Mitten in Grünwald:Käfer und andere Kalamitäten

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Gemeinderäte erfahren, was in Wald und Flur so vor sich geht

Von Claudia Wessel

Was in Wald und Flur so vor sich geht, versteht nicht jeder. Nicht einmal Gemeinderäte blicken durch durchs dichte Geäst der Bäume. Daher luden die Grünwalder nun einen Experten in die Sitzung des Gremiums ein. Wilhelm Seerieder, seines Zeichens Chef des Forstbetriebs München der Bayerischen Staatsforsten, offenbarte alle Geheimnisse, selbst solche aus der Vergangenheit. Wie es etwa 1713 und 1800 und 1926 im Bereich des Perlacher und des Grünwalder Forsts ausgesehen hat, nämlich lichter, zeigte er anhand von Grafiken. Er verriet, dass es auch damals schon "Insektenkalamitäten" gegeben habe, wie sie heute etwa der Borkenkäfer verursacht. Der Asiatische Laubholzbockkäfer sei aber glücklicherweise noch nicht in den Süden vorgedrungen, so Seerieder, und er hoffe auch, dass seine Kollegen in den betroffenen Gebieten ihm den Garaus machen.

Von fünf Millionen Erntefestmetern Holz war die Rede, von einem Hiebsatz in Höhe von 166 000 Festmetern und von der Dominanz der Fichten. Es ging um Taxation und Trockenschäden, Windwurf und Nachlichtung. Darum, dass die Fichten den Klimawandel nicht überleben werden, schon in 20 bis 30 Jahren werde es schlecht aussehen für diese Art, weshalb man sich dem Vier-Baum-Konzept verschrieben habe. Seerieder erwähnte weiterhin das Projekt Buschnelke, den "Erholungswald Stufe eins", 200 Parkbänke, 42 Parkplätze und 172 051 Erntefestmeter Baumzuwachs, bevor er aufs Totholzprogramm zu sprechen kam.

Wer jetzt einen Schreck bekam, konnte schnell beruhigt werden. Tot ist in diesem Falle wirklich nur das Holz und das macht gar nichts, es hilft sogar anderen Wesen beim Leben, vor allem den Spechten. Deshalb haben die Staatsforsten auf desolat wirkende Baumstämme einen roten Specht gesprüht. Damit nicht gleich wieder ein Waldspaziergänger anruft und alles besser weiß, was leider wohl relativ oft vorkommt. Die Forstwissenschaft aber ist eine Wissenschaft und die Leute wissen durchaus, was sie tun, ließ Seerieder durchblicken. Bleibt zu hoffen, dass die Gemeinderäte angesichts dieses geballten Fachwissens den Wald vor lauter Erntefestmetern noch sehen.

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