bedeckt München

Mitten in Grünwald:Youtuber Jan

Die Bürgermeister und Gemeinderäte müssen sich auf ihre baldigen Online-Auftritte vorbereiten. Dazu gehört unbedingt unterhaltsame Präsentation der Politik

Kolumne von Claudia Wessel

Wie mag Grünwald in fünf oder zehn Jahren aussehen? Die einstige Oberhachinger Straße ist bewachsen mit Wiese und Bäumen, Kinder tummeln sich auf den zahlreichen Spielplätzen. Auf bequemen Fußwegen, die Richtung Marktplatz führen, spazieren Mütter mit Kinderwagen, plaudern über die besten Windel-Onlinehändler, bestellen nebenbei den Wocheneinkauf und und fliegen ab und zu mit dem Flugtaxi rüber nach Pullach zur Eisdiele. Über die Gemeindepolitik informieren sich die Grünwalder nur noch im actionreichen Live-Stream aus dem Rathaus, der immer einen viral gehenden Knaller liefert und zum Ortsgespräch wird. Auch in die Bürgerversammlung wählen sie sich massenhaft ein, selbst aus dem Mallorca-Urlaub, weil sie keinen Auftritt des coolen Videostars Jan, seines Zeichens Bürgermeister, verpassen wollen.

Die Live-Übertragung von öffentlichen Veranstaltungen kommt mit großen Schritten auf die Lokalpolitik zu. Schon bald wird ein Gesetz im Landtag verabschiedet, das Hybrid-Sitzungen der Gemeinderäte ermöglicht. Das heißt, wer sich aus Angst vor Corona oder einfach so lieber vom heimischen Sofa aus in die Sitzung einwählt, kann das tun. Die anderen sitzen leibhaftig im Rathaus, alle Beteiligten können miteinander diskutieren und auch abstimmen. Dass auch die Grünwalder Bürgerversammlung gestreamt wird, hatte schon auf der jüngsten Versammlung im November ein Bürger beantragt.

Es wird sich also über kurz oder lang nicht vermeiden lassen, dass die gesetzten Herrschaften, die bislang derartige Sitzungen und Versammlungen bestreiten, sich bereit machen für den Online-Auftritt. Während Bürgermeister Jan Neusiedl von der CSU bisher nicht als allzu digital-affin gilt, freut sich Gemeinderat Tobias Brauner von den Parteifreien schon darauf. Er forderte in der jüngsten Sitzung, sofort die technischen Möglichkeiten dafür zu schaffen, damit es gleich losgehen kann, sobald die rechtlichen Fragen geklärt sind.

Allein die technische Hochrüstung von Rathaussaal und Bürgerhaus wird aber vermutlich nicht ausreichen, um die Klick-Zahlen der Grünwalder Live-Streams zu erhöhen. Dazu bräuchte es auch gewisse Youtuber-Qualitäten der Beteiligten. Wer in Zukunft die Jungwähler auf seine Seite bekommen möchte, muss schon mehr bieten als bloßes Dasitzen. Eine Rapper-Fortbildung für alle wäre ein erster Schritt.

© SZ vom 04.03.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema