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Mobilität:Fahrkarte statt Fahrersitz

Autofahren im Alter

Ältere Menschen, die sich nicht mehr hinters Lenkrad setzen, will die SPD mit einem kostenlosen MVV-Ticket belohnen.

(Foto: dpa)

Autofahrer über 60, die freiwillig ihren Führerschein abgeben, sollen nach dem Willen der SPD-Kreistagsfraktion ein kostenloses Jahresticket für den MVV erhalten. Senioren- und Behindertenbeauftragte erwarten Diskussionen.

In Dortmund, wo die "grüne Welle der Vernunft" der Stadtwerke seit geraumer Zeit läuft, haben die Verantwortlichen ähnliche Erfahrungen gemacht wie in Augsburg, Kaufbeuren oder dem Landkreis Ludwigsburg: Immer mehr ältere Bürger tauschen ihren Führerschein gegen ein kostenloses Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr ein. Und es sind vor allem Frauen, die den "Lappen" freiwillig abgeben, um auf Bus, Bahn und Tram umzusteigen.

Geht es nach der SPD-Kreistagsfraktion, soll auch im Landkreis München künftig ein kostenloses Seniorenticket für all jene angeboten werden, die den Führerschein freiwillig zurückgeben und den Umstieg auf den ÖPNV wagen wollen. Einen entsprechenden Antrag haben Fraktionssprecherin Ingrid Lenz-Aktas, Landratsstellvertreterin Annette Ganssmüller-Maluche und Grasbrunns Bürgermeister Klaus Korneder eingebracht. Diese Möglichkeit soll allen Landkreisbürgern über 60 eingeräumt werden, denn von diesem Alter an kann die Isarcard 60 regulär erworben werden. Die kostet ohne Abonnement für das Gesamtnetz 69,10 Euro im Monat.

Die Sozialdemokraten fordern, dass der Landkreis Verhandlungen mit dem Münchner Verkehrs- und Tarifverbund über die Einführung eines entsprechenden Seniorentickets aufnimmt. Laut Annette Ganssmüller-Maluche bestünde die optimale Lösung darin, dass sich alle Verbundlandkreise und auch die Landeshauptstadt an dem Projekt und dementsprechend an den Kosten beteiligen.

"Aber auch wenn es der MVV ablehnt, sollten wir ernsthaft diskutieren, ob wir es nicht alleine als Landkreis umsetzen und für unsere Bürger finanzieren", so die Ismaningerin. Vorstellbar ist laut Ganssmüller-Maluche etwa, den Bürgern, die ihren Führerschein abgeben, für einen Zeitraum von ein oder zwei Jahren das Ticket zu finanzieren. "Das ist jetzt ein Anstoß, der dann im Kreistag diskutiert wird."

Franz Schwarz, SPD-Kreisrat und Mitglied im Seniorenbeirat seiner Heimatgemeinde Unterföhring, findet die Idee einen "Schritt nach vorne". "Ein kostenloses ÖPNV-Ticket könnte die Menschen dazu bewegen, auf etwas zu verzichten", glaubt der 67-Jährige. Schwarz erwartet aber kontroverse Diskussionen in der Öffentlichkeit: "So ein Ticket kann ein Anreiz sein, aber es gibt sicher viele, die fürchten, etwas zu verlieren."

Diese Angst müsse den Menschen genommen werden, sagt Florian Schreyer, Leiter des Behindertenbeirats in der Gemeinde Taufkirchen. "Ein Großteil wird wohl eher skeptisch reagieren und sich denken, da geht es um ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit, das mir genommen werden könnte." Grundsätzlich sei der Vorschlag der SPD im Kreistag aber "eine gute Sache", sagt Schreyer - vorausgesetzt das Angebot passe.

"In Taufkirchen zum Beispiel wird der 241er-Bus über Ottobrunn und Putzbrunn nach Haar schon sehr gut angenommen, auch von Senioren", sagt Schreyer. Wichtig sei bei der Aktion zudem die Freiwilligkeit. Erstens seien die Hürden für einen Führerscheinentzug in Deutschland sehr hoch, auch gebe es keinen verpflichtenden Fahrereignungstest für ältere Bürger.

Die auf Freiwilligkeit basierende Entscheidung betont auch die SPD-Kreistagsfraktion, die sich von dem Angebot eine Entlastung im Straßenverkehr, eine damit verbundene Erhöhung der Verkehrssicherheit sowie neue Fahrgastpotenziale für den öffentlichen Personennahverkehr verspricht. "Auch wenn wir wissen, dass die Zahlen überschaubar sein werden", sagt Annette Ganssmüller-Maluche. "Aber es wäre ein Anfang." Und aus Sicht der SPD auch nur ein Baustein, um die Attraktivität des ÖPNV im Landkreis und der Region zu erhöhen und den individuellen Autoverkehr zu reduzieren.

Die Senioren machen sich aber auch selbst Gedanken, welche Maßnahmen bei der Verkehrswende sinnvoll sein könnten. Der Unterföhringer Seniorenbeirat hat laut Franz Schwarz etwa den Antrag gestellt, dass die Nutzung des Ortsbusses (Linie 232) künftig kostenlos sein soll - und zwar für alle Bürger. "Wichtig ist doch, dass wir vom Auto wegkommen und Angebote machen. Für junge Familien, Geringverdiener und Senioren mit kleinen Renten", sagt Schwarz.

Im Kreis Ludwigsburg übrigens haben seit dem Start der Aktion "Führerschein gegen ÖPNV-Ticket" mehr als 1700 Senioren den Führerschein abgegeben. Etwa 80 Prozent waren Frauen, wie die Südwest Presse berichtete. Männer täten sich einfach schwerer mit der Entscheidung, den Lappen abzugeben.