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Mitten in Haar:Mutprobe am Bahnhof

Manchmal treibt es auch einem Landkreis-Reporter Schweißperlen auf die Stirn bei seiner Arbeit, wenn er sich unvorhersehbaren Gefahren aussetzt

Der Job des Lokalreporters in Bayern verlangt wenig Mut. Niemand erwartet, dass man reißende Flüsse durchschwimmt. Auch kommt man an die Informationen für seine Geschichten, ohne sich in finsteren Ecken mit dubiosen Hintermännern einer Bande zu treffen. Ein Korrespondent in Afrika oder Asien, der es mit Despoten zu tun hat und sich in Kleinbusse zwängt, die aufgekratzte Fahrer im Höllentempo über Passstraßen steuern, würde über die S-Bahn-Geschichten müde lächeln, die sich Kollegen in und um München erzählen.

Dennoch: Letztens hat eine Recherche zur späten Stunde in Haar einem doch den Puls nach oben getrieben. Die Hände waren feucht und vielleicht ist den drei Passanten, die dem Journalisten begegneten, aufgefallen, dass dieser etwas blass um die Nase herum wirkte, als er aus dem Aufzug am Bahnhof ausstieg. Aber wer über Monate darüber hinweg berichtet, dass der Aufzug am Haarer Bahnhof immer wieder stecken bleibt, hat ein Stück weit den Glauben an die Technik und den Service der Bahn verloren. Zuletzt steckte eine Frau nachts für Stunden im Aufzug fest, weil sie im Vertrauen auf den Staatskonzern in den Lift gestiegen war. Am Ende musste die Feuerwehr die Arme mit schwerem Gerät aus ihrer Notlage befreien. Der Aufzug war danach freilich wieder hin. Er wurde abgesperrt und für die nächsten Wochen mit einem Schild versehen: Defekt.

Das war im August. Als der Hinweis neuerdings fehlte, war die journalistische Neugier geweckt. Und der verwegene Gedanke schoss durch den Kopf, selbst eine Fahrt zu wagen. Ein banger Blick noch, wo sich der Notknopf im Aufzug befindet. Ein paar wilde Gedanken, ob man besser einen Schlafsack, ein Biwak und ein paar Konservendosen hätte einpacken sollen, und wie es wäre, wenn man nach Wochen elendig verdurstet im Aufzug aufgefunden würde. Und die Frage im Kopf, wieso es da drinnen nicht wenigstens einen Getränkeautomat gibt oder einen Automaten mit Snacks - wie auf jedem Bahnsteig. Schon schloss sich die Tür. Unten, in der Bahnunterführung, ging sie mit leichtem Ruckeln auf. Uff!

© SZ vom 09.10.2019
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