Brosi ist hoch konzentriert. Mit roten Handschuhen hat er die Säge fest im Griff. Kurz die Sägespäne wegpusten, und weiter geht's. Bis aus dem einen Holzklotz zwei Teile geworden sind. Martin Behrendt, Projektleiter des Bauunternehmens Hillebrand in Ottobrunn ist beeindruckt. Er würde Brosi sofort einstellen, so wie viele seiner Freunde hier, sagt er und lacht. Es ist ein Vormittag bei den „Waldmeistern“ in Riemerling, einem Waldkindergarten.
Nun sind es Kinder wie Brosi dort gewohnt mit Holz umzugehen. Sie haben auch schon gelegentlich mit Werkzeug hantiert und gemeinsam mit ihren Erzieherinnen etwas gebaut auf dem Gelände rund um den Bauwagen ganz am Ende des Ortes, wo die Ottostraße endet. So erzählt es Leiterin Vera Koch. Und es ist klar, dass das Material Holz bei Waldkindergärten einfach dazu gehört. „Ich habe schon geschnitzt. Mit dem Messer von meinem Papa“, ruft einer der Buben und rückt sich den gelben Bauarbeiterhelm zurecht.
Und doch ist dieser Vormittag ein besonderer bei den Waldmeistern. Denn die Gruppe, zu der insgesamt 20 Buben und Mädchen gehören, hat Besuch bekommen, und nicht nur vom örtlichen Bauunternehmer Behrendt. Harry Hammer und Nicki Nagel nennen sich die beiden, die ihren großen Lieferwagen mit dem bunten Aufdruck am Waldrand abgestellt haben, auf dem ganz klar ihre Mission abzulesen ist: Baumeister gesucht.
Harry Hammer und Nicki Nagel heißen eigentlich Lina Schwarzbauer und Maximilian Füeßl. Sie sind Sozialpädagogen, angestellt bei der Spiellandschaft Stadt in München. Sie sind engagiert worden von der Bayerischen Bauwirtschaft, um Kinder schon früh für das Handwerk zu begeistern. Das Projekt gibt es bayernweit bereits seit 15 Jahren, und nach wie vor ist es ein wesentlicher Bestandteil der gemeinsamen Initiative der verschiedenen Verbände der Branche für die Nachwuchsförderung. In 40 Kindergärten pro Jahr seien sie zu Gast, erzählt Füeßl. Denn mit Blick auf den Fachkräftemangel nimmt man die Initiative weiterhin sehr ernst.

Das sagt auch Bauunternehmer Behrendt, der die Patenschaft der Aktion bei den Waldmeistern übernommen hat. „Wir tun uns nach wie vor schwer, Fachkräfte zu finden“, sagt er. Obwohl die Bauindustrie im Februar eine leichte Entspannung der Situation meldete, die Betriebe des Bauhauptgewerbes demnach ihren Personalbestand im Jahresdurchschnitt 2025 um 0,7 Prozent erhöhen konnten.
Laut einer aktuellen Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) gaben immer noch 60 Prozent der befragten Bauunternehmen den Fachkräftemangel als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens an. Nach Angabe des Instituts der Deutschen Wirtschaft von November 2025 ist das Baugewerbe nach dem Gesundheitswesen die Branche mit der zweitgrößten Lücke an Fachkräften. Demnach sind knapp 41 300 Stellen rechnerisch nicht besetzbar. Besonders gefragt seien Fachkräfte für Bauelektrik (10 496) sowie für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (8 648). Der Zentralverband des Deutschen Handwerks schätzt nach Angaben der Grünen im bayerischen Landtag den derzeitigen bundesweiten Fachkräftebedarf im Handwerk auf rund 200 000 zusätzliche Mitarbeitende.
Bei den Waldmeistern ist Behrendt als Pate aber eher nur ein Zuschauer. Er hat den Kindern Meterstäbe mitgebracht und beobachtet nun interessiert, wie die Drei- bis Sechsjährigen unter Anleitung von Nicki Nagel und Harry Hammer hämmern, sägen und schmirgeln. Sie lernen den Unterschied zwischen einer Raspel und einer Feile, wie man die Säge hält und warum man immer gut aufpassen muss. Am Ende werden sie alle ein kleines Holzhaus gebaut haben, das sie mit nach Hause nehmen dürfen. Und Behrendt wird ihnen noch einen Besuch auf einer echten Baustelle versprechen.

Zudem haben Harry Hammer und Nicki Nagel noch ein Geschenk mitgebracht. Bei den Waldmeistern steht jetzt eine nagelneue hölzerne Werkbank mit jeder Menge Werkzeug unter dem großen Schutzdach, finanziert von der Bayerischen Bauwirtschaft. „Eine wirklich hochwertige Ausstattung“, sagt Erzieherin Anne Gutt, die das Projekt „Baumeister gesucht“, für die Waldmeister organisiert hat. So können die Mädchen und Buben weiterhin mit Holz kreativ sein und ihre handwerklichen Fähigkeiten ausbauen.
Bis die Kindergartenkinder vielleicht wirklich mal ein Handwerk lernen, dauert es freilich noch ein paar Jahre. Unterdessen haben die Grünen im Landtag aber eine andere Idee angeregt, wie der Fachkräftemangel auch in der Region München ein Stück weit behoben werden könnte. So gibt es einen Änderungsantrag zu dem von der Staatsregierung angekündigten Pilotprojekt zum Freiwilligen Handwerksjahr (FHJ) in Hochfranken. Sie fordern, dass mindestens eine weitere Modellregion im Freistaat, insbesondere auch im Süden von Bayern, eingerichtet wird. Das würde 500 000 Euro für zwei Jahre kosten.
Die Idee, die dahintersteckt und sich an einem Pilotprojekt der Handwerkskammer Lübeck orientiert: Ein Jahr lang vier verschiedene Handwerksberufe für jeweils drei Monate ausprobieren und so den Weg in eine Ausbildung finden. Claudia Köhler, Grünen-Landtagsabgeordnete und Kreisrätin aus Unterhaching, betont: „Gerade in unserem wirtschaftsstarken Landkreis München ist die Fachkräftegewinnung entscheidend für unsere Unternehmen. Der Fachkräftebedarf ist enorm hoch, es pendeln schon jetzt mehr Leute aus der Großstadt in den Landkreis als andersherum. Viele Handwerksbetriebe suchen dringend Nachwuchs.“ Gleichzeitig interessierten sich viele junge Menschen für praktische Berufe, wüssten aber oft nicht, welcher am besten zu ihnen passe. Die Grünen betonen: „Rund 70 Prozent aller Auszubildenden finden ihren Ausbildungsplatz über ein Praktikum.“
In einer früheren Fassung war anstelle von der Bayerischen Bauwirtschaft einmal die Rede vom Bayerischen Bauindustrieverband. Wir haben dies korrigiert.

