Süddeutsche Zeitung

Mitfahrbankerl:Per Anhalter durch die Gemeinde

Nach Höhenkirchen unterstützt auch Sauerlach eine Mitfahr-Initiative - allerdings ohne eigene Wartebänke aufzustellen

Wer in Sauerlach eine Mitfahrgelegenheit benötigt, soll künftig an Bushaltestellen darauf warten können, dass ihn jemand mitnimmt. Ein einstimmiger Beschluss des Gemeinderats sieht vor, ein Logo mit gerecktem Daumen und dem Schriftzug "Mitfahr-Gemeinde" an Haltestellen anzubringen, aber nicht eigens Wartebänke aufzustellen. Sogenannte Mitfahrbankerl gibt es bereits in mehr als fünfzig Gemeinden in Bayern, darunter auch in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Ein kleines Netzwerk ist zuletzt entstanden, das Höhenkirchen-Siegertsbrunn mit Egmating, Oberpframmern, Moosach und Glonn verbindet.

Bei den Bänken handelt es sich meist um eigens aufgestellte und teils liebevoll geschmückte Exemplare, in deren Halterungen Schilder stecken, sodass Wartende den Autofahrern anzeigen können, wohin sie wollen. Die Idee hatte die Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn von der Energiewende-Initiative übernommen. Aufgestellt wurden sie an der Brunnthaler Straße und an der Bahnhofstraße.

In Sauerlach hat sich die Agenda 21 für die Idee starkgemacht. Sie argumentiert, dass am Wochenende und in den Abend- und Nachtstunden keine Busse im Gemeindegebiet verkehren. Zudem müsse man werktags zwischen 30 und 90 Minuten warten, wenn man einen Bus verpasse. Mitfahrbankerl könnten hier Abhilfe schaffen und gerade Menschen ohne Auto zu mehr Mobilität verhelfen. Denn, so heißt es im Antrag der Agenda 21: "Wer eine Mitfahrgelegenheit sucht, setzt sich auf eine solche Bank und wartet - nach den Erfahrungen der Gemeinden selten länger als fünf Minuten - bis man von Privatleuten im Auto mitgenommen wird."

Mit seinem Beschluss blieb der Gemeinderat hinter dem Antrag der Agenda zurück. Sie hatte angeregt, vier neue Bänke aufzustellen, Autobesitzern aus dem Ort ein "Mitfahr-Pickerl" für die Windschutzscheibe zu schicken und potenziellen Mitfahrern einen Ausweis auszustellen, mit dem sie sich gegenüber den Fahrern identifizieren können. All das blieb in der Diskussion im Gemeinderat weitgehend außen vor - und dennoch zeigt sich Johann Friedrich, der Sprecher des Agenda-Arbeitskreises Umwelt und Energie, "sehr zufrieden" mit dem Beschluss. "Es ist ein großer Schritt, dass die Gemeinde das Logo akzeptiert und sich mit dem System der Mitfahrbankerl identifiziert. Außerdem haben wir jetzt einen Hut, unter dem wir weitermachen können." So wolle man demnächst Vertreter der Nachbarorte einladen und von der Aktion überzeugen. Schließlich ist das langfristige Ziel der Agenda 21, dass sich Mitfahrbankerl in allen Landkreisen des MVV-Gebiets etablieren und über eine App koordiniert werden können.

Nicht so zufrieden wie Johann Friedrich ist Grünen-Gemeinderat Axel Horn mit der Entscheidung des Gremiums. "Ich finde es schade, dass die Idee untergeht", kritisierte er in der Sitzung. "Wenn man bloß einen grünen Daumen an die Bushaltestelle klebt, funktioniert das Prinzip nicht." Bürgermeisterin Barbara Bogner (Unabhängige Bürgervereinigung Sauerlach/UBV) verwies auf die jüngsten Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr: "Der Antrag wurde gestellt, als die ganzen Landkreis-Busse noch nicht gefahren sind. Inzwischen gibt es eine große Taktverdichtung in alle Ortsteile, sodass das vielleicht nicht mehr ganz so notwendig ist." Horn widersprach: "Es gibt immer noch Zeiten, in denen kein Bus fährt und man eine Stunde warten muss."

Inwiefern Mitfahrbankerl in der Gemeinde überhaupt einen Nutzen hätten, fragte sich Andrea Killer. "Es war doch schon immer so: Wenn man jemanden in Sauerlach getroffen hat, der nach Altkirchen will, dann nimmt man ihn mit", so die CSU-Gemeinderätin. "Man kennt sich ja untereinander, das sollte selbstverständlich sein." Etwas anders sieht das Johann Friedrich, der selbst in Altkirchen wohnt: "Es stimmt nicht, dass sich alle untereinander kennen und gegenseitig mitnehmen würden." Gerade für die Bewohner aus Altkirchen und anderen abgelegenen Ortsteilen könnten Mitfahrbankerl einen Hilfe sein, findet der Agenda-Sprecher.

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SZ vom 06.02.2019
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