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Gesundheitssystem:"Psychisch Kranke werden kränker"

Die neue Suchtklinik des Isar-Amper-Klinikums in Haar, Haus 30

Das Haarer Klinikum kann derzeit viele Angebote nicht wie gewohnt anbieten. Im Bild das leere Therapiezimmer in der Suchtklinik.

(Foto: Florian Peljak)

Während der Pandemie kämpfen viele Menschen mit Depressionen und anderen Störungen. Gleichzeitig erschwert der Infektionsschutz die Therapie. Im Klinikum in Haar setzt man deshalb unter anderem auf Videobehandlungen.

Von Bernhard Lohr, Haar bei München

Immer wieder neue staatliche Vorgaben. Unsicherheit, Vereinsamung und Angst vor sozialem Abstieg: Die Corona-Pandemie nervt. Sie setzt Menschen unter Druck. Sie ist ein Stresstest für das Gesundheitssystem - und insbesondere für die Strukturen, die Menschen in psychischen Notlagen helfen. Das Isar-Amper-Klinikum München-Ost mit Sitz in Haar hat im zurückliegenden Jahr als zentrale Einheit der Psychiatrie-Versorgung im Raum München unter erschwerten Bedingungen Menschen in Krisenlagen geholfen. Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Peter Brieger, begrüßt den Innovationsschub beim Einsatz digitaler Techniken bei der Hilfe von Betroffenen.

Die Folgen einer Covid-19-Erkrankung sind noch gar nicht sämtlich bekannt. Immer wieder tauchen unter dem Stichwort "Long Covid" neue Aspekte auf. Nach bisherigem Stand geht die Forschung zwar nicht davon aus, dass eine Coronainfektion direkt eine psychische Erkrankung auslösen kann. Der renommierte Depressionsforscher Florian Holsboer hat aber in einer Diskussionsrunde, die das Netzwerk Health-Care-Bayern unter der Überschrift "Ein Jahr Corona-Krise - Psychische Erkrankungen auf dem Höchststand" ausgerichtet hat, herausgehoben, dass all das, was unter staatlichem Missmanagement und verunglückter Kommunikation diskutiert wird, den unkontrollierten Stress für Menschen verstärkt und so zu Erkrankungen führen wird. "Psychisch Kranke werden kränker", sagte er. "Vulnerable Gesunde werden psychisch krank." Fehlinformationen über Masken, das Verordnungsgestrüpp, das Hin und Her im Lockdown und der verkorkste Impfstart hätten Folgen.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums Haar, Peter Brieger, sprach von einer "kontinuierlich, aber unspezifisch" steigenden Belastung der Bevölkerung. Antje Judick von der Kaufmännischen Krankenkasse belegte das mit Zahlen. Die durchschnittliche Dauer der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme hat sich 2020 in Bayern im Vergleich zum Vorjahr verlängert. Vor allem bei Männern gebe es einen Anstieg. Hauptsächliche Gründe: Depressionen und Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen. Eine Befragung von Therapeuten hat im Februar 2021 im Vergleich zum Vorjahr 40 Prozent mehr Anfragen nach Therapieplätzen für Erwachsene ergeben, 60 Prozent bei Kindern und Jugendlichen.

Dabei hat das Klinikum mit Sitz in Haar bisher auch schon mit all den Problemen zu kämpfen, die die Coronakrise für einen geregelten Ablauf mitbringt. Das Klinikum verfügt über 1688 Betten, 255 Plätze in Tageskliniken und beschäftigt 3400 Mitarbeiter. Laut Brieger hat man bisher an die 1000 Patienten ambulant, stationär oder teilstationär behandelt, bei denen eine Covid-19-Erkrankung nachgewiesen war oder ein entsprechender Verdacht bestand. In der Zentrale in Haar wurde eine Covid-Station eingerichtet, an der sämtliche Psychiatrie-Patienten mit Corona-Diagnose oder -Verdacht behandelt wurden. Die acht anderen Standorte in München sowie den Landkreisen Fürstenfeldbruck, Dachau, Freising, Erding und Ebersberg blieben frei von dieser Zusatzbelastung.

Zwischenzeitlich habe die Belastung wegen Coronafällen in der Belegschaft Grenzen erreicht, sagte Chefarzt Brieger. Mittlerweile habe sich die Lage stabilisiert, mehr als 60 Prozent der Mitarbeiter seien geimpft. Allerdings steige gerade in der dritten Welle wieder die Zahl der infizierten Psychiatrie-Patienten. Knapp zehn Personen seien in zwei Tagen eingewiesen worden. Als "Missbrauch der Psychiatrie" bezeichnete er die öffentliche Debatte, ob Quarantäne-Verweigerer in Psychiatrische Kliniken eingewiesen werden sollten. Dafür seien diese nicht da.

Was Corona auf lange Sicht für die mentale Gesundheit in der Gesellschaft bedeuten wird, ist noch nicht absehbar. Aktuelle Zahlen zeigen Brieger zufolge, dass es in Bayern im Jahr 2020 sogar zu weniger Suizidfällen gekommen ist. Dies deckt sich mit Zahlen aus den USA. Ein solches Phänomen sei aus früheren Krisen- oder Kriegszeiten bekannt, sagte Brieger. Florian Holsboer, von 1989 bis 2014 Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, warnte aber, dass alles dafür spreche, dass die bekannten Belastungen durch die Corona-Pandemie Folgen auf die Psyche vieler Menschen haben würden. Es gebe bei psychosozialen Effekten zu beachten, dass Entzündungsprozesse im Gehirn abliefen. Mikrothrombosen, Schlaganfälle, Immunreaktionen und die Wirkung von Stresshormonen hätten ihren Effekt. "Psychische Erkrankungen, vor allem Angst, Depression und Postraumatic-Stress-Disorder werden zunehmen."

Haar, Kleines Theater, Podiumsdiskussion Erinnerungskultur, Salon Zukunft Heimat - 'Vergeben und Vergessen?'

Der Ärztliche Direktor des Klinikums in Haar, Peter Brieger, erkennt eine "kontinuierlich, aber unspezifisch" steigende Belastung der Bevölkerung durch die Pandemie und ihre Folgen.

(Foto: Angelika Bardehle)

Finanziell hat die Krise etwa das Isar-Amper-Klinikum durch Mehraufwand und dadurch belastet, dass coronabedingt Betten freigehalten werden mussten und müssen. Ausgleichszahlungen des Freistaats würden seit Oktober 2020 nicht mehr gewährt, sagte Brieger. Starke Einbrüche gab es bei den Patientenzahlen an den Tageskliniken zu Beginn der Krise vor einem Jahr. Das hat sich stabilisiert. Brieger bezeichnete es als kritisch, dass die gemeindenahe Psychiatrie geschwächt worden und der Kontakt zu manchem Hilfsbedürftigen verloren gegangen sei. Dennoch: Corona hat Ärzten und Therapeuten auch neue Wege eröffnet, niederschwellig an Menschen heranzukommen. Wie Nikolaus Melcop, Präsident der Präsident der Psychotherapeutenkammer Bayern, sagte, waren die kassenrechtlichen Voraussetzungen für Videobehandlungen bereits seit Oktober 2019 gegeben. Diese Methode habe sich etabliert. Melcop fordert, weiter auch psychotherapeutische Akutbehandlung per Video zu ermöglichen.

Die ambulanten Angebote des Isar-Amper-Klinikums wurden im vierten Quartal 2020 um ein Zehntel stärker genutzt als in Vor-Corona-Zeiten. Die stationsäquivalente Versorgung von Patienten zuhause werde ausgebaut, sagte Brieger. Corona habe vieles auch angeschoben. Die Kommunikation in täglichen Online-Runden mit anderen Einrichtungen sei fruchtbar. Digitale Hilfen seien heute Teil der Alltagsarbeit. "Das Versorgungssystem hat sich sehr viel wandlungsfähiger gezeigt als erwartet."

© SZ vom 28.04.2021
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