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Meine Hauszeit:Geburtstag im kleinen Kreis

Grünwald, Tag der offenen Gartentür, der Garten von Rolf Wanninger, 98, und Luise Piltz,

Wanningers Geburtstagsfest musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

(Foto: Angelika Bardehle)

Rudolf Wanninger wird 99 Jahre und wollte eigentlich groß feiern

Es raschelt und rumpelt, man hört ein leises "Hei, hei, hei" am Telefon. Rudolf Wanninger legt den Hörer beiseite und sucht gerade eine Rede, die er schon vor Wochen vorbereitet hat, die aber so schnell niemand hören wird. An diesem Mittwoch ist sein 99. Geburtstag, eigentlich wollte er diesen in einem Grünwalder Wirtshaus feiern und wie jedes Jahr seine Gäste mit ein paar Gedanken zum Leben begrüßen. Doch weil wegen des Corona-Virus alle Gaststätten zu haben, ist dieses Fest auf unbestimmte Zeit verschoben.

Wie er jetzt seinen Geburtstag verbringt? Wanninger weiß es noch nicht. Höchstwahrscheinlich werde seine Partnerin Luise Piltz, die er in seiner Rede als seine "gute Fee" und am Telefon als "fulminante Köchin" bezeichnet, einen Kuchen backen. Vor die Türe geht Wanninger dieser Tage nicht mehr, aus Angst, sich mit dem Virus anzustecken. Sein Haus und sein Garten in Grünwald, wo langsam die Tulpen herauskommen und die Krokusse blühen, sei seine "Gesundheitsoase".

"Und die gilt es zu verteidigen", hört man Luise Piltz im Hintergrund sagen. Sie ist Anfang 80 und geht nur noch nachmittags einkaufen, wenn fast nichts los ist, trägt Mundschutz und Handschuhe. Hamsterkäufe mache sie keine. "Die Krise führt ja nicht zu übermäßigem Hunger und am Ende muss man ja nur alles wegschmeißen", sagt sie. Piltz hat den Krieg und die harten Jahre danach erlebt, als es Lebensmittel nur gegen Marken oder auf dem Schwarzmarkt gab. Deshalb schwor sie sich, niemals Brot in den Müll zu werfen. Jüngere Menschen, die noch nie solche Not erlebt haben, glaubt Piltz, stürzten deshalb in eine größere Krise, wenn im Supermarkt einen Tag lang das Klopapier fehlt.

Auch Rudolf Wanninger kann vom Schwarzmarkt beim Sendlinger Tor in München erzählen, wo eine Schachtel Zigaretten 120 Reichsmark kostete. Die Geschäfte waren damals leer geräumt. Dann trat am 20. Juni 1948 - Wanninger kennt dieses Datum auswendig - die Währungsreform in Kraft. Die Deutsche Mark wurde eingeführt und die Schaufenster waren plötzlich über Nacht wieder voll. Aus solchen Erfahrungen habe er gelernt: "Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende." Oder wie Wanninger, der mit Anfang 20 als Pilot über dem Kaukasus abgeschossen worden ist und als einziger seiner Kompanie den Krieg überlebt hat, es in seiner Rede ausdrückt: "Glück ist nicht die Abwesenheit von Schwierigkeiten, sondern deren Bewältigung."

An dieser Stelle berichten wir in nächster Zeit von Menschen und ihrem Leben während der Corona-Pandemie. Wenn auch Sie etwas zu erzählen haben, was anderen vielleicht sogar Mut macht oder zum Nachmachen dient, schicken Sie uns eine E-Mail (gerne auch mit Foto) an: lkr-muenchen@sueddeutsche.de.

© SZ vom 01.04.2020

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