Luxussanierungen:Vertreibung aus dem Viertel

Lesezeit: 4 min

Mehr Fluch als Segen. Urbanistik-Forscher Gregor Jekel über das Phänomen der Gentrifizierung in München und deren Folgen.

Bernd Kastner

Das Gegeneinander von Mietern und Hauseigentümern, von eingesessener Bevölkerung und Sanierern ist Dauerthema in München. Derzeit kocht, wie berichtet, der Konflikt in der Maxvorstadt hoch. Gregor Jekel, 39, beschäftigt sich als Geograf am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin mit Wohnungspolitik und Stadtentwicklung. 2005 arbeitete er an einer Studie über das Glockenbachviertel mit. Bernd Kastner sprach mit ihm über das Gebaren von Investoren, die Machtlosigkeit einer Kommune und die Dynamik der Gentrifizierung.

Luxussanierungen: Luxussanierungen, wie hier in der Münchner Maxvorstadt, führen zur Aufwertung eines Stadtviertels. Steigende Mieten und die Verdrängung der Alteingesessenen sind jedoch häufig die Folgen.

Luxussanierungen, wie hier in der Münchner Maxvorstadt, führen zur Aufwertung eines Stadtviertels. Steigende Mieten und die Verdrängung der Alteingesessenen sind jedoch häufig die Folgen.

SZ: Stadtforscher sprechen immer von Gentrifizierung. Beschreiben Sie das doch bitte mal so, dass es auch der durchschnittliche Stadtbewohner versteht.

Gregor Jekel: Früher hat man bei uns von Yuppisierung gesprochen, man könnte auch Nobilisierung sagen. Es geht jedenfalls um die Veredelung eines Stadtquartiers. In Gentrifizierung steckt das englische Wort "gentry" für den niederen Adel, für eine Art Oberschicht, die in innerstädtische Quartiere zieht.

SZ: Und wie geschieht dies?

Jekel: Der Prozess besteht aus zwei Teilen: der Aufwertung eines Viertels und der Verdrängung der angestammten Bevölkerung. Idealtypisch ist dies in New York oder London zu beobachten, aber auch in Schwabing ist das vor Jahrzehnten schon geschehen. Es passiert meist in Quartieren mit vielen leer stehenden Wohnungen. Diese Viertel werden dann entdeckt von den Pionieren ...

SZ: ...Pioniere?

Jekel: Das sind Gruppen, die aus Künstlern, aus Kreativen bestehen, natürlich auch aus Studenten. Leute, die nicht viel Geld haben, auf günstigen Wohnraum angewiesen sind und Freiraum brauchen. Ihre Aktivitäten machen andere auf das Viertel aufmerksam, es entwickelt sich eine Szene. Der Ruf des Quartiers wird besser, immer mehr gehen dort abends aus oder wollen hinziehen - der erste Schritt zum Wandel.

SZ: Und der zweite?

Jekel: Dann kommen die mit mehr Geld. Das sind dann zum Beispiel Leute aus dem Medienbusiness, die erste berufliche Erfolge haben. Sie bevorzugen ein gewisses Umfeld, machen das Viertel damit noch attraktiver, und das zieht Bewohner mit noch mehr Geld an. In der Folge steigen die Mieten, die Spirale dreht sich. Dann verschwindet der Freiraum, die Pioniere von früher ziehen weiter ins nächste Quartier.

SZ: Das passiert seit Jahren im Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel.

Jekel: Naja, die Fachwelt diskutiert darüber, ob die Gentrifizierung in Deutschland in Reinform vorkommt. Bei uns wird der Prozess durch das Mietrecht zumindest deutlich abgefedert, es ist eine schleichende Entwicklung.

SZ: Und was ist mit dem Prenzlauer Berg in Berlin? Der ist doch längst Synonym für Aufwertung und Verdrängung.

Jekel: Genau genommen gab es dort lange Zeit gar keine Verdrängung alter Bewohner. Die sind freiwillig gegangen, weil sie nach dem Fall der Mauer raus wollten aus den maroden Altbauwohnungen. Erst in jüngster Zeit hat sich das geändert: Wer im Stadtteil eine neue Wohnung sucht, kann sich die oft nicht mehr leisten und muss wegziehen; das genau ist das Schleichende: die Verdrängung betrifft nur die Umzugswilligen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB