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Migranten in München (5): In Zahlen:Stadt der Vorzeigemigranten

Mehr Ausländer, weniger Probleme: Zahlen belegen, dass München im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten die weltoffensten Migranten hat, die überdurchschnittlich gut gebildet sind.

Kathrin Haimerl

Welch falsches Bild Schlagzeilen doch vermitteln können. Wenn es um die Integrationsdebatte geht, ist immer wieder von Berlin die Rede. Doch rein statistisch gesehen liegt der Ausländeranteil in München sehr viel höher - und zwar bei 23,4 Prozent. An diese Zahl kommt nicht einmal der als Problemviertel bekannt gewordene Stadtteil Neukölln heran. Insgesamt liegt die Quote in Berlin nach Angaben des Statistischen Amts Berlin-Brandenburg gerade einmal bei 13,5 Prozent.

Dennoch: München scheint mit der Integration weniger Probleme zu haben als andere deutsche Großstädte. Dafür jedenfalls rühmen sich Lokalkpolitiker gerne. Und Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) leitet daraus ab, dass der Freistaat in Sachen Integration auf dem richtigen Weg sei.

Tatsächlich leben in München überdurchschnittlich viele jener Migranten, die auch andere deutsche Großstädte gerne anlocken würden: In der wissenschaftlichen Fachsprache heißen sie "multikulturelle Performer" oder "intellektuelle Kosmopoliten".

Erstere, das sind die jungen Wilden. Modern, leistungsorientiert, erfolgreich, meist Akademiker. Auch jene aus dem intellektuell-kosmopolitischen Milieu sind tendenziell jünger, verstehen sich als offen und tolerant, als Weltbürger. Diese beiden Milieus gehörten zu denen, die den Heidelberger Forschern zufolge als am besten integriert gelten. Die Studie, die das Heidelberger Sinus-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Amt der Stadt München durchgeführt hat, zeigt, dass München bei diesen Gruppen unter den gelisteten Städten ganz vorne liegt.

Eine Errungenschaft der Politik? "Das lässt sich auf die wirtschaftliche Lage in München reduzieren", sagt Ronald Bauch vom Statistischen Amt Münchens, der an der Studie mitgearbeitet hat. "Attraktive Jobs und attraktives Umfeld - das zieht gut ausgebildete Arbeitskräfte an."

Die Forscher haben für ihre Studie die Migranten in acht Milieus eingeteilt, wobei sie ausdrücklich betonen, dass man nicht von der Herkunftskultur auf das jeweilige Milieu schließen könne: "Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Religion und Zuwanderungsgeschichte beeinflussen zwar die Alltagskultur, sind aber nicht milieuprägend und auf Dauer nicht identitätsstiftend", schreiben sie in ihrem Bericht. Die Ergebnisse im Einzelnen:

Die multikulturellen Performer: ein junges, leistungsorientiertes Milieu, das sich "mit dem westlichen Lebensstil identifiziert und nach beruflichem Erfolg und intensivem Leben strebe. Bundesweit liegt München mit einem Anteil von 19,6 Prozent klar vorne. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 13 Prozent, in Berlin sind es 11,3 Prozent.

Das adaptive bürgerliche Milieu: die "pragmatische, moderne Mitte der Migrantenpopulation", die nach sozialer Integration und einem harmonischen Leben in gesicherten Verhältnissen strebe. Der Anteil in München liegt bei 17,9 Prozent, das sind 1,9 Prozentpunkte mehr als der Bundesdurchschnitt. In Berlin sind es 13,2 Prozent.

Die intellektuellen Kosmopoliten: ein aufgeklärtes, global denkendes Bildungsmilieu mit "einer weltoffenen, multikulturellen Grundhaltung und vielfältigen intellektuellen Interessen". München liegt mit 15,3 Prozent vorne, bundesweit sind es 11 Prozent, in Berlin liegt der Anteil bei 11,3 Prozent.

Das statusorientierte Milieu: das klassische Arbeitermilieu also, "das durch Leistung und Zielstrebigkeit materiellen Wohlstand und soziale Anerkennung" erreichen will. In München liegt der Anteil bei 14,2 Prozent, 2,2 Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt. In Berlin sind es 11,3 Prozent.

Als problematisch in Bezug auf Integration erachten die Forscher die entwurzelten Milieus. Dazu rechnen sie das hedonistisch-subkulturelle Milieu, meist junge Menschen aus der zweiten Zuwanderergeneration ohne berufliche Perspektive, für die Feiern und Spaß am wichtigsten sei. Hier liegt Berlin mit einem Anteil von 20,2 Prozent unter den gelisteten Städten vorne. In München sind es 12,5 Prozent.

Gegenüber dem Bundesdurchschnitt unterrepräsentiert sind in München das traditionelle Arbeitermilieu (8,6 Prozent), das religiöse-verwurzelte Milieu (5,5 Prozent), das entwurzelte Milieu (6,3 Prozent). Zum Vergleich mit Berlin und dem Bundesdurchschnitt siehe obige Grafiken.

Und noch etwas fällt auf: Trotz hoher Ausländeranteile in den Stadtvierteln wie Milbersthofen-Am Hart mit 34,8 Prozent und die Schwanthalerhöhe mit 33,6 Prozent ist es dort nicht zu einer Art Ghettobildung gekommen. Monika Niedermayer, Sprecherin des Sozialreferats der Stadt, führt dies auf die "Münchner Mischung" zurück: Man habe in diesen Vierteln darauf geachtet, dass der Wohnungsmarkt in den Stadtteilen zu je gleichen Teilen aus frei finanzierten Mietwohnungen, aus Eigentumswohnungen, sowie aus sozialem Wohnungsbau bestehe. "Das zahlt sich nun aus."

Anders die Situation im Hasenbergl, das immer wieder als Problemviertel Schlagzeilen macht. Der Ausländeranteil liegt hier nur knapp über dem Münchner Durchschnitt bei 25,9 Prozent. In diesem Stadtteil sei das Münchner Mischmodell nicht zum Zuge gekommen, sagt Niedermayer. Der Sozialwohnungsanteil sei sehr hoch. "Im Nachhinein eine Mischung reinzubekommen, ist schwierig."

Es ist nicht das einzige Problem, mit dem die Stadt zu kämpfen hat. Eine aktuelle Studie, die die Stadt im Februar 2011 vorstellen wolle, zeige, wie sehr Migrantenkinder im Bildungsbereich benachteiligt würden. Ein Drittel würden bei der Einschulung zurückgestuft. Die Hälfte der Kinder aus Zuwandererfamilien verbleibe auf der Hauptschule. Und die Zahl, die es letztendlich bis zum Hochschulabschluss schaffe, stehe in keinem Verhältnis zum Anteil an der Bevölkerung, so Niedermayer. Die Stadt München wolle dieser Benachteiligung verstärkt durch Frühförderung entgegenwirken.

© sueddeutsche.de/bica/bön
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