Innovation in der Medizin„Ich sehe KI als nicht mehr aufhaltbare Entwicklung“

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Gastroenterologe Volker Brand will bald KI als zusätzliches Auge bei der Erkennung von Polypen nutzen.
Gastroenterologe Volker Brand will bald KI als zusätzliches Auge bei der Erkennung von Polypen nutzen. (Foto: Johannes Simon)

In Martinsried soll künftig künstliche Intelligenz bei der Darmspiegelung eingesetzt werden. Gastroenterologe Volker Brand erzählt im Interview, wie die Technologie die Diagnose erleichtern kann.

Interview von Rainer Rutz, Planegg

Künstliche Intelligenz ist auch aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. In nahezu allen Diagnose-Bereichen, bei Operationen, in der Nachsorge oder der Medikamentenforschung wird heute die Technik eingesetzt. Auch im Bereich der Endoskopie ist KI auf dem Vormarsch. Sie wird als bildanalysierendes Verfahren zum Beispiel bei der Koloskopie (Darmspiegelung) eingesetzt und fungiert dabei als zusätzliches Auge. Der Martinsrieder Gastroenterologe Volker Brand, seit fünf Jahren im neuen Ärztezentrum niedergelassen, will seinen Patienten von Herbst an eine KI-unterstützte Koloskopie anbieten. Brand untersucht im Jahr rund 1500 Patienten. Das Verfahren bei der Darmspiegelung wird er in einigen Wochen den Hausärzten im Würmtal vorstellen.

SZ: Bei einer KI-unterstützten Darmspiegelung sollen deutlich mehr Polypen, die als mögliche Vorstufe zum Krebs gelten, erkannt werden können. Wissenschaftliche Ergebnisse sprechen von bis zu 35 Prozent mehr Funden. Im besten Falle trägt diese Untersuchung also dazu bei, Leben zu retten.

Volker Brand: Ja, Bilder werden live analysiert, gutartige Polypen, die sich aber zu einem Karzinom entwickeln können, werden markiert und stellen so eine Hilfestellung für den Untersucher, also für mich, dar. Das Verfahren ist durchaus schon weit fortgeschritten, KI im endoskopischen Bereich wird seit etwa fünf Jahren angeboten. Der Hauptnutzen für den Untersucher ist eine Hilfestellung bei der Bewältigung der Bilderflut, eine Reduzierung menschlicher Ermüdung oder von Unaufmerksamkeiten seitens des Untersuchers. Allerdings ist die KI nicht der einzige technische Fortschritt der letzten Jahre bei der Entdeckung von Läsionen im Darm. KI verstehe ich in diesem Zusammenhang als Einstieg in die Zukunft, wir arbeiten gerade mit der ersten Generation. Die ersten Tests, die ich machen konnte, haben mich sehr beeindruckt.

Was müssen Sie investieren? Wie viel muss der Patient selbst beitragen?

Das Gerät kostet um die 60 000 Euro in der Regel, einschließlich eines neuen notwendigen Prozessors. Nur die privaten Kassen zahlen bisher die Untersuchung. Um das Gerät zum Beispiel binnen drei Jahren zu amortisieren, muss ich vom Patienten etwa 46 Euro pro Koloskopie verlangen.

Sie bieten also in jedem Fall dem Patienten die Luxusvariante mit KI-Unterstützung an?

Als Arzt habe ich die Pflicht, den Patienten aufzuklären und ihm zu sagen, warum das besser ist. Natürlich sage ich ihm auch, dass es ohne geht. Die gängige Untersuchungsmethode ist etabliert und von hoher Qualität.

Deshalb wollen Sie auch die Hausärzte informieren.

Ja, wir haben ja demnächst unser fünfjähriges Jubiläum in Martinsried und da gibt’s viele Themen, über die man reden und diskutieren kann. Die KI-unterstützte Untersuchung – in absehbarer Zeit vermutlich auch in der Urologie – ist ein sehr wichtiger Punkt. Deshalb haben wir die Würmtal-Zuweiser eingeladen – rund 70 Hausärzte und 30 Kooperationspartner, darunter Professoren aus den Kliniken Starnberg und Großhadern für den Bereich Gastroenterologie und Urologie.

Volker Brand ist seit fünf Jahren im neuen Ärztezentrum in Martinsried niedergelassen.
Volker Brand ist seit fünf Jahren im neuen Ärztezentrum in Martinsried niedergelassen. (Foto: Johannes Simon)

Wie gehen Sie denn mit dem Thema Datenschutz um? Nicht jeder vertraut der KI.

KI-Systeme sind lokal betrieben, es gibt keine Übertragung oder Speicherung von Patientendaten im Internet. Die Trennung von Bildanalyse und Patientendaten garantiert höchste Datenschutzauflagen: Datenschutz und IT-Sicherheit sind für den Arzt zentrale Entscheidungskriterien.

Wie sieht Ihre Einschätzung der Zukunft mit KI im medizinischen Bereich aus?

Die KI hat Millionen Bildsequenzen angeschaut und gesammelt, mit deren Hilfe man erkennen kann, ob – bei der Koloskopie zum Beispiel – es sich um einen Polypen handelt oder nicht. Daraus resultiert eine große Chance in der Medizin – ergänzend zum erfahrenen Auge des Arztes. Zukünftige Einsatzgebiete wie Magenspiegelungen oder die Urologie stehen an. In der Radiologie ist die KI bereits unverzichtbar. Allerdings besteht ein gewisses Risiko der Überabhängigkeit junger Ärzte. Gründlichkeit und Erfahrung bleiben unverzichtbar. Ich sehe KI als nicht mehr aufhaltbare Entwicklung – mit Betonung der ärztlichen Nähe zum Patienten.

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