Süddeutsche Zeitung

Coronavirus im Landkreis München:"Von der Politik allein gelassen"

Museen, Wirte, Theaterchefs, Kindertagesstätten und Eltern bereiten sich auf die Lockerung der Ausgangsbeschränkungen vor. Viele beklagen die herrschende Unklarheit.

Protokolle von SZ-Autoren

Viele Menschen verfolgen derzeit gebannt die Nachrichten, weil fast jeden Tag Dinge verkündet werden, die das Leben jedes einzelnen betreffen. Gerade Kulturschaffende, Geschäftsleute und Eltern warten im Moment gespannt darauf, wann die wegen der Corona-Pandemie verhängten Beschränkungen gelockert werden, wann Kinder wieder in die Kita oder Schule gehen können, was Museen, Geschäfte und Restaurants oder Biergärten beachten müssen, bevor sie öffnen.

Matthias Riedel-Rüppel, Leiter des Kleinen Theaters Haar: Nachdem, was der Ministerpräsident gesagt hat, werden wir uns jetzt damit beschäftigen, ob wir den Theatergarten demnächst wieder öffnen können und ob wir dort Kultureinlagen veranstalten können. So ganz genau ist ja nicht klar, welche Auflagen wir beachten müssen, aber wir werden uns vorbereiten. Wir werden versuchen, die Wiese neben dem Theater, die der Gemeinde gehört, als Ort für die Bühne zu nutzen, damit das Ganze offener und weiter ist und sich die Besucher nicht eingeschlossen fühlen. Überhaupt müssen wir es schaffen, dass die Leute wieder den Weg ins Theater finden und Vertrauen zu uns gewinnen. Was generell die Kultur angeht, finde ich nicht, dass die Politik das bisher genügend berücksichtigt. Für mich, und ich weiß das auch von Kollegen, die im Bereich Kultur und Veranstaltungen tätig sind, wäre es wichtig, endlich eine Perspektive zu kriegen. Ein Signal, aufgrund dessen wir konkret arbeiten können. Das kann bedeuten: Am 1. September ist eine Öffnung mit Auflagen möglich oder auch erst am 1. Dezember. Das wäre auch für die Menschen, die betroffen sind, wie Techniker am Haus, Mitarbeiter von Agenturen und natürlich die Künstler wichtig.

Jan Ulrich Maue, Elternbeirat an der Grundschule West in Garching: Ich persönlich begrüße es sehr, wenn es nächste Woche für die vierten Klassen wieder losgeht. Mein Sohn ist in der vierten Klasse, der Übertritt ans Gymnasium steht an. Die Klassen eins bis drei müssen noch etwas warten, aber ich verstehe, dass alle sehr vorsichtig sind und dass der Schulbetrieb nicht gleich wieder voll losgehen kann. Dabei leiden die jüngsten Schüler massiv unter der Situation. Vermutlich findet der Unterricht für die Viertklässler in zwei Gruppen im wöchentlichen Wechsel statt, wobei die Schulleiterin eher einen tageweisen Wechsel vorziehen würde. Das ist noch nicht abschließend geklärt. Trotz allem herrscht derzeit noch eine wahnsinnige Unsicherheit bei den Eltern, die auch von der Politik geschürt wird. Mein Eindruck bleibt: Das Kultusministerium trifft Aussagen, die Schule muss es umsetzen, ohne Hilfe zu bekommen. Da wird die Verantwortung wieder bei den Schulen und den Eltern abgeladen.

Christine Heinz, Leiterin des Schlossmuseums in Ismaning: Ich freue mich sehr, dass wir unser Museum endlich wieder aufmachen können. Das ist ein Schritt zu mehr Normalität in diesen schwierigen Corona-Zeiten. Allerdings werden wir und auch das Kallmann-Museum sowie die Galerie im Schlosspavillon nicht schon am 11. Mai aufsperren, sondern erst am Wochenende darauf. Von Samstag, 16. Mai, an können dann die Besucher kommen. Bei uns im Schlossmuseum ist dann die Sonderausstellung "Wir gratulieren - Private Feste und Feiertage im Laufe der Geschichte" zu besichtigen. Führungen gibt es allerdings keine, auch Sonderveranstaltungen wie etwa zum Internationalen Museumstag am 17. Mai finden nicht statt. Besucher müssen eine Alltagsmaske tragen, und natürlich können nur vier bis fünf Leute gleichzeitig eingelassen werden, was jedoch kein Problem sein dürfte, weil der Andrang ja normalerweise eher überschaubar ist. Es ist nicht geplant, draußen Markierungen anzubringen, der Schlosspark bietet genügend Platz, um sich nicht zu nahe zu kommen. Für die Mitarbeiter gilt selbstverständlich die Maskenpflicht, und am Tresen haben wir eine Schutzscheibe installiert, Mittel zur Handdesinfektion stehen sowieso bereit. Der Museums-Shop ist auch offen. Bis Ende Mai verzichten wir im Schlossmuseum auf Eintritt.

Josef Sedlmair, Inhaber des Bergtierparks Blindham: Wir machen ab nächster Woche wieder auf. Es gibt natürlich gewisse Bereiche, die wir nicht öffnen dürfen, zum Beispiel den Spielstadel innen. Auch außen müssen wir Bereiche, wo das Abstandhalten nicht ganz einfach ist, noch absperren. Wir werden im Park auch Einbahnstraßenregelungen einrichten. Der April ist bei uns normalerweise der umsatzstärkste Monat, der ist jetzt leider komplett weggefallen. Das Problem war aber nicht der Lockdown, sondern das Virus: Die Leute hatten Angst, und diese Angst ist auch jetzt noch da. Es werden also immer noch viele ängstlich sein, der Parkbetrieb wird deswegen wahrscheinlich nicht ganz normal weiterlaufen wie vorher. Erleichterung ist aber schon da.

Franz Inselkammer, Brauereichef in Aying: Ich bin über die Lockerungen froh. Denn der Drang der Menschen nach Freiheit und Geselligkeit wächst. In den vergangenen Wochen haben wir im Biergarten eine Schänke aufgemacht. Bei gutem Wetter war richtig was los. Für uns war es allerdings eher eine Möglichkeit, unsere Lehrlinge zu beschäftigen. Die dürfen wir ja nicht in Kurzarbeit schicken. Dass es bald für alle Mitarbeiter mehr zu tun gibt, darüber freuen wir uns. So richtig jubeln kann ich aber nicht. Denn uns wird wohl mehr als die Hälfte des Umsatzes fehlen. Sonst saßen die Menschen im Sommer dicht auf den Bierbänken - so wie es sich für einen bayerischen Biergarten gehört. Dieses Jahr wird es da deutlich einsamer. Wie genau die Bestimmungen sein werden, ist aber noch nicht klar. Wir haben für alle Regelungen Verständnis und müssen dann sehen, welche Maßnahmen wir treffen. Im April und zum Teil im Mai haben wir unseren Wirten die Pacht erlassen. Ob das im Sommer auch nötig sein wird, weiß gerade niemand. Im Regen wollen wir keinen Wirt stehen lassen.

Hans-Albert Birkner, Leiter der Kinderkrippe Inziwinzi in Neubiberg: Ich fühle mich als privater Träger von der Politik alleine und zugleich im Regen stehen gelassen. Alleingelassen, weil die Handlungsanweisungen vom Kultusministerium, wie wir mit den Kindern umgehen sollen, dürftig sind und viel zu spät kommen. Im Regen stehend, weil ich mit den geplanten 300 Euro Ausgleichszahlung des Freistaats für nicht erhobene Elternbeiträge meine Kosten - ich habe drei Angestellte - nicht decken kann. Eine Notbetreuung bieten wir an, doch nur zwei von sonst zehn Kindern nutzen sie. Ich freue mich sehr, wenn alle wiederkommen, aber es ist spannend, ob einige Kinder neu eingewöhnt werden müssen. Gemeinsam essen können wir dann aber kaum, weil sich die nötigen Mindestabstände bei Kindern im Alter von zwei bis vier Jahren gar nicht einhalten lassen. Es sollte zudem bei Kindern und Betreuern getestet werden, ob sie coronavirenfrei sind, bevor alle wieder zusammenkommen.

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Quelle:
SZ vom 07.05.2020/hilb
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