In grundstürzenden Zeiten wie diesen bietet wenigstens die CSU Halt. Ein Fels im tosenden Meer der Umwälzungen, ein Monolith im Sturm, während ringsum alles zerbröselt. 99 Prozent für Münchens Landrat, 100 Prozent gar für Haars Bürgermeister – die nordkoreanischen Resultate, mit denen die Partei diese Woche zwei ihrer Amtsträger als Kandidaten für die Kommunalwahl 2026 nominiert hat, wirken wie ein Gruß aus einer fernen Vergangenheit in eine Gegenwart, da ein Kanzler zwei Anläufe braucht, um gewählt zu werden, und seine Partei sich als „Wahlsieger“ mit schmalen 22,6 Prozent bescheiden muss. Im Vergleich dazu haben die Zustimmungswerte für Christoph Göbel und Andreas Bukowski etwas geradezu beruhigend Altmodisches.
Vermutlich ist auch eine tiefe Sehnsucht nach Verlorengegangenem der Grund, warum die Münchner Bewerbung um Olympische Spiele in den Jahren 2036 oder 2040 an möglichen Austragungsorten im Umland auf so viel Zuspruch stößt. Neben der Begeisterung für sportliche Wettkämpfe dürften vor allem melancholische Kindheitserinnerungen an die Siebzigerjahre eine Rolle spielen, als man sich noch über heiße Sommer freuen konnte, Capri Sonne trinken durfte und Orange eine schöne Farbe war.
Ein Revival der Sommerspiele von 1972, so der Traum, würde ein Stück weit das erfolgreiche Deutschland zurückbringen, das die neuen Koalitionäre in Berlin jetzt ständig beschwören und das Schlag auf Schlag kommen soll, für das sie von uns aber mehr Arbeit, mehr Leistung und mehr Schulden verlangen. Dass sich alles ändern muss, damit alles bleibt, wie es ist, diese Erkenntnis aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa setzt sich langsam und schmerzhaft durch, seit der Orangegesichtige und sein eisfahler Telefonpartner alles in Stücke hauen.
Dass, salopp gesagt, eben nix fix ist und erfahrungsgemäß nichts so beständig wie die Veränderung, gilt selbstredend auch für Zeitungen, die bekanntlich kaum noch auf großformatigem Papier gelesen werden, sondern stattdessen auf hosentaschenkleinen Berührscheiben. Dem Trend müssen auch wir Zeitungsmenschen uns immer mehr anpassen. Doch manche Eckpfeiler bleiben, damit nicht alles einstürzt. So etwa diese Kolumne, auch wenn sie nicht monolithisch ist.
In – mit dieser – 594 Folgen wurden seit mehr als zehn Jahren die kleinen und größeren Ereignisse im Landkreis München aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und beurteilt und dabei auch schon quer gedacht, als diese Fähigkeit noch nicht von Verschwörungsgläubigen diskreditiert wurde. Nicht immer ernst, aber hoffentlich – so zumindest der Anspruch beim ersten Mal am 6. Dezember 2014 – meist unterhaltsam. Und das soll auch in nächster Zukunft so bleiben. Ganz gleich, was sich ändert.

