Süddeutsche Zeitung

Mitten in Unterhaching:Dem Schleim auf der Spur

Kinder lieben ihn, Gärtner hassen ihn und im Rathaus gibt es wahre Experten.

Kolumne von Iris Hilberth

Das feucht-warme Wetter gereicht vor allem einer Kreatur zum Vorteil. Und die steht bei Kleingärtnern auf der Liste der ärgsten Feinde ziemlich weit oben. Diesen glitschigen Gesellen mit großem Ekelfaktor ist sehr schwer Einhalt zu gebieten. Sie haben es massenweise auf Salat, Blumen, Erdbeeren, Gurken abgesehen - ja sie mögen eigentlich fast alles, was der Gärtner auch liebt. Schnecken sind mal wieder eine echte Plage. Sie fallen über den Garten her, übrig bleibt nur ihre Schleimspur. Das ist niederträchtig. Und es ist widerlich!

Dabei verkennt der Gärtner, welch Wundermittel eigentlich so ein Schneckenschleim ist. Er kann sowohl Klebstoff als auch Gleitmittel sein, je nachdem, was die Schnecke gerade benötigt. Und er steckt voller Mineralien, Antioxidantien und Glykokonjugate. Seine Wirkung ist antibakteriell und feuchtigkeitsspendend. Findige Kosmetikfirmen haben deshalb bereits Produkte für die Gesichtspflege aus Schneckenschleim kreiert. Ob die Wirkung auch sichtbar ist, bleibt allerdings umstritten.

Nun stellt sich heraus, dass in Unterhaching die Profis für zähe, glibberige Materie nicht nur in den Gemüsebeeten sitzen, sondern auch im Rathaus. In den Sommerferien können Kinder sich hier zum Schleim-Experten ausbilden lassen. Es werden die Rezepte für diverse Variante von Schleim ausprobiert. Während es in den Siebzigerjahren, als der Spielwarenhersteller Mattel den ersten "Slime" verkaufte, in den Kinderzimmern zunächst nur grün glibberte, kann man heutzutage in allen Farben herummatschen. Es muss dem Bürgermeister auch nicht peinlich sein, dass in seinen Amtsstuben geschleimt wird, was die Pampe hergibt. Er ist in guter Gesellschaft: In New York gibt es ein Schleim-Museum. Dort kann man sich sogar mit dem Zeug übergießen oder darin herumwaten.

Vielleicht kennt die Gemeindeverwaltung auch die Transportplanung von Forschern aus Japan und England, die mit Schleimpilzen die optimale Streckenführung von Eisenbahnschienen ermittelt und dafür einen "Nobelpreis" bekommen haben. Allerdings den für unnütze, wissenschaftliche Errungenschaften.

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Quelle:
SZ vom 22.07.2021
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