Süddeutsche Zeitung

Migranten in München (1): Tuncay Acar:"Klingt wie Zylinderkopfdichtung"

Tuncay Acar ist einer der kreativen Köpfe Münchens - und Sohn türkischer Gastarbeiter. Im Gespräch verrät er, mit welchen Vorbehalten er bei "Bio-Deutschen" zu kämpfen hat.

Kathrin Haimerl

München gilt als Vorzeigestadt in Sachen Integration - ist das tatsächlich so? In einer Serie lässt sueddeutsche.de Migranten und Experten zu Wort kommen. Den Auftakt macht Tuncay Acar, einer der kreativen Köpfe Münchens. Zurzeit betreibt er zusammen mit Michael Schild die temporäre Veranstaltungslocation Import-Export-Bar in der Goethestraße, eine der wohl internationalsten Straßen Münchens. Im Rahmen des Munich Central Projekts der Münchner Kammerspiele haben Künstler und Kreative einen früheren türkischen Gemüseladen im April dieses Jahres zu der Bar umfunktioniert. Acar war lange Zeit Percussionist und Sänger der Münchner Funk Combo Homosupersapiens, betätigt sich nun vorwiegend als Musiker und Kulturschaffender und ist Vorstandsmitglied des Glockenbachwerkstatt e.V. Der 42-Jährige hat einen rot-blonden Bart, seine Haare versteckt er unter einer bunten Mütze. Sein Deutsch ist akzentfrei. Das wäre eigentlich nicht weiter bemerkenswert, denn der Mann ist in Deutschland geboren. Doch der Name verrät es: Tuncay Acar ist der Sohn türkischer Gastarbeiter. Gemeinsam mit seinen Eltern ist er in den achtziger Jahren in die Türkei gegangen. In den neunziger Jahren hat sich Acar für Deutschland entschieden, seine Eltern sind in der Türkei geblieben. Zu der derzeitigen Integrationsdebatte hat Acar viel zu sagen. Bereits im Vorfeld des Interviewtermins warnt er: "Bitte nicht die Quotentürkennummer draus machen. Da werd ich sauer."

sueddeutsche.de: Herr Acar, wie kommen Sie auf die Quotentürkennummer?

Acar: Ganz häufig kommt von den Deutschen eine überraschte Reaktion, sobald ich meinen Namen nenne. Dann heißt es: 'Du siehst nicht aus wie ein Türke.' Und: 'Du verhältst Dich nicht wie ein Türke.' Und dann: 'Aber du bist ja einer von den Guten.' Das nervt mich kolossal. Ich habe über diese Erfahrungen ein Lied für meine Band Homosupersapiens geschrieben. Der Titel: 'Der gute Kanake'.

sueddeutsche.de: Welche Staatsangehörigkeit haben Sie?

Acar: Ich habe einen deutschen Pass. Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen, ich will meine Rechte in vollem Umfang ausüben können. Aber ich empfinde mich selbst als Weltbürger, fühle mich der türkischen Kultur genauso verbunden wie mit der deutschen. Dabei divergieren Deutschland und die Türkei sehr stark.

sueddeutsche.de: Inwiefern?

Acar: Inzwischen weiß ich, dass man bei den Deutschen mit der Wortwahl wahnsinnig aufpassen muss, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Aber das ist in Ordnung, schließlich bin ich der Meinung, dass man die Ausdrucksfähigkeit einer Sprache voll ausreizen sollte. Allerdings kenne ich viele Bio-Deutsche...

sueddeutsche.de: ... Bio-Deutsche?

Acar: Das ist meine Antwort auf den Ausdruck Migrationshintergrund, Deutsche ohne migrantische Vergangenheit. Ich kenne viele Bio-Deutsche, die selber große Probleme haben, die deutsche Sprache grammatikalisch korrekt zu benutzen. So viel zu dem derzeit häufig geäußerten Vorwurf, die Migranten würden die deutsche Sprache kaputt machen. Da müssen sich die Deutschen schon an die eigene Nase fassen.

sueddeutsche.de: Was stört Sie an der politisch korrekten Bezeichnung Migrationshintergrund?

Acar: Das klingt einfach bescheuert. Wie Zylinderkopfdichtung. Man macht damit Menschen zu einem Apparat. Da hab ich's lieber, wenn man mich als Kanake bezeichnet. Das ist wenigstens ehrlich.

sueddeutsche.de: Sie sind in Deutschland geboren, haben in München die Realschule besucht, in der Türkei Abitur gemacht. Haben Sie als Kind Diskriminierung im Alltag erfahren?

Deutschland, ein großes Experimentierfeld

Acar: Ja, auch von Seiten der Lehrer. Ich hatte eine Meinungsverschiedenheit mit meinem Chemielehrer, woraufhin er vor versammelter Mannschaft sagte, ich solle doch auf mein Kamel steigen und weiterreiten.

sueddeutsche.de: Aber Ihr Deutsch ist doch perfekt, vollkommen akzentfrei.

Acar: Ich habe mir das antrainiert. Mein Deutsch war nicht immer so. Ich hatte lange Zeit eine gewisse Sprachblockade. In der Schule habe ich mich so durchlaviert. Die Rettung für mich war der Umweg über die Universität. Ich hatte während meinem geisteswissenschaftlichen Studium in München Dozenten und Kommilitonen, die mich mit ihren Worten beeindruckt haben. Erst da habe ich verstanden, worum es bei Sprache geht.

sueddeutsche.de: Wie hat Sie der Gastarbeiterhintergrund Ihrer Eltern geprägt?

Acar: Ich hatte immer das Gefühl, auf Abruf sein zu müssen. Ich hatte ein sehr unruhiges Leben, als Kind habe ich mich nicht wohl gefühlt. In der Schule war ich ein Niemand, in meiner Familie nur immer der kleine Junge.

sueddeutsche.de: Und doch leben Sie nun in München.

Acar: Ich habe meine gesamte Sozialisation hier verbracht. Meine Freunde waren hier. Ich habe mir hier mein kreatives Netzwerk aufgebaut. Mit 14 bin ich in die Hiphop- und Graffitti-Szene gekommen. Das war für mich eine wichtige Erfahrung, denn dort hatte ich eine Stellung, die ich nirgendwo anders hatte: Ich hatte eine Bedeutung, war einer der Akteure. Das gab mir Stabilität und Halt. Daraus nährt sich noch immer meine Kreativität.

sueddeutsche.de: Ihre Mutter ist in den achtziger Jahren in die Türkei zurückgekehrt. Auch Ihr Vater lebt inzwischen wieder in der Türkei. Wie ist das Verhältnis Ihrer Eltern zu Deutschland?

Acar: Meine Eltern haben sich in München nie heimisch gefühlt. Mein Vater hat hier mehr als 30 Jahre seines Lebens verbracht. Trotzdem muss ich in einem Restaurant die Bestellung aufgeben, er traut sich das nicht zu. Er ist ganz sicherlich kein Integrationsverweigerer. Im Gegenteil: Er hat sich größte Mühe gegeben, Teil dieser Gesellschaft zu werden.

sueddeutsche.de: Woran ist er gescheitert?

Acar: In den siebziger Jahren waren es die Migranten, die Integration gefordert haben. Sie wurde ihnen über Jahre verweigert. Häufig auf sehr subtile Weise. Mein Vater hat jahrzehntelang als Motormechaniker am Fliessband bei BMW gearbeitet, hat sich als Teil der Firma gefühlt, hat sich engagiert. Als es aber darum ging, den Posten des Vorarbeiters zu besetzen, entschied man sich für einen jungen Berufsanfänger. Das nenne ich einen respektlosen Umgang mit Menschen.

sueddeutsche.de: Nun wird wieder heftig diskutiert. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat die Debatte zusätzlich angeheizt mit der Behauptung, Türken und Araber würden sich mit der Integration besonders schwer tun.

Acar: Das ist eine Unverschämtheit. Die Politik muss sich endlich dessen bewusst werden, dass sie mit dieser Strategie motiviertes Fachwissen verliert. Leute wie Mesut Özil gibt es in vielen Bereichen, man muss sie nur lassen.

sueddeutsche.de: Qualifizierte Fachkräfte will die Bundesregierung ja willkommen heißen.

Acar: Hinter diesem Gedankengang steckt eine gewisse Bauernschläue. Man kann nicht sagen, nur die Mesut Özils sind willkommen, die anderen nicht. Ein negativer Diskurs, wie er derzeit über Integration geführt wird, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

sueddeutsche.de: In diesem Zusammenhang kommt häufig der Vorwurf, Migranten würden sich in Parallelgesellschaften zurückziehen.

Acar: Die Deutschen machen es sich ja auch bequem in Antalya und in Side - kaufen dort den Grund billig ein und bauen sich ihre deutsche Kolonie. So sind Menschen nun mal. Prinzipiell können sie das Ethnogeklüngel nicht verhindern. Sie müssen nur dafür sorgen, dass sich das einzelne Individuum nicht ausgeschlossen vorkommt.

sueddeutsche.de: Was machen die Deutschen falsch?

Acar: Nehmen Sie beispielsweise den Vorfall, als Außenminister Guido Westerwelle auf einer Pressekonferenz einen BBC-Reporter aufforderte, Deutsch zu sprechen. Natürlich ist es nicht verwerflich, von dem anderen zu fordern, die Frage in der Landessprache zu stellen. Aber Westerwelles Tonfall! Das ist eine Arroganz, die ich bei Deutschen häufig beobachte.

sueddeutsche.de: Das ist sehr verallgemeinernd.

Acar: Das mag sein. Aber ich hatte mit dieser komischen Haltung mein ganzes Leben über zu kämpfen. Deshalb mein Rat: Wenn Sie wollen, dass Menschen Ihre Sprache sprechen, müssen Sie sie dazu motivieren. Eine Reaktion wie jene von Herrn Westerwelle schreckt nur ab.

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