Süddeutsche Zeitung

Mitten in Brunnthal:Sehnsucht nach dem Baumarkt

Die Motive mancher Diebe muten seltsam an. Drei Jugendliche, welche die Polizei jetzt erwischte, hatten es statt auf Akkuschrauber auf Blumenstöcke abgesehen

Glosse von Iris Hilberth

Manche Berichte von Diebereien lassen den Leser eher ratlos zurück. Das Motiv bleibt mitunter etwas rätselhaft. Und wäre eine Tat wie ein Einbruch nicht grundsätzlich verwerflich, ist man in einigen Fällen sogar geneigt, darüber zu schmunzeln. Wie über die beiden Ganoven aus Unna, die als Weihnachtsmänner verkleidet in Fröndenberg eine Bank überfielen und nicht etwa Geld forderten, sondern den geschmückten Christbaum klauten. Oder die Mitglieder einer Gang in Florida, die drei Urnen mitgehen ließen. Darin war die Asche des Vaters des Hausbesitzers und zweier verstorbener Hunde. Gut, sie dachten das sei Kokain und wunderten sich später, dass das Zeug nicht wirkte.

In Brunnthal sind am Sonntag drei Jugendliche erwischt worden, die über den Zaun eines Baumarkts stiegen. War man doch bis vor kurzem davon ausgegangen, dies sei ein Sehnsuchtsort für Erwachsene mit Liebe zu schweren Geräten und Hang zum Selbermachen, weswegen die Schließung dieser Märkte Männer besonders hart traf. Verfolgte man aber kürzlich die Ausführungen des Staatssekretärs im bayerischen Wirtschaftsministerium, Roland Weigert von den Freien Wählern, der im Landtag erläuterte, warum Baumärkte von 1. März an unbedingt wieder öffnen müssen, versteht man die ganze Tragweite der wochenlangen Schließung. Kurz zusammengefasst ist das so: Wenn der Mann in den Baumarkt gehen kann, um Farbe zu kaufen, um dann endlich das Kinderzimmer zu weißeln - dann sind nicht nur die Kinder froh, sondern auch die Frau ist glücklich. Und der Mann fühlt sich gut, weil der die Frau glücklich gemacht hat. Ja, da kann man schon mal ungeduldig werden.

Wobei wir wieder bei den drei 15- und 16-Jährigen in Brunnthal wären, die offenbar nicht abwarten konnten, bis am Tag darauf der Baumarkt öffnet. Die Sehnsucht war wohl groß. Gar nicht mal nach einem tollen Akkuschrauber, nach dem ultimativen Bohrhammer oder einem coolen Winkelschleifer. Nein: Auf zwei Blumenstöcke hatten sie es abgesehen. Wen sie damit glücklich machen wollten, teilte die Polizei nicht mit.

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Quelle:
SZ vom 02.03.2021
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