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Mitten in Grünwald:Albtraum Hygienekonzept

Warum muss die Posaune zwei Meter Abstand von der Trompete halten, das Schlagzeug darf aber bis auf 1,50 Meter an die Geige heranrücken? Und wer soll sich das alles merken?

Kolumne von Claudia Wessel

Es ist zu vermuten, dass der Grünwalder Hauptamtsleiter Tobias Dietz so manche Nacht schweißgebadet aufwacht, weil ihm ein böser Traumengel das Wort "Hygieneverordnung" ins Ohr geflüstert hat. Denn wie er im Gemeinderat am Dienstagabend erschöpft berichtete, befassen er und die Leiterin der gemeindlichen Hausverwaltung, Jana Kautz, sich seit geraumer Zeit mit nichts anderem mehr. Schließlich wollen alle Grünwalder Einrichtungen endlich wieder öffnen, das geht aber nur mit einem Hygienekonzept nach der derzeit geltenden Sechsten Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung, deren aktuelle Fassung seit Montag gilt.

Nicht nur müssen die beiden Berater und Prüfer der Hygienekonzepte also immer up to date sein, was neue Lockerungen betrifft, sie müssen auch wissen, dass jeder Verein und jede Einrichtung spezielle Anforderungen hat, die auf die Räumlichkeiten abgestimmt sein müssen. Als erstes bekam die Gemeindebibliothek ihr Konzept, sie hat geöffnet. In Arbeit befinden sich derzeit unter anderem die Konzepte für die Burschenhütte, die Musikschule und den TSV Grünwald. Besonders wichtig aufgrund der Haftungsfragen ist die Beratung durch Dietz und Kautz, wenn die Gemeinde anderen ihre Räume überlässt, zum Beispiel dem Verein der Freunde Grünwalds. Dessen Bläsergruppe will nämlich wieder in einem Raum in der Grundschule proben. Das geht aber nur, wenn die Spieler etwa von Trompeten und Klarinetten bei der Probe zwei Meter auseinander sitzen, während das Schlagzeug von der Geige nur 1,50 Meter entfernt stehen muss. Überaus wichtig aber ist dieser Satz: "Das Ausblasen von Kondenswasser aus den Instrumenten muss vom Verursacher mit einem eigenen Tuch aufgefangen und fachgerecht entsorgt werden."

Außer von solchen Sätzen handeln die Albträume von Dietz und Kautz auch von gescheiterten Versuchen. Etwa davon, dass man mit einem Hygienekonzept im August-Everding-Saal auf 304 Sitzplätzen nur 36 Besucher unterbringen könnte, aber 13 Mitarbeiter zum Einweisen bräuchte. Das lässt man lieber sein. Auch die Vorstellung, von allen Menschen, die im Rathaus "nur mal auf die Toilette" wollen, die Kontaktdaten einsammeln zu müssen, ist schrecklich. Es bleibt vorerst geschlossen, wie die meisten Rathäuser im Landkreis. Vielleicht geht ja mit der siebten Infektionsschutzmaßnahmenverordnung wieder was.

© SZ vom 02.07.2020

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