Süddeutsche Zeitung

Geburten im Landkreis:Fruchtbarer Boden

Endlich werden wieder mehr Kinder geboren. Im Landkreis München sogar besonders viele. Und das schon seit Jahren. Woran liegt das? Und was hat der Baby-Boom für Folgen? Auf der Suche nach Erklärungen zwischen Statistik und Praxis

Von Iris HilbertH und Bernhard Lohr

Zu wenige Kinder? Im Landkreis München sind solche Klagen nicht zu vernehmen. Hier sind die Schulen, kaum gebaut, schon wieder zu klein, Kindergartenplätze gibt es immer zu wenige und die Progosen für den Bedarf an Betreuungseinrichtungen werden ständig nach oben korrigiert. Das liegt natürlich rund um München an dem Zuzug. In den vergangenen zehn Jahren ist der Landkreis um etwa 30 000 Einwohner auf jetzt 336 000 gewachsen. Aber nicht nur. Baierbrunns Bürgermeisterin Barbara Angermeier etwa sagt: "Wir haben unsere Prognose anhand der ausgewiesenen Baugebiete erstellt. Damals haben wir mit 1,2 Kindern pro Frau gerechnet, jetzt sind es aber zwei bis drei."

Was Angermeier für die kleine Gemeinde im südlichen Landkreis feststellt, bestätigt den Trend: Die Geburtenrate in Deutschland geht nach oben. 1,5 Kinder je Frau meldete das Statistische Bundesamt Anfang dieser Woche für das Jahr 2015. Das ist seit 33 Jahren der höchste Wert und ein deutlicher Anstieg seit 2011 (1,39). Bayernweit sind die Zahlen ähnlich, im Landkreis München liegen sie sogar darüber. Das Institut für Sozialplanung, Jugend- und Altenhilfe (SAGS), das für den Landkreis München Statistiken unter anderen für die Schulbedarfsplanung erstellt, beziffert die Geburtenrate im Jahr 2015 bei 1,64 Kinder je Frau, mehr als im Vorjahr (1,55) und deutlich über dem Wert von 2013 (1,46). Laut SAGS liegt der Landkreis damit 10,5 Prozent über dem Bayernwert, vor zwei Jahren waren es noch 3,9 Prozent. SAGS-Leiter Christian Rindsfüßer sagt: "Seit drei Jahren ist der Swing drin."

Insgesamt gehen die Geburten im Landkreis vor allem in den Gemeinden nach oben, die große Neubaugebiete erschlossen haben, wie etwa Unterhaching, wo 2004 noch 184 Kinder auf die Welt kamen, vergangenes Jahr waren es 280. Spitzenreiter ist das nicht mal halb so große Unterföhring, das als jüngste Gemeinde im Landkreis gilt und einen Kinderboom verzeichnet. Von 62 Kindern in 2005 schnellte die Geburtenzahl auf 148 in 2015 nach oben. Der kostenlose Kindergartenplatz macht für junge Familien die Nordgemeinde besonders attraktiv.

Insgesamt gab es 2005 im Landkreis 2857 Neugeborene, zehn Jahre später waren es 3339. Dem Landkreis beschert das seit Jahren einen positiven Saldo in der Bevölkerungsentwicklung. Es werden mehr Kinder geboren als Menschen sterben. Die relativ hohe Kinderzahl prägt nicht nur die Politik im Landkreis, die Kitas und Schulen bauen muss. Es hängt so vieles dran an dieser erfreulichen Entwicklung.

Der Bürgermeister

Alle paar Monate lädt Stefan Schelle, Bürgermeister von Oberhaching, seine jüngsten Bürger und deren Eltern zur Audienz. Der "Babyempfang" ist zu einer wichtigen Veranstaltung in der Gemeinde geworden, "es geht vor allem ums Kennenlernen, es ist ein Netzwerktreffen, insbesondere für Eltern, die neu in der Gemeinde sind", sagt Schelle. Und das sind nicht wenige. Obwohl es kaum neue Baugebiete gibt, kommen durch die Nachverdichtung im Ort viele Zuzügler aus München und der näheren Umgebung in die Gemeinde, "und die bekommen dann bei uns das zweite oder auch dritte Kind", weiß der Bürgermeister. "Wir haben hier nicht die typischen Singlehaushalte sondern signifikant junge Familien." Vor welche Schwierigkeiten ein solcher Kinderreichtum die Gemeinden stellt - und dabei geht es nicht nur um die Neugeborenen - zeigt sich immer wieder bei den Betreuungseinrichtungen. "Teilweise müssen wir in einem Jahr eine komplette zusätzliche Kindergartengruppe einrichten", berichtet Schelle.

Der Statistiker

Christian Rindsfüßer vom SAGS-Institut berechnet alle vier bis fünf Jahre die Geburtenraten im Landkreis München. Dabei geht es darum, festzustellen, wie viele Kinder eine Frau im Lauf ihres Lebens bekommen würde, wenn ihr Geburtenverhalten so wäre, wie im Querschnitt aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren im jeweils betrachteten Jahr. Die Zahlen der einzelnen Gemeinden für den aktuellen Zeitraum werden Anfang kommenden Jahrers dem Landkreis zur Verfügung stehen. Im vorangegangenen Zeitraum zwischen 2007 und 2011 liegen Sauerlach (1,79 Kinder je Frau), Pullach (1,76), Straßlach-Dingharting (1,66) und Feldkirchen (1,62) vorne. Die Frage nach der Zahl der Kinder, die Frauen dann tatsächlich bekommen haben, kann erst für Jahrgänge beantwortet werden, die das Ende des gebärfähigen Alters (statistisch 49 Jahre) erreicht haben. Für den Jahrgang 1966 hat das Statistische Bundesamt eine durchschnittliche Kinderzahl von 1,53 Kindern errechnet. Rindfüßer macht darauf aufmerksam, dass die schwankende Anzahl der Geburten mit der Babyboomer-Generation zusammenhänge. Die starken Jahrgänge der Sechzigerjahre hätten Ende der Achtziger bis in die Neunzigerjahre für einen Anstieg der Geburtenrate gesorgt. Eine einfache Rechnung. Viele Frauen, viele Kinder. Jetzt würden deren Kinder bereits wieder Eltern.

Die Großfamilie

Sabrina Conrad (Name geändert) war es in die Wiege gelegt, einmal mit vielen Kindern im Schlepptau durchs Leben zu ziehen. Sie wuchs mit drei Geschwistern auf. Zu Hause rührte sich was. Die Mutter war daheim, als die Kinder aus der Schule kamen. Sabrina Conrad erinnert sich gerne an all das zurück. Jetzt lebt sie in Neukeferloh und ist selbst der Fixpunkt, um den sich das Familienleben mit vier Kindern dreht. Der Jüngste ist eineinhalb, die älteste acht. Grasbrunn biete alles, was eine Familie brauche, sagt Conrad. Die S-Bahn sei nah, zehn Minuten seien es zur Schule. Und nur hundert Meter die Straße runter gebe es viele Familie und Kinder im gleichen Alter. Die Kinder fänden jede Menge Spielkameraden. "An Halloween steigt eine Riesen-Party", sagt Conrad. Sie versucht vorzuleben, dass Großfamilie auch möglich ist, ohne sich abzuhetzen. Bei Familie Conrad funktioniert das freilich mit einem Verdiener. Weil sowieso immer ein Kleines zu Hause versorgt werden müsse, sei sie als Mutter auch immer daheim geblieben, sagt Conrad. Die Kinder schätzten das. Einen Krippen- oder Kindergartenplatz hätten sie deshalb nie gebraucht. Dass die Möglichkeit bestanden hätte, die Kinder auch dort unterzubringen, begrüßt Conrad freilich schon. Sie aber will die Kinder möglichst um sich haben. Immer wieder höre sie von anderen: "Genießen Sie das, es geht so schnell vorbei."

Die Kleinfamilie

Susanne Meier (Name geändert) gehört zu dem Jahrgang 1966, für den Statistiker jetzt 1,53 Kinder errechnet haben. Sie selbst hat nur ein Kind. Es kam auf die Welt, da war sie schon 36. Erst Schule, Studium, Ausbildung, eigenes Geld, hatte ihre Mutter immer gepredigt. Die Tochter sollte anders als sie selbst finanziell auf eigenen Füßen stehen, einen guten Beruf haben. Hinzu kam in dieser Zeit noch die Diskussion darüber, ob man überhaupt Kinder in diese Welt setzen solle: Waldsterben, Aufrüstung, Atomkraft und so weiter. Vielleicht hätte sie sich über all diese Bedenken hinwegsetzten sollen, hat sie später oft gedacht. Denn eigentlich wollte sie drei oder wenigstens zwei Kinder. Daraus wurde nichts. Es hat einfach nicht mehr geklappt. Das weiß nur keiner von denen, die ihr vorwerfen, "nur" ein Kind zu haben.

Die Hebamme

Sybil Küchle hat ungezählten Müttern und Babys in den ersten Wochen nach der Geburt geholfen. Seit 1987 arbeitet die Hebamme aus Ismaning in ihrem Beruf. Über fehlende Arbeit kann sie sich nicht beklagen. "Wenn man seinen Beruf liebt", sagt sie zur gestiegenen Zahl an Geburten, "dann freut man sich." Die Kehrseite kennt sie auch. Sie erlebt, wie der Druck auf Mütter gestiegen ist, alles rund um die Geburt organisiert zu bekommen. Hebammen sind knapp und begehrt. Bei Sybil Küchle laufen jetzt die Anmeldungen für Frauen, die im Mai entbinden werden. Früher habe sie auch noch spontan junge Mütter aufnehmen können. Das gehe nicht mehr. Auch seien werdende oder junge Mütter oft auf sich alleine gestellt. Wer sich zur Geburt in München bei einer Klinik anmelde, müsse damit rechnen, in eine andere Klinik verwiesen zu werden. Die Kliniken seien voll, sagt Küchle. Wegen der Fallpauschalen würden Mütter zudem schnell entlassen. Ihr wäre es ein Anliegen, sagt Sybil Küchle, dass Mütter beim Thema Geburt mehr "selbstbestimmt" agieren könnten.

Die Netzwerkerin

Evi Fahmüller sitzt an der Quelle. Bei ihr bekommen Schwangere und junge Mütter die Informationen und Angebote, die sie mit ihren Kindern brauchen. Dabei erlebt die Leiterin des Familienzentrums der Nachbarschaftshilfe in Haar, dass immer mehr die Babys und Kleinkinder den Takt im ausgebauten Familienzentrum bestimmen. "Wir erleben einen Wandel", sagt sie, "die Mütter gehen arbeiten, weil sie müssen." Hohe Mieten sind zu bezahlen, die Raten für den Hauskauf sind fällig. Und die relativ kurze Zeit von der Geburt bis zur Rückkehr in den Job will intensiv genutzt sein. Die Mütter wollten möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. "Alles ist etwas früher", sagt Fahmüller. Das Familienzentrum bietet Geburtsvorbereitung, Babymassage und Spielgruppen an. Es gibt ein Second-Hand-Kaufhaus und vieles mehr. Wichtig ist das offene Elterncafé, zu dem wöchentlich auch eine Hebamme dazukommt, was Fahmüller angesichts der Nachfrage nach qualifizierter Geburtsbegleitung geradezu als Privileg ansieht. 800 Besucher zählt das Familienzentrum in der Woche im Durchschnitt.

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Quelle:
SZ vom 22.10.2016
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