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Meine Woche:Mit dem Segelboot in den Westen

Sandra Gutheil.

(Foto: Claus Schunk)

Als NeunJährige floh Sandra Gutheil mit ihren Eltern aus der DDR

Von Claudia Wessel, Grünwald

"Wir machen eine Abenteuerreise mit einem Segelboot", sagten ihre Eltern eines Abends im August 1980 zu Sandra Gutheil. Das fand die damals Neunjährige besser als den bis dahin eher "blöden Urlaub" in Polen. Jeden Tag musste sie mit ihren Eltern nach Danzig fahren, wo sie auf jemanden warteten, der nicht kam. Sandra wusste natürlich nicht, dass es die Fluchthelfer waren, die ihre Eltern treffen wollten. In dieser Woche wird der 30. Jahrestag der deutschen Einheit begangen, die Flucht der Familie Gutheil aus der DDR liegt genau 40 Jahre zurück.

Nachdem der Vater endlich Kontakt zu den Fluchthelfern hatte, denen er sich mit dem Codewort "Otto" zu erkennen gab, musste es schnell gehen. Für 100 000 Mark hatten zwei Weltumsegler den Auftrag angenommen, die Familie aus dem Osten zu holen. Sandra Gutheil, heute Gemeinderätin in Grünwald und von Beruf Physiotherapeutin, erinnert sich, dass es mitten in der Nacht los ging. Das Zelt, in dem sie mit ihren Eltern übernachtet hatte, ließ die Familie stehen. Am Hafen kletterten alle durch ein Loch im Maschendrahtzaun zum Segelboot.

Die Familie versteckte sich die ganze Nacht in einem kleinen Raum unter Seesäcken, wo sie von polnischen Kontrolleuren nicht entdeckt wurde. Von ihrem Vater, einem Zahnmediziner, bekam die Tochter eine Schlaftablette. Nach vier Tagen und vier Nächten und einem "Jahrhundertsturm", wie Gutheil sagt, erreichten sie eine kleine schwedische Insel, wo die Beinahe-Schiffbrüchigen von einer Familie aufgenommen und versorgt wurden. Dem Mädchen war hundeelend, sie war die ganze Zeit seekrank gewesen.

Was es mit der Abenteuerreise auf sich hatte, erfuhr Sandra Gutheil am nächsten Tag von ihrem Vater. "Aber das darf ich nicht, hat meine Lehrerin gesagt", war ihre Reaktion. "Wir waren ja in der Schule total indoktriniert worden und glaubten, im Westen hänge in jedem Haus ein Hitlerbild und alle seine Faschisten." Wie ihre Eltern es geschafft hatten, die Flucht zu organisieren, erfuhr sie erst später: Die Mutter hatte auf einem Parkplatz an der Transitautobahn den Fahrer eines türkischen Lkw angesprochen und ihm Geld geboten, wenn er sich bei einem Freund der Familie in West-Berlin melden und um die Flucht kümmern würde. Am 3. Oktober wird die Familie - die Eltern leben in Brannenburg - gemeinsam an die Reise in den Westen denken und ihre vor 40 Jahren gewonnene Freiheit anstoßen.

© SZ vom 28.09.2020

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