, 15. und 22. November, Ausschnitte aus der "Messe Solennelle" von Louis Vierne singen wollen. Das Chorkonzert ist auf 2021 verschoben. Jetzt hat am 15. November der Ottobrunner Querflötist Christian Mattick, dessen eigentliches Konzert am selben Abend abgesagt wurde, gespielt, und am 22. November werden Magdalena Steinbauer, Oboe, und Magnus Dietrich, Tenor, mit Christoph Demmler an der Orgel musizieren.

Auch Margret Joswig von der benachbarten katholischen Kirche St. Magdalena hat umgeplant und kreative Lösungen gefunden. Sie hätte am 22. November, dem Cäcilientag, mit ihrem Chor zum 60. Geburtstag der Kirche singen wollen. Nun wird sie den Festgottesdienst mit Solisten gestalten, die St. Magdalena sehr verbunden sind. Da der Chor ein Jahr jünger als der Kirchenbau ist, soll nächstes Jahr gemeinsam Geburtstag gefeiert werden. Auch der "Bayerische Advent" am ersten Adventssonntag musste abgesagt werden: "Es tut mir in der Seele weh, denn die Kinder vom Kinderchor würden so gerne singen", sagt die erfahrene Musikpädagogin. Doch für das Krippenspiel an Weihnachten hat Joswig ein Zwillingspaar an der Hand, das Maria und Joseph spielt. Auch Christina Yeo, die Kantorin im katholischen Pfarrverband Unterföhring und Ismaning, wartet noch ab.

Sie hatte für November und Dezember vorsichtshalber nur klein besetzte Konzerte für Orgel solo und mit Violine oder Oboe oder Gesang geplant. Doch hat sie auch diese mittlerweile abgesagt. Am ersten Advent plant sie dafür ein kurzes Krippenspiel mit einer kleinen Musikgruppe unter freiem Himmel. Die Südkoreanerin beschäftigt - auch weil ihr Mann Orchestermusiker ist -, dass Musiker die Motivation verlieren: "Wir spielen doch für Menschen, wir geben einander Kraft während eines Konzerts und spüren, wie das Publikum mitgeht. Live-Musik hat eine ganz andere Energie und Stimmung, als wenn man nur für sich allein übt".

© SZ vom 16.11.2020

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