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Loisachgaufest in Baierbrunn:Ein Dorf trägt Tracht

Renate Händl hilft Julia Daxenberger, sich fachgerecht einzukleiden. Es kommt auf Kleinigkeiten an.

(Foto: Claus Schunk)

Dirndl und Lederhosen sind angesagt: Weil junge Leute Tradition wieder mehr schätzen, fiebert ganz Baierbrunn dem Großereignis entgegen.

"Ich bin der Sebastian und hab Zimmerer gelernt." Den jungen Mann, der plötzlich da steht am Rande der Zeltbaustelle, hat Richard Händl, der im Blaumann und mit Hut an den Biertischen für die Mittagspause sitzt, noch nie gesehen. Aber er freut sich, dass schon wieder ein junger starker Kerl mehr da ist, obwohl es schon so viele sind.

43 hat der Vorsitzende des Gebirgstrachtenvereins Georgenstoana Baierbrunn an diesem Vormittag gezählt, und diese haben das Zelt für das Loisachgaufest so schnell aufgebaut wie noch nie. Es ist erst halb zwei und die letzten Planen werden gerade auf das Dach gezogen. Dann kommt schon der Boden dran. "Und wir hatten gehofft, dass wir am Abend fertig sein würden", sagt Händl und kann es sichtlich kaum fassen.

Die vielen jungen Männer sind quasi eine Folgeerscheinung der Maimusi 2016, erzählt Händl. Damals gab es plötzlich einen Nachwuchsschub, 36 Paare tanzten mit dem Verein "Maimusi Baierbrunn" um den neuen Maibaum, so viele wie noch nie. Sonst waren es meist so um die 15 oder allerhöchstens 20. Und offenbar machte es diesen jungen Tänzerinnen und Tänzern im Alter von 16 bis 25 Jahren so viel Spaß, dass die meisten von ihnen umgehend auch Mitglieder bei den Georgenstoana wurden. Der Verein sah sich plötzlich vor neuen Voraussetzungen, was das Loisachgaufest betrifft.

Die Georgenstoana wollten erst gar nicht

Denn erst kurz zuvor hatten die Georgenstoana diesbezüglich eine "klare Absage" erteilt. Zwar hatten sie 1978 und 1998 bereits das große Trachtenfest mit rund 3000 Teilnehmern ausgerichtet und wären eben 2018 wieder dran gewesen. Doch sah es noch 2015 so schlecht mit dem Nachwuchs aus, dass man sich nicht in der Lage sah, ein so großes Fest zustandezubringen, erzählt Händl. Man trug dies beim Loisachgau mit 26 angeschlossenen Vereinen vor, doch auch dort war kein anderer Verein bereit, das Fest 2018 auszurichten. Fast sah es also schon so aus, als würde es in dem Jahr ausfallen. Dann schickte der Himmel den Nachwuchs.

Und bevor man dann lange nachdenkt, muss man den jungen Leuten etwas bieten, verrät, Händl, nämlich ein Ziel. Als dieses motivierende Ziel für die Neumitglieder erwies sich wunderbarerweise das Loisachgaufest 2018 in Baierbrunn. Die tatkräftige Hilfe der vielen Männer beim Zeltaufbau beweist, dass es eine gute Idee war, um die unternehmungslustigen Neuen bei der Stange zu halten.

Während die Männer Baierbrunns mit Zeltaufbau und weiteren logistischen Vorbereitungen beschäftigt sind, sind auch die Damen nicht untätig, versichert Monika Stockinger-Knab, die von Kindesbeinen an bei den Georgenstoana dabei ist. Denn im Jahr 1954 war es ihr Vater Mane Stockinger, der den Verein wiedergründete, ihr Großvater Josef Kettler war damals der Vereinsmusikant, bis vor 40 Jahren Franz Thalhammer übernahm. Das Tragen der Miesbacher Tracht, wie es im Loisachgau üblich ist, sowie leicht abgewandelt als Baierbrunner Tracht mit Adlerflaum, kennen sie und ihre beiden Schwestern von klein auf. Die Baierbrunnerinnen also seien diese Woche mit dem Herrichten ihrer Gewänder beschäftigt, ist sich Stockinger-Knab sicher. Sie selbst hat ihren "Schalk", so heißt das Gewand für die verheiratete Frau, bereits aus dem speziellen Karton geholt, in dem es das Jahr über aufbewahrt wird. Wichtig an diesem Karton sei, dass er rein naturbelassen sei, keine Chemie enthalte, damit diese nicht in die Kleidung übergehe und sie zerstöre. So eine Tracht nämlich hält ein ganzes Leben lang.

Stockinger-Knab hat ihren Schalk zu ihrer Hochzeit nähen lassen, inzwischen hat sie drei Söhne und eine Tochter, die bereits ihr rotes Gewand von früher trägt, das der unverheirateten Frau. Noch immer aber holt die Mutter jedes Jahr ihren Hochzeitsschalk hervor. Der übrigens noch nicht herausgelassen werden musste, wie sie lächelnd sagt, obwohl die Schneiderin seinerzeit gesagt habe: "In 30 Jahren schaust du anders aus, deshalb nähe ich ein Stück Stoff ein."

Vorfreude: Das Herrichten der Tracht stimmt auf das Fest ein.

(Foto: Claus Schunk)

Die Damen also holen ihre Trachten hervor und schauen nach, ob alles passt. Ob vielleicht hier und da eine Bordüre abgegangen ist oder es etwas anderes zu nähen gibt. Waschen steht nicht auf dem Programm, nur die Unterkleider kommen mit Wasser in Berührung. Ansonsten gibt es einlegbare Schweißpolster, die man austauschen kann. Die verheirateten Frauen treten in den gedeckteren Farben auf, ein Schalk ist meist schwarz, die Schürzen allerdings sind in schönen Pastelltönen zu haben. Außerdem trägt jede Frau im Decollete einen Strauß aus roten und weißen Nelken. Eine Sammelbestellung für 500 Stück wurde aufgegeben.

Die unverheirateten Baierbrunnerinnen erscheinen in Tiefrot. Früher trugen sie dazu weiße Tücher und Schürzen, inzwischen haben sie diese gegen rot-weiße Schürzen und Tücher ausgetauscht. Für die Herren werden die Lederhosen, Westen und Joppen meist ebenfalls von den Frauen hergerichtet, weiß Richard Händl.

Bevor es am Donnerstag losgeht, muss natürlich auch das Programm für den Heimatabend sitzen, das seit Langem eingeübt wird. Am Dienstag ist die große Generalprobe im Zelt, 145 Stunden lang haben die Tänzerinnen und Tänzer mit Musikant Thalhammer geprobt. An dem großen Ereignis sind aber nicht nur die Vereinsmitglieder beteiligt. Es macht quasi das ganze Dorf mit, so Stockinger-Knab. Wer noch helfen möchte, kann sich unter trachtenverein-baierbrunn.de melden.

© SZ vom 18.06.2018/belo

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