Verkehr im WürmtalStraßen-Durchstich fällt bei den Martinsriedern durch

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Ein begrünter Wall trennt in Martinsried die Wohnbebauung an der Röntgenstraße vom Gewerbegebiet an der Fraunhoferstraße. Das soll nach dem Willen der Anwohner auch so bleiben.
Ein begrünter Wall trennt in Martinsried die Wohnbebauung an der Röntgenstraße vom Gewerbegebiet an der Fraunhoferstraße. Das soll nach dem Willen der Anwohner auch so bleiben. (Foto: Catherina Hess)

Die Gemeinde Planegg stellt in einer Bürgerversammlung vier Varianten für eine Verbindung zwischen der Röntgen- und der Fraunhoferstraße vor. Doch die Ablehnung ist wegen der befürchteten Verkehrszunahme so deutlich, dass auch Bürgermeister Nafziger am Ende deutlich auf Distanz geht.

Von Rainer Rutz, Planegg

Die Planegger und vor allem die Martinsrieder wollen keine Würmtal-Tangente durch die Hintertür. Das ist das Ergebnis einer Sonderbürgerversammlung im Kulturzentrum Kupferhaus, bei der vier Varianten für einen Durchstich des begrünten Walls zwischen der Röntgenstraße und der Fraunhoferstraße in Martinsried vorgestellt wurden. Bürgermeister Hermann Nafziger (CSU) wurden rund 150 Unterschriften gegen das Projekt übergeben. Und selbst Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung mussten einräumen, dass eine Zunahme des innerörtlichen Verkehrs zu befürchten wäre.

Schon vor mehr als 40 Jahren wurde in Planegg und Martinsried über den Bau einer Umgehungsstraße diskutiert, die von Gräfelfing kommend an Martinsried entlang bis zur Münchner Straße Richtung Neuried führen sollte. Durch diese „Staatsstraße 2063 neu“, die auch Würmtal-Tangente genannt wurde, wäre eine direkte Verbindung zwischen der Lindauer und der Garmischer Autobahn geschaffen worden.

Ein Dutzend Varianten wurden entworfen, ungezählte Gutachten erstellt, Bürgerversammlungen wurden zum Thema abgehalten. Die Umgehungsstraße wurde zum Streitobjekt zwischen den Gemeinden Gräfelfing und Planegg, im Planegger Ortsteil Martinsried engagierte sich eine Bürgerinitiative dagegen, die bis heute aktiv ist. Sogar eine tiefer gelegte Variante bot das Straßenbauamt an, der Planegger Gemeinderat konnte sich jedoch zu keiner Lösung durchringen.

Vor rund 20 Jahren teilte das damals zuständige Straßenbauamt München den Planeggern deshalb erkennbar entnervt mit, man werde keine Umgehung mehr finanzieren, weil offenbar keine Einigkeit zu erzielen sei. Jahre später verzichtete die Gemeinde selbst offiziell auf eine Westtangente – nur um kurze später eine weitere Idee in die Welt zu setzen, wie man die neue Martinsrieder Ortsmitte vom Verkehr entlasten könnte: Durch einen Durchstich des begrünten und bewaldeten Walls zwischen Röntgenstraße und dem Gewerbegebiet an der Fraunhoferstraße.

De facto würde das nach den Befürchtungen vieler Martinsrieder eine Umgehung durch die Hintertüre bedeuten. Man entwarf vier Varianten, die mehr als ein Jahr in den Tiefen der Rathaus-Verwaltung schlummerten. Auf Antrag der Fraktion Pro Planegg und Martinsried wurden sie nun herausgeholt und vor etwa 120 Zuhörerinnen und Zuhörern erneut vorgestellt.

Die Versammlung im Kupferhaus verlief ziemlich chaotisch, der Unmut der Bürger war jederzeit zu spüren. Dabei ging es offenbar gar nicht so sehr um die einzelnen Details der vier Varianten, sondern um die ganz grundsätzliche Frage, warum ein Durchstich überhaupt zum Thema gemacht wurde, nachdem man schon vor Jahren eine große Ortsumfahrung angeblich endgültig zu den Akten gelegt hatte. Immerhin trennt der grüne Wall das lebhafte und verkehrsstarke Gewerbegebiet sehr wirksam von großen Wohngebieten, unter anderem von fünf in diesem Ortsteil liegenden Kinderbetreuungseinrichtungen und der Volksschule.

Die verschiedenen Gutachter sollten für die Gemeinde eruieren, ob ein Durchstich die nahegelegene Ortsmitte von Martinsried entlasten könne. Das Ergebnis war eher dürftig: Eine Entlastung, so hieß es, sei zwar in geringem Umfang zu erwarten. Ausgeschlossen werden könne aber auch nicht, dass sich der Verkehr – darunter auch viele Lkw – durch den mindestens 13 Meter breiten Durchstich einen Weg in Richtung Süden über die Röntgenstraße suchen werde. Auch die umliegenden reinen Anwohnerstraßen würden stark belastet, der Verkehr hier könnte sich laut einem der Gutachten im schlimmsten Fall sogar verdoppeln. Anneliese Bradel, eine frühere Gemeinderätin der Grünen Gruppe 21, die in der Gegend wohnt, rechnet sogar mit „1300 Pkw mehr vorbei an den Kinderzentren. Diesen Mehrverkehr haben die Gutachter gar nicht dargestellt.“ Ein Anwohner sprach wütend von „einer Umgehungsstraße, die mitten durch den Ort führen würde“.

Und selbst aus der Rathausverwaltung heraus wurde eine Verdoppelung des innerörtlichen Verkehrs nicht ausgeschlossen. Martina Argyrakis vom Umweltamt, die auch Mobilitätsbeauftragte der Gemeinde ist, sowie Andreas Löbe vom Bauamt betonten, dass sich der Verkehr ohnehin seine Wege suchen werde – ein deutlicher Hinweis darauf, dass Autofahrer, wenn sie von Gräfelfing in gerader Linie kommend durch die Fraunhoferstraße und den Durchstich in die Röntgenstraße bis zur Münchner Straße Richtung Autobahn fahren, die Strecke als eine Art Umgehung nutzen würden. Eine Durchfahrt durch Gräfelfing und Planegg würde sich so nämlich erübrigen, es entstünde eine Umgehung light.

„Planegg ist eine unglückliche Gemeinde, die am Verkehr leidet“, sagt der Bürgermeister

Bürgermeister Nafziger, der den ganzen Abend über ruhig und ohne erkennbare Regung die Wortgefechte verfolgt hatte, hielt es gegen Schluss der Veranstaltung offenbar nicht mehr aus: „Jetzt muss ich doch noch einiges sagen“, bemerkte er und holte zu einer Grundsatzrede aus. „Über 40 Jahre lang ist in Planegg und Martinsried kein politischer Wille zustande gekommen“, monierte er. Deshalb habe der Freistaat resigniert: „Wir haben es ja nicht einmal geschafft, die notwendigen Grundstücke zu erwerben.“ Die letzten Jahre hätten jedoch „viele Veränderungen, auch mehr Verkehr“ gebracht. „Planegg ist eine unglückliche Gemeinde, die am Verkehr leidet“, sagte Nafziger. „Bei uns fließt alles durch.“ Deshalb habe man auf der Suche nach einer Entlastung der Ortsmitte den Durchstich ins Spiel gebracht.

Nafziger ließ allerdings durchblicken, dass die Sonderbürgerversammlung wenig wirklich gute Argumente für einen wie auch immer gearteten Durchstich gebracht habe: „Die Stelle ist halt auch ungünstig wegen der vielen Kindereinrichtungen“, sagte er. Im Frühherbst soll der Gemeinderat über das Thema entscheiden. Die Rathausverwaltung muss dafür nun einen Beschlussvorschlag formulieren. Und ob dann das letzte Wort gesprochen, bleibt dahingestellt.

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