Meteorologie:Überflieger

Bei einem Mathematik-Wettbewerb haben Kirchheimer Gymnasiasten einen Wetterballon gewonnen. Eineinhalb Jahre später schicken sie ihn auf die Reise

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Beinahe die gesamte Schule hat sich auf dem Sportplatz des Kirchheimer Gymnasiums versammelt. Alle blicken gespannt auf ein abgesperrtes Areal in der Mitte: Dort breitet eine Gruppe von Jugendlichen eine große, weiße Ballonhülle auf dem Boden aus. Einige weitere Schüler basteln an einer kleinen Box, befestigen einen roten Fallschirm daran. In dem Paket befinden sich eine Kamera sowie einige Messgeräte, etwa ein CO₂-Sensor. Die Schülerinnen und Schüler wollen diese gemeinsam mit dem Ballon in den Himmel schicken. Vor knapp zwei Jahren haben sie als damalige neunte Klasse bundesweit den ersten Platz in einem Mathe-Wettbewerb belegt, die Prämie für den Sieg war ein Paket mit einem Wetterballon. Lange dauerten die Vorbereitungen auf den Start - mittlerweile sind die Jugendlichen in der elften Klasse. Am Freitag haben sie ihren Ballon endlich steigen lassen können.

Ein leises Zischen ist zu hören als die Gruppe damit beginnt, als das Helium in den Ballon einzufüllen. Die Hülle flattert wie ein Tuch, während das Gas hineinströmt. Langsam nimmt er Form an, wächst auf rund drei Meter Durchmesser an. Beim Aufstieg soll er sich auf einen Durchmesser von etwa zwölf Metern ausdehnen, bevor er schließlich platzt und das Paket mit den Messgeräten wieder auf die Erde fällt. Nach einigen Minuten sind 2000 Liter Helium eingefüllt, wie ein Schüler verkündet, damit ist der Ballon bereit. Unter großem Jubel entrollen die Jugendlichen langsam die Schnur, lassen den Ballon immer weiter in die Luft steigen. Jemand startet einen Countdown, die versammelten Kinder zählen lautstark mit. Bei null lassen die Jugendlichen die Schnur los - mit erstaunlicher Geschwindigkeit fliegt der Ballon in die Höhe. 18 Kilometer pro Stunde erreicht er, wie die ersten Daten zeigen. Wenige Minuten nach dem Start ist nur noch ein kleiner Punkt am blauen Himmel zu sehen. Bis zu 30 Kilometer hoch soll der Ballon fliegen - das entspricht der zwei- bis dreifachen Höhe eines Flugzeugs.

Meteorologie: Der Wetterballon wird mit 1000 Liter Helium befüllt.

Der Wetterballon wird mit 1000 Liter Helium befüllt.

(Foto: Claus Schunk)

"Wir haben schon erste Signale", sagt Lehrerin Lea Prüfer, die das Projekt betreut hat, mit einem Laptop in der Hand. Die Geräte scheinen zu funktionieren, die Aufregung der langen Planungen fällt ab. Eineinhalb Jahre haben die Vorbereitungen laut Prüfer gedauert, seit Frühjahr liefen die Arbeiten intensiver. Anfangs fand alles im Mathematik- und Physikunterricht statt, dann konnten sich die Jugendlichen freiwillig an den Nachmittagen und Wochenenden beteiligen. "Sie waren mit viel Einsatz dabei", freut sich Prüfer. Die Teamarbeit, die der Klasse bereits im Mathewettbewerb den Sieg brachte, habe sich im Wetterballonprojekt fortgesetzt.

Den Aufwand, der hinter einem solchen Unterfangen steckt, hat Prüfer nach eigenem Bekunden zunächst etwas unterschätzt. Es gab viel zu tun: Mit einer App musste berechnet werden, wie viel Helium in den Ballon muss und wo er voraussichtlich landen wird, zudem mussten alle Messgeräte getestet werden, Akku und Speicher der Kamera mussten geprüft werden.

In kleinen Gruppen brachten sich die Schülerinnen und Schüler der Lehrerin zufolge in den Bereichen ein, in denen ihre Fähigkeiten liegen. Benedikt etwa beteiligte sich am Bau des Ballons: Gemeinsam mit anderen schnitt er unter anderem Löcher für die Kameralinse und den CO₂-Sensor in das Paket und befestigte die Schnüre für den Ballon daran, wie er erzählt. "Das hat sehr viel Spaß gemacht." Im Geografieunterricht hat Benedikt eigener Aussage nach erst kürzlich etwas über die Atmosphäre gelernt: "Es ist interessant, jetzt selbst solche Daten auszuwerten", sagt er.

Meteorologie: Anschließend lassen ihn die Schüler an einer Schnur langsam nach oben steigen um ihnnach einem Countdown schließlich freizugeben.

Anschließend lassen ihn die Schüler an einer Schnur langsam nach oben steigen um ihnnach einem Countdown schließlich freizugeben.

(Foto: Claus Schunk)

Auch Julia ist eigenen Worten zufolge begeistert von dem Projekt. Am besten sei der eigentliche Start des Ballons gewesen. "Da haben wir endlich das Ergebnis der Arbeit gesehen. Wir haben den Ballon davor ja nie ausgepackt." Ihr Mitschüler Lucas ist nun gespannt auf die Daten, die die Geräte messen werden. Vor ein paar Tagen habe die Berechnung noch angezeigt, dass der Ballon im Chiemsee landen könnte - die Auswertung hätte dann nicht stattfinden können. "Zum Glück hat sich das noch geändert." Am Freitagmittag zeigte die Prognose eine Landung in der Nähe von Mühldorf an. Auf einer App verfolgen die Jugendlichen den Flug des Ballons anhand der Daten des eingebauten GPS-Senders. Kurz nach dem Start macht sich eine Gruppe gemeinsam mit der Lehrerin auf den Weg in die Richtung, in der sie die Landung erwarten - und tatsächlich wird der Ballon noch am Freitagabend gefunden. Er ist bis über die österreichische Grenze geflogen und in einem Wald südlich von Braunau gelandet. Nun beginnt die Auswertung der Daten.

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