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LMU-Präsident Bernd Huber:"Universitäten sind keine Supermärkte"

Der wiedergewählte LMU-Präsident Bernd Huber spricht erstmals über Reform-Probleme an der Uni München - und die Bildung in Zeiten des Sparens.

Wie geht es weiter mit der Universität München (LMU), jetzt, nachdem das Duell um den Chefposten entschieden ist? Bernd Huber, der alte und neue Präsident, der vor der Wahl geschwiegen hatte, spricht erstmals seit Monaten über die Aufgaben der kommenden sechs Jahre. Der 50-jährige Finanzwissenschaftler hat sich überraschend klar gegen den Philosophie-Professor und Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin durchgesetzt.

Bernd Huber, 2009

Bernd Huber über die Zukunft der LMU.

SZ: Sie haben mit 15 zu 1 Stimmen gewonnen. Ein bequemes Polster?

Huber: Ein großer Vertrauensvorschuss für die kommenden Jahre. Der Wahlerfolg verpflichtet mich aber auch, die LMU erfolgreich weiterzuführen.

SZ: Sie hatten die Unterstützung der Fakultäten, aber auch deren Ansage, dass es einiges zu bereden gebe.

Huber: Klar, an einer Universität mit mehr als 5000 Mitarbeitern und 45000 Studierenden gibt es immer Fragen und Probleme, die man angehen muss.

SZ: Die Dekane sehen Probleme beispielsweise mit der Verwaltung. Eine gewisse Regelungswut ließ sich ja an der Bologna-Reform beobachten.

Huber: Das ist ein Thema, das alle Hochschulen betrifft. Überall hat es eine Tendenz zur Überregulierung der Studiengänge gegeben. Jetzt hat die Politik im Zuge der Studentenproteste im Winter eine ganze Reihe von Deregulierungen vorgenommen. Die haben wir genutzt, um ganz gezielt die Studiengänge zu liberalisieren, beispielsweise die Prüfungsdichte zurückzunehmen und auch sonst für mehr Flexibilität zu sorgen.

SZ: Die Studenten haben sich eindeutig auf die Seite ihres Kontrahenten geschlagen, vor allem, weil er den Bologna-Prozesses stets scharf kritisiert hat.

Huber: Von einem Votum der Studenten generell gegen mich kann man nicht sprechen. Die Studierendenvertreter haben sich für Nida-Rümelin ausgesprochen, sind damit aber auf wenig Resonanz in der gesamten Studierendenschaft gestoßen. Ich will gerne zugeben, dass wir bei der Umstellung auf die Abschlüsse Bachelor und Master sicherlich Fehler gemacht haben - wie alle anderen Hochschulen auch. Es hat in Deutschland noch nie eine so tiefgreifende Reform der Studienstruktur gegeben. Bei allen Problemen im Detail aber bin ich ein dezidierter Befürworter der Reform, nicht zuletzt, weil sich unsere Universitäten damit international öffnen.

SZ: Beim Thema Studiengebühren werfen die Studenten Ihnen die Haltung eines "Wackel-Dackels" vor: sich immer wieder als Gebührengegner herauswagen, dann aber klar erklären, eine Senkung der Beiträge wäre ein Desaster.

Huber: Ich habe in der Tat immer darauf hingewiesen, dass Studienbeiträge ihre Probleme haben. Nur Tatsache ist auch, dass die bayerischen Universitäten damit 150 Millionen Euro im Jahr einnehmen, die kann man nicht mit einem Fingerschnippen wieder abschaffen. Das würde für die Universitäten eine finanzielle Katastrophe bedeuten. Da muss ich als LMU-Präsident verantwortlich reagieren. Manch einer macht es sich in der Debatte etwas zu leicht. Angesichts der klaren Frontstellung zwischen Staatsregierung und Studierendenvertretungen unterstütze ich schon von Beginn an den Fonds, wie ihn Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch plant: Für jeden Euro an Gebühren legt der Freistaat noch einen Euro zur Verbesserung der Lehre drauf. Das ist ein gerechter Ausgleich und wirkt friedensstiftend.

SZ: Für die nächste Runde der Exzellenzinitiative haben längst die Vorbereitungen begonnen. Sie haben jetzt die Aufgabe, die Vorauswahl der Projekte zu steuern, die die LMU einreichen will. Nicht nur angenehm, oder?

Huber: Sicher, die Auswahl der aussichtsreichsten Projekte, die wir in den kommenden Wochen mit breiter Beteiligung der Wissenschaftler treffen müssen, wird schwierig sein. Wir diskutieren über Pläne für zehn Graduiertenschulen - von den Geistes- bis zu den Naturwissenschaften - und einen großen Forschungsverbund in der Medizin.

SZ: Spätestens im kommenden Jahr beginnt das Hauen und Stechen, welche der Projekte aus der ersten Runde überleben können. Wie wollen Sie da vorgehen?

Huber: Wir setzen darauf, dass wir mit den Fortsetzungsanträgen für die laufenden Forschungsverbünde und Graduiertenschulen erfolgreich sind. Es handelt sich um hervorragende Vorhaben mit hohem wissenschaftlichen Potential und einer phantastischen Entwicklung in den vergangenen Jahren.

SZ: Die Zeiten für Hochschulen werden kaum besser. Geben Sie doch mal einen Tipp ab: Wann muss Minister Heubisch die Linie aufgeben, bei Bildung und Forschung werde nicht gekürzt?

Huber: Die Haushaltsverhandlungen werden wohl tatsächlich außerordentlich schwierig. Ich kann nur hoffen, dass die Hochschulen von Kürzungen weitgehend verschont bleiben. Wenn wir die Gesellschaft in Deutschland erfolgreich entwickeln wollen, müssen Bildung und Wissenschaft absolute Priorität haben.

SZ: Wie steht es mit den versprochenen Millionen für die Lehre?

Huber: Die Politik ist Verpflichtungen eingegangen. Es gibt ein klares Bekenntnis, an der Ausbauplanung zu den steigenden Studierendenzahlen festzuhalten. Dazu wird die Politik stehen müssen, sonst bräuchten wir all diese Pakte und Bündnisse nicht abzuschließen. Über Heubischs Fonds hat die Staatsregierung noch nicht entschieden.

SZ: All das, weil die Studentenzahlen deutlich steigen?

Huber: Ja, momentan sind alle Hochschulen überlastet. Die LMU ist von ihren Räumlichkeiten nur auf 25000 Studierende ausgelegt. Mit dem doppelten Abiturjahrgang 2011 werden sich die Probleme verschärfen. Aber noch vor Ende des Jahrzehnts werden wegen des demografischen Knicks die Studierendenzahlen deutlich zurückgehen. Da wird sich die LMU anstrengen müssen, auch für Studierende aus dem Ausland noch attraktiver zu werden. Dieser Umbruch wird schneller kommen, als man denkt.

SZ: Wie bleibt sie aber für die starken Jahrgänge attraktiv?

Huber: Wir bauen ja aus, in Bereichen, in denen es besonders eng ist wie etwa in der Schulpädagogik, haben wir noch zusätzlich Stellen geschaffen. Für den doppelten Abiturjahrgang bieten wir Studiengänge zusätzlich auch im Sommer an. Die LMU als besonders überlastete Universität hat sich aber bewusst entschieden, sich in geringerem Maße als etwa Erlangen oder Würzburg an dem Ausbauprogramm zu beteiligen.

SZ: An welchen Perspektiven müssen die Hochschulen arbeiten?

Huber: Wir müssen zum Beispiel eine Generaldebatte über die eigentliche Rolle der Universitäten führen. Ich sehe mit Sorge, dass sie zunehmend einer Anspruchsinflation ausgesetzt sind: Sie sollen Technologietransfer anbieten, mit der Wirtschaft kooperieren, Patente kreieren, hervorragende Nachwuchswissenschaftler ausbilden. Die Universitäten funktionieren dann als Supermarkt: Jeder kann sich aus dem Regal nehmen, was er braucht. Und wenn es leer ist: Bitte nachfüllen! Universitäten sollten sich auf ihre spezifischen Stärken konzentrieren, zum Beispiel auf die Grundlagenforschung, und nicht den gesamten Innovationsprozess abdecken.

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