bedeckt München 17°

Mitten in Oberhaching:Namenlos und ratlos

Obwohl die Gemeinde weder einen anstößigen noch ungewöhnlichen Namen hat, werden immer wieder Ortsschilder geklaut. Warum das so ist, bleibt rätselhaft

Glosse von Iris Hilberth

Nicht immer kann man sich darauf verlassen, bei der Einfahrt in eine Ortschaft auch deren Namen zu lesen. Statt auf eine gelben Hinweistafel starrt der Besucher am Stadtrand mitunter durch einen leeren Metall-Rahmen, quasi ins Nichts. Das darf natürlich nicht sein, schließlich bietet das Ortsschild Orientierung und soll zudem signalisieren: Jetzt aber rasch runter vom Gas. Blöd also, wenn jemand das Schild so toll fand, dass er es einfach abgeschraubt und mitgenommen hat.

Das kommt öfter vor, als man denkt. Je kurioser der Ortsname, desto mehr Ärger haben die Verwaltungen dort mit geklauten Ortsschildern. Fragen Sie mal die Rathauschefs von Petting oder Pissen. Aktuell ist die Tafel von St. Corona in Niederösterreich offenbar ein begehrtes Souvenir, gerne werden die Schilder von Übersee am Chiemsee oder Kalifornien an der Ostsee zur Dekorierung der eigenen vier Wände gewählt. Auch in Wacken, wo jährlich eines der größten Heavy-Metal-Festivals stattfindet, packen Besucher häufig bei der Abfahrt auch das Ortsschild mit ein. Inzwischen versucht man dort, dem Schilderklau entgegen zu wirken und verkauft Ortsschilder. Die Gemeinde Fucking an der deutsch-österreichischen Grenze hat ihr Problem im vergangenen Jahr ganz anders gelöst: Das Dorf hat sich in Fugging umbenannt.

Nun gibt es in Oberhaching weder ein großes Festival noch ist der Ortsname sonderlich originell oder gar anstößig. Trotzdem werden in letzter Zeit immer wieder die Ortsschilder geklaut. Warum das so ist, fragt sich Bürgermeister Stefan Schelle auch. Möglicherweise ziehen die Leute weg und nehmen sich ein Stück Heimat mit. Oder sie wollten schon immer mal in Oberhaching wohnen, können es sich aber nicht leisten. Ein Trost: Auch in Coswig rätselte man kürzlich, warum das Schild ständig gestohlen wird. Irgendwann wurde es dem Bürgermeister zu dumm, und er stellte stattdessen ein Hinweisschild auf: "Dieses Ortsschild wurde, wie viele andere, bereits zum 5. Mal gestohlen. Jedes neue Schild kostet den Steuerzahler 450 Euro." Wenige Stunden später war auch dieses Schild weg.

© SZ vom 16.04.2021
Zur SZ-Startseite