Süddeutsche Zeitung

Bootsunfälle auf der Isar:Gefangen in der Waschmaschine

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Der hohe Pegelstand und Treibgut machen die Isar derzeit gefährlich. Während München Bootfahren im Stadtgebiet verboten hat, müssen flussaufwärts Badende aus den Fängen von Wasserwalzen gerettet werden.

Von Iris Hilberth, Pullach/Neubiberg

Der Pegelstand der Isar ist derzeit hoch. Der Fluss führt zudem viel Treibholz mit sich. Man dürfe die Gefahr nicht unterschätzen, warnt Ivo Baselt, Laborleiter am Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. Freizeitsportler hält die sichtlich erhöhte Strömungsgeschwindigkeit trotzdem nicht davon ab, bei schönem Sommerwetter ihre Schlauchboote zu Wasser zu lassen.

Nachdem am Samstag bereits elf Boote gekentert waren und mehr als 30 Menschen aus dem teils reißenden Strom gerettet werden mussten, hat die Stadt München das Befahren des Flusses zwischen Großhesseloher Brücke und Flaucher wegen "erheblicher Gefahr für Leib und Leben" inzwischen verboten.

Ein Stück weiter flussaufwärts im Landkreis München waren allerdings auch am Sonntag noch viele Schlauchbootfahrer unterwegs. Zwei von ihnen kenterten am Nachmittag unmittelbar vor dem Wehr Großhesselohe und lösten einen großen Rettungseinsatz aus.

Wie die Feuerwehr Pullach mitteilt, konnten sich die beiden Bootsfahrer nur noch auf das Wehr retten und saßen dort fest. Die vor Ort befindlichen Einsatzkräfte der Wasserwacht München-Mitte setzten einen Notruf ab, woraufhin ein Großeinsatz von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei begann. Ein Polizeihubschrauber sei sofort zur Stelle gewesen. Doch war es nicht möglich, die beiden Havaristen über die Winde zu retten. Sie mussten daher von Einsatzkräften der Feuerwehr Pullach aufwendig gerettet werden: Ein Feuerwehrmann stieg in voller Absturzsicherungs-Montur vom Wehr herab und konnte die beiden Personen nacheinander über eine Steckleiter nach oben begleiten. Dort wurden sie vom Rettungsdienst untersucht. Anschließend bargen Einsatzkräfte der Feuerwehr das Schlauchboot.

"Bei dieser Rettungsaktion zeigte sich, wie wertvoll die seit mehreren Jahre durchgeführte erweiterte Ausbildung im Bereich Absturzsicherung vor allem in außergewöhnlichen Lagen ist", betont die Feuerwehr.

Die Wucht des Wassers

Immer wieder müssten Badende allein oder mit Luftmatratze, Kanus oder Schlauchboot aus den Fängen von Wasserwalzen gerettet werden - nicht selten unter erheblichem Risiko für die Rettungskräfte, stellt auch Baselt von der Bundeswehr-Uni fest. Was von außen oft unscheinbar und friedlich aussehe, könne unter der Oberfläche tückisch und turbulent sein, warnt er. "Das unterschwellig Gefährliche bei Wasserwalzen ist die Fließdynamik unter der Oberfläche. Gerät man in ihre Fänge, drückt einen das schnell zufließende Wasser nach unten in den sprudelnden Wasserkörper", erläutert er das Problem. Erfasst von der Wucht des Wassers werde man nach unten gedrückt. Schlägt man sich dabei auch noch den Kopf an, könne man sich erheblich verletzen.

"Danach wird man zur Wasseroberfläche gerissen, was man aber wohl nicht mitbekommt, da sich alles um einen herum dreht und die Sicht durch die vielen Wasserblasen wie vernebelt ist. Man erreicht die Luft und denkt, man hat es geschafft, doch die oberflächennahe Rückströmung zieht einen zurück und taucht einen an der Wehrschwelle wieder nach unten. Zeit zum Luftholen bleibt kaum, man bleibt in der "Waschmaschine" gefangen, solange bis einem die Luft ausgeht", schildert Baselt. Die Wasserwacht warnte am Wochenende zudem vor Treibgut als weiterer Gefahr.

Seit diesem Januar gilt im Landkreis München eine Bootsfahrverordnung, die für mehr Sicherheit auf dem Fluss sorgen soll. So darf die Isar nur noch mit Kanus, Schlauchbooten und Stand-up-Paddling-Boards befahren werden, die einer vorgegebenen DIN-Norm entsprechen. Es ist nicht mehr erlaubt, Beiboote anzuhängen oder Boote zusammenzubinden.

Auch gilt mittlerweile eine Obergrenze für Alkohol: Wer ein Boot zu Wasser lässt, darf maximal 0,5 Promille im Blut haben. Kinder bis acht Jahre und Nichtschwimmer müssen Rettungswesten tragen. Es dürfen zudem keine Glasflaschen und Tonwiedergabegeräte mitgeführt werden.

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Quelle:
SZ vom 07.07.2020
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