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München im Städte-Ranking:Von Schönheit geblendet

München ist die lebenswerteste Stadt der Welt. Das findet das britische Edelmagazin "Monocle". Schade nur, dass es dafür sehr eigenartige Argumente aufführt.

Kassian Stroh

Mag es den einen oder anderen jenseits der Stadtgrenzen überraschen, für den Münchner ist es nur Bestätigung seiner selbst: Die Landeshauptstadt ist die lebenswerteste Stadt der Welt. Quasi amtlich hat er das von Donnerstag an, wenn das internationale Zeitgeist-Magazin Monocle seinen "Quality of Life survey" präsentiert, der der Süddeutschen Zeitung bereits vorliegt.

Sommer im Englischen Garten, 2006

Der Englische Garten ist einer der Gründe dafür, wieso München für das Zeitgeist-Magazin "Monocle" die lebenswerteste Stadt der Welt ist.

(Foto: sz.lokales)

München gewinnt das Städte-Ranking, weil es wirtschaftlich so prosperiert, die Kriminalitätsrate so niedrig ist, die Sonnenscheindauer so hoch - aber auch wegen einer Reihe weiterer bemerkenswerter Faktoren, die die Monocle-Jury (laut eigener Auskunft bei einigen Bieren am Strand von Ipanema) entwickelt hat: Sie hat zum Beispiel auch die Pro-Kopf-Größe innerstädtischer Grünflächen bewertet, die Zeit, die ein Krankenwagen benötigt, um zum Patienten zu kommen, oder die Zahl der Freischankflächen.

Freilich hat das in London ansässige Edelmagazin auch einen Reporter an die Isar entsandt. Um Münchens Lebenswert zu erkunden, ist der aber offenbar erst einmal 40 Kilometer aus der Stadt hinausgefahren: an den Flughafen. Dort hat er sich mit dessen Chef Michael Kerkloh getroffen, der im Monocle-Report als einer der wichtigsten Kronzeugen fungiert. Kerkloh erzählt unter anderem, wie er den Hirschen Albin erledigt hat - nicht im Englischen Garten, sondern in Sibirien, aber offenbar scheint auch das für München zu sprechen.

Rathaus und Staatskanzlei verwechselt

Ansonsten schlussfolgert Monocle, dass vor allem der Flughafen zu Münchens Aufschwung beigetragen habe. Und da das Magazin in seinem Ranking nicht nur den Ist-Stand berücksichtigt, sondern auch die Zukunftsperspektiven einer Stadt, ist auch hier der Flughafen wegweisend: Er bekomme, berichtet Monocle seinen Lesern, die wohl alle so viel Geld wie Flugmeilen haben, bald eine dritte Startbahn (der Widerstand dagegen wird nur in einer zehnsilbigen Randbemerkung erwähnt) sowie im Jahr 2014 eine Transrapid-Verbindung in die City - da haben die Autoren offenbar in ziemlich alten Zeitungen geblättert. Gleichwohl folgert Monocle daraus: "Die Stadt nimmt die Lebensqualität der Einwohner ernst."

Ansonsten listet der Reporter Bekanntes auf: die Sauberkeit und barocke Atmosphäre der Stadt, die niedrige Arbeitslosigkeit, den weiß-blauen Himmel, die hohe Geburtenrate, die Surfer am Eisbach. Thomas Mann ("München leuchtete") wird natürlich ebenso referiert wie die Charakteristika "Laptops und Lederhosen" oder "die nördlichste Stadt Italiens". Als maßgeblich für den Erfolg Münchens rühmt Monocle die "stabile, konservative Regierung", die nun schon seit 40 Jahren an der Macht sei. Da hat man offenbar Rathaus und Staatskanzlei miteinander verwechselt.

An München scheint Monocle Gefallen gefunden zu haben. Schon beim ersten Ranking des Magazins 2007 gewann die Landeshauptstadt, in den Jahren dazwischen sank sie lediglich auf die Plätze zwei respektive vier ab. Diesmal werden Kopenhagen und Zürich auf die Plätze verwiesen, an deutschen Städten landen nur Berlin (11) und Hamburg (24) unter den Top 25. Auch der Economist, eine ebenfalls nicht unwichtige Zeitschrift aus London, erstellt im Übrigen ein Lebenswert-Ranking. Hamburg kam da zuletzt als beste deutsche Stadt auf Platz 14, München wurde nicht erwähnt. Ein Widerspruch? Vielleicht wusste der Economist nur noch nichts vom Transrapid.

© SZ vom 14.06.2010/amm
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