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Mitten in Grünwald:Kein Leben ohne Kukident

Peroxide, wie sie ein Unternehmen im Nachbarort Pullach herstellt, mögen explosiv sein, erfährt der Grünwalder Gemeinderat. Aber auch nützlich für den Zahnersatz

Glosse von Claudia Wessel

Die Angst ist da. Die Firma United Initiators in Pullach möchte ihre Lagerflächen vergrößern. Da das Unternehmen Chemikalien herstellt, hat es damit Ängste geweckt. Nicht nur bei den Pullachern, sondern auch in den Nachbargemeinden. Da diese vor der Genehmigung angehört werden müssen, war kürzlich United-Initiators-Werksleiter Kai Eckloff zu Gast im Grünwalder Gemeinderat.

Er hörte, was die Grünwalder alles befürchten. Da wäre beispielsweise der Lärm. "In ruhigen Nächten", verriet CSU-Gemeinderat Robert Zettel, höre er Geräusche von dem Pullacher Industriegebiet. Wenn man nun 20 Meter hohe Gebäude errichte, könne sich das steigern. Wichtig sei also ein Schallgutachten. Der Verkehr könnte ebenfalls zunehmen, wie Oliver Schmidt von den Parteifreien vorbrachte. Fazit: Ein Verkehrsgutachten muss her. Dann ist da aber noch das Schlimmste, das Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU) ohne Umschweife aussprach: "Kann das explodieren?"

Für die Antwort auf diese brisante Frage war natürlich der Werksleiter gefragt und er zeigte pädagogisches Talent. Bevor er auf die Explosionsgefahr einging, fing er ganz woanders an. Peroxide produziere United Initiators, erklärte er, und dann begab er sich auf eine Beziehungsebene, die Sozialpädagogen mit dem schönen Wort niedrigschwellig bezeichnen. Er gab Beispiele aus dem Alltag.

Peroxide nämlich befinden sich in Haarfärbemitteln, berichtete Eckloff. Welche der Gemeinderätinnen hatte nicht schon solche verwendet? Auch in Gebissreinigern befänden sich diese Chemikalien, fuhr Eckloff fort, ebenfalls für viele Gemeinderäte vertraute Produkte. Aber, so steigerte sich Eckloff weiter, auch in den Kabeln der Geothermie befinde sich die besagte Chemikalie, und in diesem Moment musste wohl zumindest die gesamte CSU-Fraktion schlucken, wirbt sie nicht seit Jahren für die Vorteile derselben. Zum Schluss aber packte Eckloff den Hammer aus: Peroxide befänden sich auch in FFP2-Masken.

Wer nur eine Sekunde am Sinn und Zweck der Produkte gezweifelt hatte, musste spätestens nun einknicken und war bereit für die Offenbarung über die Explosivität: Ja, gab Eckloff zu, die Stoffe könnten explodieren. Aber nur, wenn man sie zu fest verpacken würde, das aber werde durch Sicherheitsvorkehrungen wie nachgiebige Kanister verhindert. Im geplanten neuen Lager würden diese in Compartments mit feuerfesten Wänden gelagert. Trotzdem, ein Gutachten zur Betriebssicherheit muss auch sein, beschloss der Gemeinderat. Obwohl klar ist: Ein Leben ohne Haarfärbemittel, Kukident und FFP2-Masken ist undenkbar.

© SZ vom 24.11.2020
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