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Mitten in Unterföhring:O mei, kein Baum

Die Corona-Krise macht selbst vor Maibäumen nicht Halt. Welche Alternativen bleiben den Brauchtumsanhängern?

Von Sabine Wejsada

Einen Maibaum zu haben, das ist für jeden bayerischen Ort Tradition und gehört zum Freistaat wie der weiß-blaue Himmel und die Alpen. Monatelang laufen bei Trachten- und Burschenvereinen oder Feuerwehren die Vorbereitungen, um am 1. Mai ein besonders imposantes Stangerl aufzustellen. Da wird im Wald der schönste Baum ausgesucht und dieser dann nach dem Mondkalender gefällt. Meist bleibt das gute Stück an einem geheimen Ort verwahrt, ehe der Baum mit großem Trara und beobachtet von unzähligen Schaulustigen in der Gemeinde ankommt, wo er hergerichtet, bemalt und mit Tafeln bestückt wird. Natürlich alles gut bewacht, um Dieben keine Chance zu lassen, den Maibaum zu entführen. Schließlich kann so eine Lösegeldzahlung in Form von Bier und Brotzeit ziemlich teuer kommen.

In Unterföhring muss man sich über all das derzeit keine Gedanken machen. Die Corona-Krise hat alle Anstrengungen, auf dem Bürgerhausplatz einen neuen Maibaum aufzustellen, zunichte gemacht. Trachtler und Burschen können ihre Aktivitäten einstellen, weil alle Veranstaltungen der Gemeinde bis mindestens 19. April abgesagt sind. Kein Einholen des bereits umgehauenen Baumes, kein Wachstüberl, kein Maifest. Und das alles im Angesicht dessen, dass die Unterföhringer Traditionalisten so gerne wieder ein aufrechtes weiß-blaues Stangerl wollten - nach all den Monaten der Leere auf dem Bürgerhausplatz.

Seit Sommer 2018 erinnert nur die Halterung daran, dass sich dort einmal ein 28 Meter hoher Maibaum gen Himmel reckte: Weil sich aber in seinem Inneren die Kernfäule breitmachte und ihm ein Riss nach dem anderem zusetzte, musste er aus Sicherheitsgründen eingekürzt werden. Zuletzt stand nichts mehr als ein auf acht Meter zurückgeschnittenes Brauchtumssymbol, das später zum Glück verräumt wurde, weil der Anblick ein wirklich trostloser war. Besser keinen Maibaum als so ein weiß-blaues Trauer-Stangerl. Jetzt können die Unterföhringer nur hoffen, dass der durch Corona zum Juni-, Juli- oder Augustbaum mutierte neue Stamm nicht auch noch dem Borkenkäfer zum Opfer fällt. Falls doch, müssen sie bis Weihnachten warten und einen Christbaum aufstellen.

© SZ vom 13.03.2020
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