Mobilität:Viel Stroh gedroschen

Mobilität: Blick unter die Haube des Audi G-tron: Bürgermeister Christoph Böck (Dritter v. li.) fachsimpelt mit Anhängern der Bio-CNG-Technologie. Clubpräsident (re.) Miklós Graf Dezasse warnt vor einer Fixierung auf das E-Auto.

Blick unter die Haube des Audi G-tron: Bürgermeister Christoph Böck (Dritter v. li.) fachsimpelt mit Anhängern der Bio-CNG-Technologie. Clubpräsident (re.) Miklós Graf Dezasse warnt vor einer Fixierung auf das E-Auto.

(Foto: Robert Haas)

Gegner der Elektromobilität werben bei einem Publikumstag in Unterschleißheim für den Einsatz von Biomethan. Nach ihrer Rechnung lassen sich Autos mit Verbrennungsmotoren durch regenerativ erzeugtes Gas klimafreundlich und günstig weiter fahren

Von Bernhard Lohr, Unterschleißheim

Als Robert Adamic mit seinem tief liegenden sportlichen Audi E5 auf den Parkplatz rollt, richten sich die Augen auf den Wagen. Nach einem etwas umständlichen Parkmanöver steht der glänzendweiße Traum mancher Automobilisten vor dem grünen Zeltdach des CNG-Club-Stands und neben drei Plexiglaswürfeln, die mit Stroh gefüllt sind. "Stroh im Tank", steht auf ihnen - damit werben die Anhänger der Biomethan-Szene, die sich am Mittwochabend auf dem Parkplatz des Carl-Orff-Gymnasiums in Unterschleißheim treffen. Sie wollen darauf aufmerksam machen, dass fast klimaneutrale Mobilität preisgünstig ohne Elektroautos möglich sei.

Robert Adamic ist Klubmitglied und brennt, so wie die anderen etwa 50 Menschen auf dem Parkplatz, regelrecht für die Technologie. Seinen Audi G-Tron hat der Ingenieur, der bei einem Autozulieferer arbeitet, 2018 gekauft und mittlerweile sind 78 000 Kilometer auf dem Tacho. Er tanke nur Biomethan, beteuert er, das als "Compressed Natural Gas" (CNG) an Hunderten Tankstellen im Land getankt werden kann. Adamic macht eine Rechnung auf: Mit 4,3 Kilo CNG für 1,16 Euro das Kilo fährt er 100 Kilometer - und damit deutlich günstiger als mit Benzin oder Diesel. 19 Kilo fasst sein CNG-Tank, dazu hat er - praktisch ungenutzt, wie Adamic betont - noch einen 25-Liter-Benzintank im Wagen. Der Antrieb sei günstig und klimaneutral. Einfach genial.

Solche Geschichten hört man oft auf dem ersten derartigen Publikumstag, den der CNG-Club in Unterschleißheim veranstaltet. Schäftlarns Altbürgermeister Matthias Ruhdorfer ist mit seinem Kleinwagen VW Up da, mit dem er seit Jahren schon mit Gas unterwegs ist. Bürgermeister Christoph Böck (SPD) spricht ein Grußwort, das von der Partymusik teilweise übertönt wird, die vom Herbstfest im Valentinspark herüberschallt. Die Stadt unternehme viel für den Klimaschutz, sagt Böck und verweist insbesondere auf die Geothermieanlage, die mehr als 4000 Haushalte und öffentliche Gebäude mit Wärme versorge. 10 000 Tonnen CO₂ würden so pro Jahr eingespart. "Wir wollen das in Zukunft weiter ausbauen", sagt er mit Blick darauf, dass über eine Wärmerückgewinnung die Energie aus dem Thermalwasser noch effizienter genutzt werden soll. Bei der Mobilität spricht sich Böck für ein technologieoffenes Herangehen aus.

Allerdings spricht derzeit viel für einen Siegeszug des Elektromotors. Die Wasserstofftankstelle bei Linde in Unterschleißheim an der Carl-von-Linde-Straße etwa ist derzeit wieder geschlossen. Und CNG-Fahrzeuge? Davon gibt es in der Stadt zwei. Eins fährt Swen Stollmann, der das Clubtreffen initiiert und dafür Böcks Unterstützung gewonnen hat. Die Fixierung auf E-Mobilität sei ein Irrweg, sagt Stollmann. CNG sei eine "gute Sache für unser Land, unsere Wirtschaft". Der Treibstoff werde im Land produziert und könne Naturkreisläufe schließen.

Den CNG-Club mit Sitz in München tragen Einzelmitglieder wie Adamic, Ruhdorfer und Stollmann, die bei Herstellern, bei der Politik und in der Öffentlichkeit für ihre Sache eintreten. Unternehmen wie Verbiogas sind dabei, das nach eigenen Angaben in den weltweit ersten großtechnischen Anlagen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg Bio-CNG rein aus Stroh und Schlempe herstellt. Mit vier Strohballen könne man einen Pkw ein Jahr fahren, bei 90 Prozent weniger CO₂-Ausstoß im Vergleich zum konventionellen Pkw, heißt es in einem Infoblatt. Mit ungenutztem Stroh in Deutschland könnten sieben Millionen Autos klimafreundlich betankt werden.

Viele Auto- und Lkw-Hersteller haben CNG-Fahrzeuge im Sortiment, bewerben dies aber kaum, wie zu hören ist, weil Brüssel E-Autos bei der Flottenverbrauchs-Rechnung CO₂-mindernd einrechnet, aber CNG-Autos nicht. Die Lobby für das E-Auto sei übermächtig, beklagt Birgit Maria Wöber vom Club-Vorstand, die am Infotag von einem zum anderen eilt und wortreich für ihre Sache kämpft. Club-Präsident Miklós Graf Dezasse erzählt derweil von einem ernüchternden Gespräch mit dem Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Anton Hofreiter, der nur auf Elektromobilität setze. Dezasse: "Wir brauchen viele Antriebe."

Die Debatte geht in der Stadt weiter: Am Samstag kommen die Fans der E-Mobilität am Infinity-Hotel zusammen. Dort ist Zieleinlauf eines sogenannten Cannonball-Rennens mit 70 E-Fahrzeugen vom Tesla bis zum E-Corsa, das von Berlin nach Unterschleißheim führt. E-Autos können von 11 Uhr an am Infinity getestet werden.

© SZ vom 24.09.2021
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