Mitten in Ismaning:Gangster-Rap im Agrob-Park

Eine Straßenschildverzierung deutet an, dass im Münchner Norden die Nachfolger einer Grünwalder Satire-Band in den Startlöchern stehen

Kolumne von Irmengard Gnau

Ismaning ist gemeinhin eher eine beschauliche Gemeinde. Man pflegt seine reiche Geschichte, als ehemalige Sommerresidenz der herzoglichen Familie derer von Leuchtenberg ebenso wie als stolzer Herkunftsort geschätzter landwirtschaftlicher Güter wie des Ismaninger Krauts. Man kennt sich, tauscht sich aus, engagiert sich in zahlreichen Vereinen, bei Feuerwehr und Rotem Kreuz. Selbst im Gemeinderat wird die Diskussionskultur hochgehalten, ein respektvoller Umgang auch bei inhaltlichen Differenzen ist allen wichtig. Aggressionen? Eher Fehlanzeige. Oder brodelt es da etwa heimlich hinter der idyllischen Fassade?

Im Agrob-Medienpark der Gemeinde, wo einst Leo Kirch sein Imperium erwachsen und später vergehen sah und heute Fernsehsender, Radio und Zeitschriften beheimatet sind, hat ein Unbekannter oder eine Unbekannte jedenfalls ein Zeichen hinterlassen. "Agro Ismaning" steht dort nun, für jeden sichtbar hoch oben an der Haltestelle der Buslinie 231. Ein Hilferuf? Der stille Aufschrei eines verzweifelten Menschen, in der Eile orthografisch nicht ganz vollendet? Wer sich umblickt, dem fällt es schwer, das zu glauben. Doch lauert der Schrecken nicht oftmals gerade an jenen Orten, die nach außen am idyllischsten erscheinen?

Ach was, alles Panikmache. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass sich da jemand vom Flair des Medienparks hat inspirieren lassen und nun via Straßenschildverzierung anregt, die lang erwartete Nachfolgeband von Aggro Grünwald zu gründen. Die Gruppe um den heutigen SWR-Moderator Philipp Walulis erschien 2007 in den Musiklisten als selbsternannte Antwort Münchens auf den Ghetto-Gangsterrap des Labels Aggro Berlin und deren bekannteste Verkaufsschlager Sido und Bushido. Mit hochgeklappten Polohemden, dicken BMWs und ploppenden Champagnerflaschen ließen die angeblichen Grünwalder Sprösslinge alle weniger betuchten Mitmenschen singend wissen, wie sehr sie auf diese herunterblicken ("Hey kleiner Mann, deine Armut kotzt mich an"). Die Satire inklusive Musikvideos, Albumveröffentlichung und aufgesetzter Pressekonferenz war so gut inszeniert, dass die vermeintliche Arroganz-Band damals mehrere Medien narrte und sogar in Fernsehshows eingeladen wurde. Da wäre also viel Potenzial für eine mögliche Nachfolgeband, diesmal aus dem Münchner Norden.

© SZ vom 23.07.2021
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