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Mit der Rikscha durch Haar:Mobil mit Muskelkraft

Weder Wetter noch Winter können Rikschafahrer Markus Stopp aufhalten: Er chauffiert Stammkunden wie die 77-jährige Ingrid Streit zur Krankengymnastik oder Apotheke - und hoffentlich bald mal wieder zum Biergarten.

(Foto: Claus Schunk)

Seit fast einem Jahr bietet Markus Stopp seine Fahrdienste mit der Rikscha in Haar an. Zu seinen Stammkunden zählen Senioren und Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung. Die Resonanz könnte aber höher sein.

Von Julius Baumeister, Haar

Viel Zeit habe er nicht, sagt Markus Stopp hastig am Telefon. "Ich muss gleich einen Stammkunden abholen. Wir fahren zum Getränkemarkt." In Haar ist es an diesem Tag drei Grad kalt und es regnet. Doch von schlechtem Wetter will Stopp nichts wissen: "Mir ist das Wetter egal und in der Rikscha sind meine Kunden sehr gut geschützt."

Seit fast einem Jahr bietet Stopp seine Fahrdienste mit der Rikscha in der Gemeinde Haar im Münchner Osten an. Angefangen hatte alles mit einer dreimonatigen Testphase im Jahr 2019, nach deren Ende der 53-Jährige schließlich seit April vergangenen Jahres dauerhaft in die Pedale seines "Ma-Ma-Mobils" tritt. "Die Abkürzung steht für Markus macht mobil," erklärt Stopp. "Meine Idee ist es, dass die Rikscha-Fahrt nicht nur einen Event-Charakter hat, sondern dass sie in unserem Alltagsgebrauch ankommt." Stopp will aus der Rikscha eine echte Alternative zu überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln, vor allem aber dem Auto machen. "Gerade bei Kurzstrecken sehen wir noch immer, dass die Menschen mit dem Auto fahren." Die kleinen Wege zum Supermarkt etwa seien die, bei denen sich eine Rikscha-Fahrt lohne, so Stopp. Noch steht er mit diesem Ansatz am Anfang. "Es ist nicht so, dass der Andrang riesengroß wäre."

Viele der Fahrgäste sind Stammkunden, denen Stopp bei Erledigungen im Alltag hilft. Dazu gehören Senioren, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen oder Bewohner aus sozialen Einrichtungen. Oft würde er auch wartenden Menschen an Bushaltestellen seine Dienste anbieten. Die Resonanz ist bescheiden. Dafür sei die Skepsis noch zu groß, resümiert Stopp und ergänzt: "Viele glauben auch nicht, dass ich für so wenig Geld fahre." Sechs Euro kostet eine zehnminütige Kurzstrecke mit der Rikscha des Sonderpädagogen, ab und an fährt Stopp aber auch, ohne dafür ein Entgelt zu verlangen.

Die Scheu, sich kutschieren zu lassen

Dass nicht bei jedem Haarer die Skepsis gewichen ist, habe auch etwas damit zu tun, dass es noch immer eine Scheu gebe, sich per Muskelkraft "kutschieren" zu lassen, meint Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU). Eine Rikscha in Haar sei aber auch eine Neuheit, mit der man als Fahrgast die Blicke auf sich ziehe - daran müsse man sich am Ort erst gewöhnen.

Stammkundin Ingrid Streit lacht und erzählt, es errege schon Aufmerksamkeit, wenn sie mit Stopp und der Rikscha durch den Ort fahre - "auch bei Schnee". Bei gutem Wetter sei es aber ein schönes Erlebnis. An ihre erste gemeinsame Fahrt im Sommer vergangenen Jahres kann sich die 77-Jährige gut erinnern: "Ich bin eine alte Biergarten-Gängerin und gehe gern nach Trudering." Eines Abends sei ihr der Weg mit dem Rad zurück nach Haar zu weit gewesen. "Dann ist Markus gekommen, hat mein Fahrrad hinten auf die Rikscha gepackt und mich über Schleichwege nach Hause gefahren." Ab und zu würde es hinten schon "scheppern", wenn sie mit Stopp über die Waldwege fahre, auf eine Rikscha-Fahrt wolle sie dennoch nicht verzichten. "Er passt gut auf und hat alles im Griff."

Stammkunden wie die 77-Jährige haben Stopp auch dazu bewogen, keine Winterpause einzulegen, obwohl diese geplant war. "Mittlerweile brenne ich so sehr für die Sache, dass ich einfach bei jedem Wetter fahre." Dass Stopp seit einem Jahr ohne größere Pausen durch die Straßen Haars radelt, ist für Streit eine große Hilfe. "Wenn ich ihn nicht hätte, dann würde es schlecht ausschauen." Im Dezember erlitt Streit einen Schlaganfall. Seitdem fährt Stopp sie zur Krankengymnastik, zur Apotheke oder trägt ihr Getränkekisten in den Keller. Für die Rentnerin hat sich Stopp zu einem Alltagshelfer entwickelt, vor allem aber sei er ein Freund geworden, so die Seniorin, "und das sage ich nicht zu jedem". Anfangs war indes auch sie skeptisch: "Ich habe ihn auf dem Markt stehen sehen und mich gefragt, was das für einer ist. Eine Rikscha in Haar?" Generell weiß Stopp, dass er noch Überzeugungsarbeit leisten muss. Dabei helfen könnte ihm die Gemeinde, doch das ist nicht so einfach. "Wir können uns letztlich für das ,Ma-Ma-Mobil' einsetzen und teils in geringem Maße dafür werben," sagt Bukowski. Aber Stopp sei eben ein Unternehmer, den man weder bevorzugen könne noch wolle.

Im Sommer, da ist sich Bukowski aber sicher, wird es Stopp aus eigener Kraft schaffen, den letzten Skeptiker von seinem "Ma-Ma-Mobil" zu überzeugen. "Wenn die Leute wieder raus dürfen, die Sonne scheint und ein bisschen Normalität einkehrt, wird es richtig Klick machen." Auch Ingrid Streit blickt dem Sommer sehnsüchtig entgegen. Wieder in die Biergärten zu gehen, das wäre toll. "Ob ich bis dahin wieder selbst radeln kann, weiß ich nicht, aber ich habe ja noch Markus und die Rikscha."

© SZ vom 22.03.2021/belo
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