Biber in München:"Würm und Isar sind durchbesiedelt"

Biber in München: Was der Biber nicht erwischen soll, schützen die Behörden mit Drahthosen (links), was ohnehin entfernt werden müsste, überlassen sie ihm.

Was der Biber nicht erwischen soll, schützen die Behörden mit Drahthosen (links), was ohnehin entfernt werden müsste, überlassen sie ihm.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

60 bis 80 Exemplare von Europas größtem Nagetier leben an den Flüssen und den Werkkanälen. Mehr werden es nicht - und das hat einen natürlichen Grund.

Von Jürgen Wolfram

Wer derzeit zwischen der Maximiliansbrücke und der Großhesseloher Brücke spazieren geht, durchstreift eine frisch gelichtete Landschaft. Zur Pflege des Baumbestands und zum Hochwasserschutz hat die Gartenbauabteilung des Baureferats in diesem Flussabschnitt gut ein Prozent der 30 000 Bäume gefällt oder gestutzt. Viele davon litten an Eschentriebsterben, waren nach Stürmen, Schädlingsbefall oder altersbedingt nicht mehr standsicher und somit zum Verkehrsrisiko geworden. An ein paar Exemplaren nagte aber nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Biber. Besonders signifikant ist sein unermüdliches Treiben derzeit am Ufer des Kraftwerkkanals auf Höhe des Hinterbrühler Sees in Thalkirchen. Viele Beobachter fasziniert dieser pelzige, unter strengem Schutz stehende Botschafter wilder Natur inmitten der Großstadt. Manche fragen sich allerdings, ob er nicht große Schäden anrichtet und ob seine Population nicht allmählich anschwillt wie die Isar bei Hochwasser.

"Solche Sorgen sind völlig unbegründet", sagt Martin Hänsel, stellvertretender Kreisgeschäftsführer des Bundes Naturschutz. Tatsächlich seien an der innerstädtischen Isar, an der Würm und den Werkkanälen konstant zwischen 60 und 80 Biber beheimatet. Mehr würden es schon deshalb nicht, weil jedes der Tiere ein eigenes Revier für sich beanspruche und gegebenenfalls erbittert verteidige. Alle Reviere seien vergeben, "Würm und Isar sind sozusagen durchbesiedelt".

Stress machten die Biber weniger ihrer Umwelt als vielmehr einander. Denn zweijährige Jungtiere würden unweigerlich aus dem elterlichen Bau geworfen und zur Selbständigkeit gezwungen. Anders als beim Menschen, existiert die Notlösung "Hotel Mama" beim Biber nicht. Die Folge seien häufig Revierkämpfe, die manche der Nager ebenso wenig überleben wie die Umstellung von Muttermilch auf Grünfutter, den Straßenverkehr, Konflikte mit der Landwirtschaft oder rasch wechselnde, ihre Bauten zerstörende Wasserstände. Faustregel: Nur eines von drei Tieren überlebt seine Jugend.

"Total beruhigt sein" dürften die Münchner, was Bissschäden am Baumbestand betrifft, versichert Hänsel, dessen Organisation eng mit dem städtischen Gartenbau zusammenarbeitet und gelegentlich Schulklassen naturnah in Pflegemaßnahmen einbezieht. Denn die wertvollen Altbäume und der aufblühende Jungbestand würden konsequent durch sogenannte Drahthosen geschützt, ähnlich wie Förster ihre Wälder vor allzu großem Wildverbiss bewahren. In Thalkirchen sind jede Menge dieser Drahtwickel an Baumstämmen zu sehen.

Gelegentlich setzen die Behörden Biber als "billigste Mitarbeiter des Gartenbaus" ein. In diesen Fällen überlassen sie den Tieren einfach jene Bäume, die ohnehin aus der Uferlandschaft entfernt werden müssten. Der eher unerwünschte Spitzahorn gehört häufig dazu. Um den reinen Vegetarier mit dem imposanten Schwanz, der Kelle, auf Distanz zu schützenswerten Bäumen zu halten, gibt es außerdem "Ablenkfütterungen mit Bruchholz" oder auch die gezielte Pflanzung rasch wachsender Weiden. Dass Drahthosen dennoch ein wichtiges Hilfsmittel zum Gehölzschutz sind, verdeutliche die eindrucksvolle Beißleistung des Bibers: "Der legt in einer einzigen Nacht problemlos einen Jungbaum um." Wobei er das Holz nur zum Burgenbau braucht; sein Speisezettel konzentriert sich "auf alles, was grün ist".

Vom Tierschutzverein München im Februar zum "Wildtier des Monats" ausgerufen, hat der Biber mit Menschen, "mit denen er jetzt meistens geräuschlos in guter Nachbarschaft lebt", wie Martin Hänsel beobachtet, früher nicht immer gute Erfahrungen gemacht. Wegen seines Fells, Fleisches und eines Drüsensekrets ("Bibergeil") wäre er im 19. Jahrhundert beinahe ausgerottet worden. Bergauf ging es mit Europas größtem Nagetier erst in den 1960er-Jahren. Damals wurde mit seiner Wiedereinbürgerung in Bayern begonnen. Heute wird der Bestand in Deutschland auf etwa 30 000 Tiere geschätzt.

In München kommt der Biber seit den Neunzigerjahren wieder vor. Lässt man ihn seiner Natur gemäß gewähren, kann er zwölf Jahre alt werden. Zeit genug, um sich an den Gewässern als Attraktion zu präsentieren.

© SZ vom 09.03.2021/hilb/vewo
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