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Mitten in Unterhaching:Nasenbohren unter Aufsicht

Popeln war mal verpönt, dann kam Corona, weshalb dieser Freitag so aktuell ist wie noch nie

Kolumne von Iris Hilberth

Selten stand die Nase so im Mittelpunkt des Interesses wie in der Pandemie. Dass man es tunlichst vermeiden soll, sich mit ungewaschenen Fingern an die eigene Nase zu fassen, haben seit einem Jahr die meisten verinnerlicht. Hinzugekommen ist in den vergangenen Wochen nun noch das gemeinsame Popeln in der Nase. Die Schüler haben, bevor sie zurück in den Distanzunterricht mussten, vorgemacht, wie das erfolgreich geht. Inzwischen gibt es allerorts öffentliche Popelstellen. Allein in Unterhaching sind es acht.

Zur Bohrung nach verwendbarem Stoff für den Antigen-Schnelltest kann man vor dem Schuhhaus Felzmann genauso antreten wie vor Pflanzen Kölle und dem Hagebaumarkt. Fest steht: Man braucht zum Nasepopeln keine rote Ampel mehr. Die Straßenkreuzung war der klassische Ort für außerhäusiges Nasenbohren in der Vor-Corona-Zeit, weil viele Leute dem Irrtum aufsaßen, sie seien in ihrem Auto unbeobachtet. Dass es mal dazu kommen könnte, dass Popeln unbedingt unter den Augen anderer ablaufen muss, dachten damals die 62 Prozent der Männer und 52 Prozent der Frauen nicht, die heimlich den Finger in die Nase steckten. Sicherlich auch Jogi Löw, der Popler der Nation nicht, von dessen Leidenschaft für derartige nasale Behandlungen es zahlreiche Beweisfotos gibt.

Der internationale Tag des Nasenbohrens, der traditionell am 23. April begangen wird, hat also in der heutigen Zeit womöglich an Bedeutung gewonnen. Warum er ausgerechnet an diesem Datum begangen wird, ist unbekannt. Ein wissenschaftlicher Namen für das, was man aus der Nase herausholt, existiert auch nicht. Krankhaftes Nasenbohren hingegen wird als "Rhinotillexomanie" bezeichnet. Und dann gibt es noch Leute, die das, was sie dabei finden, aufessen. Das nennt man dann "Mukophagie". Dieses Phänomen wird - und das ist vielleicht das einzig Gute an der Pandemie - sicher zurückgegangen sein. Denn man braucht ihn ja heutzutage dringend, den gemeinen Popel. Und wenn es nur zum Schuhekaufen ist.

© SZ vom 23.04.2021
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