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Grünwald:Eskalation nach der Demo

Linke Aktivisten Aug’ in Aug’ mit Polizisten in Schutzkleidung.

(Foto: Claus Schunk)

Die Polizei stoppt früh einen antikapitalistischen Protestzug in Grünwald. Beim Abzug der Teilnehmer kommt es zu Auseinandersetzungen. Drei Beamte werden leicht verletzt. Das "Meet the Rich"-Bündnis kritisiert die Strategie der Einsatzkräfte.

Von Patrik Stäbler, Grünwald

Vielleicht will er nur die Gemüter abkühlen, vielleicht ist er aber auch genervt von all der Aufregung in diesen wahrlich nicht unaufgeregten Zeiten. Jedenfalls schiebt der Wettergott punktgenau eine halbe Stunde vor Beginn der Kundgebung graue Wolken über Grünwald zusammen, aus denen sich kurz darauf ein Gewitterschauer ergießt. Allein der Regen hält offenbar kaum jemanden davon ab, sich auf den Weg zum Marktplatz zu machen: weder die zwei Handvoll Gegendemonstranten, noch die circa 150 linken Aktivisten, die sich im Herzen von Grünwald zur antikapitalistischen Demonstration mit dem Motto "Meet the Rich" versammeln - unter den Augen von ebenso vielen Polizeibeamten.

Schaulustige verfolgen das für Grünwald ungewohnte Bild in ihren Straßen.

(Foto: Claus Schunk)

Noch zahlreicher als Protestierende und Polizisten zusammen ist an diesem Freitagabend aber eine andere Gruppe - nämlich die der Schaulustigen. Weit mehr als 300 Grünwalderinnen und Grünwalder, jung wie alt, hat der angekündigte Protestzug durch ihre Gemeinde zum Marktplatz gelockt. Sie stehen zum Schutz vor dem Regen unter den Vordächern der Geschäfte, etliche haben Getränke mitgebracht, einige gabeln gar aus Plastikboxen ihr Abendessen. Es liegt fast ein Hauch von Volksfeststimmung in der Luft - wären da nicht die vielen Polizisten in schwerer Schutzkleidung, die in Grüppchen beisammen stehen, Absperrketten bilden und die zumeist schwarz gekleideten und vorwiegend jungen Demonstrierenden nicht aus dem Auge lassen. Einige der Aktivisten werden auf dem Heimweg noch mit der Polizei aneinandergeraten; es wird nicht nur Festnahmen geben, sondern auch drei leichtverletzte Beamte. Doch dazu später.

Zunächst zur Kundgebung selbst, deren Ziel es ist, "antikapitalistischen Protest dort auf die Straße zu bringen, wo es am dringendsten nötig ist". So formuliert es der Veranstalter, das neu gegründete Bündnis "Meet the Rich". In dessen Aufruf heißt es: "Weite Teile der Welt leiden an Armut, unter Staatsterror und Naturzerstörung, während hinter Grünwalds Hecken und Zäunen die Reichen das Privileg der Ignoranz genießen." Angekündigt ist ein Demonstrationszug durch die Gemeinde, was im Vorfeld bei etlichen Einwohnern "Ängste und Sorgen" ausgelöst habe, sagt Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU). "Einige hatten da Bilder wie bei den Krawallen in Berlin oder Hamburg im Hinterkopf."

Neusiedl ist an diesem Abend ebenfalls zum Marktplatz gekommen und verfolgt nun, wie mehrere Aktivisten nacheinander auf einen Bauwagen klettern und von dort kämpferische Reden halten. Wahlweise wird der Kapitalismus gegeißelt oder Enteignung gefordert, aber auch angemahnt, dass die Pandemie vor allem die Armen treffe. Man sei mit dem Protest nach Grünwald gekommen, "weil hier die Bourgeoisie lebt, die von der Krise profitiert", sagt eine Rednerin. Jan Neusiedl hat da eine andere Erklärung: "Man sucht sich das Ziel aus, das die größtmögliche Aufmerksamkeit verspricht." Und das sei nun mal Grünwald mit all den Klischees, die der Gemeinde anhaften. Ähnlich bewertet Neusiedl auch die Motivation hinter der Gegendemonstration Sie wurde von einem Grünwalder angemeldet, der für die AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag arbeitet, wie die Tagesschau vergangenen Sommer berichtet hat. "Da wird auch nur die Gelegenheit genutzt, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen", sagt Neusiedl über den Gegenprotest.

Aufmerksamkeit in Form von Anwesenden erhält diese Demonstration indes kaum: Bloß 15 Personen versammeln sich im Luitpoldweg, wo einige von ihnen das Wort ergreifen, um über die Lügen der Medien und die "Politik in Berlin" herzuziehen. Eine Zuhörerin hält dabei ein Schild in der Hand, darauf steht: "Wir Grünwalder, wir schützen unsere Reichen und Armen, Schönen und Normalen." Die Aktivisten am Marktplatz jedoch erhalten nicht allzu viel Schutz von den Umstehenden. Stattdessen hört man Spott und Hohn, aber auch Wut. "Geht lieber arbeiten!", ruft eine Frau mittleren Alters. Und einige Halbstarke skandieren lautstark "Faule Säcke!" in Richtung des Protestzugs. Dieser hat sich - eingekesselt von Polizisten, drumherum hunderte Schaulustige - inzwischen in Bewegung gesetzt. Doch nach wenigen Metern ist schon wieder Schluss, da sich die Demonstrierenden trotz mehrfacher Aufforderung nicht an die Abstandsregeln gehalten hätten, heißt es vonseiten der Polizei. Daraufhin habe man eine stationäre Versammlung angeordnet - statt durch Grünwald zu ziehen, müssen die Aktivisten auf dem Marktplatz bleiben. Sie sprechen später von einer "eskalativen Polizeistrategie", die den Zug verhindert habe. In einer Mitteilung kritisieren sie: "Nachdem keine Kooperationsbereitschaft seitens der Polizei bestand und wir uns dieser Schikane nicht weiter aussetzen wollten, sahen wir keine andere Möglichkeit, als die Kundgebung aufzulösen."

Die Polizei ist mit 150 Beamten in Grünwald. Ebenso viele Demonstranten waren gekommen.

(Foto: Claus Schunk)

In der Folge leert sich der Marktplatz, wenig später ziehen auch die Demonstrierenden ab - in kleineren Gruppen, meist zum Derbolfinger Platz. Auf dem Weg dorthin und später auch an der Trambahnhaltestelle geraten sie mehrfach mit den Einsatzkräften aneinander. "Um die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten", teilt die Polizei tags darauf mit, "kam es immer wieder zur Anwendung von unmittelbarem Zwang durch Schieben und Drücken, auch unter Zuhilfenahme des Schlagstocks. Dazu musste auch einmal das Pfefferspray eingesetzt werden". Demgegenüber klagt Elia Linde, der Sprecher des "Meet the Rich"-Bündnisses: "Ich habe das ungute Gefühl, dass die Einsatzleitung nie vorhatte, uns demonstrieren zu lassen und dass die polizeiliche Eskalation bei der Abreise eine Art Bestrafung darstellen sollte."

Polizeiangaben zufolge werden vier Personen festgenommen, nachdem sie Beamte angegriffen oder beleidigt haben. Drei Beamte ziehen sich bei dem Einsatz leichte Verletzungen zu. Derweil bezeichnet Elia Linde den Protest als "erfolgreich" und betont: "Viele Leute konnten beziehungsweise mussten sich unsere Forderungen nach Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit anhören." Mit Blick auf den Polizeieinsatz sagt der Sprecher des Protest-Bündnisses: "Wir sind wütend, und wir können jetzt schon sagen: Ihr seht uns wieder!"

© stä/lb/amm/belo
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